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Streckenübersicht 1. Etappe von Bern nach Amsterdam  Total 1'426 km

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Mittwoch, 21. April 2010  Der Tag davor

Das Packen läuft bei Brand's immer nach dem gleichen Schema ab:

Zuerst all die sieben Sachen zusammentragen, genauer gesagt zusammensuchen. Danach folgen die Seufzer: "Wie bringen wir all dies in unsere Packtaschen?"

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Versuchen wir es doch einmal ...                     ... ist doch kein Problem

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Na also! Hat alles auch fein säuberlich auf unseren Rädern Platz. Wir sind startklar. Nun geniessen wir nochmals unsere weichen Betten. Morgen um 09.00 Uhr geht's los ....

Eine kleine Anekdote zum Start:

Wir breiten all unsere Sachen hinter dem Haus aus. Da der Rasen noch feucht ist, verwenden wir als Unterlage die Zeltunterlagsmatte. Am Rasenrand ist ein Rasenmäher in einer Dockingstation parkiert. Es ist so ein Ding, das automatisch ohne jegliche Hilfe den Rasen mäht. Wirklich praktisch. Ich komme mit einem Stapel Gegenständen vom Bastelraum und sehe, wie der Rasenmäher gerade über unsere schöne Unterlage gleitet. Die Scherblätter sind anscheinend geschliffen. Mehr als 50 kleinere und grössere Schnitte weist der Zeltboden auf. Da hilft nur noch grossflächig mit unserem Industrieklebeband den Boden verarzten. Wir wollen mal sehen, wie lange dieses Superklebeband hält, bis die Feuchtigkeit eindringt.

Donnerstag, 22. April 2010

Wie geplant radeln wir um 09.15 Uhr los. Die Tour ist eröffnet. 8 Grad zeigt das Thermometer an. Dazu noch etwas Bise als Gegenwind. In Schönbühl schalten wir einen kurzen Zwischenhalt bei der Valiant-Geschäftsstelle ein. In einem Bistro an der Sonne pflegen wir den Gedankenaustausch mit Stefan Lehner. In unterschiedlichem Tenu, versteht sich. Er in Anzug und Kravatte und wir in unserem Radlerdress. Auch unsere Jahreszielsetzungen sind nicht identisch.

Auf Nebenwegen erreichen wir die Emme, die uns nun als Leitschnur dient. Ab Solothurn wird dann die Aare zu unserem Kompass.

In Aarburg  suchen wir unsere erste Übernachtungsmöglichkeit. Der Campingplatz ist eigentlich noch geschlossen. Der Zeltwart hat uns jedoch telefonisch versprochen, das Tor zu öffnen und uns hereinzulassen. Das klappt ausgezeichnet. Danach wird das schwere Gittertor wieder geschlossen. Heute gibt es also keinen Ausgang. Durch den hohen Maschenzaun können wir jedoch die Burg und die Kirche von Aarburg in der Abendsonne bestaunen.

Nach dem Eindunkeln wird es unangenehm kalt. Rasch verkriechen wir uns in unsere Daunenschlafsäcke.

Strecke:  Köniz – Aarburg  90 km

Wetter:    Frühlingshaft, jedoch mit Bise (Morgen 8 Grad; Nachmittag 24 Grad)

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Einfahrt in Aarburg

Freitag, 23. April 2010

Die erste Nacht im Zelt haben wir überstanden. Zugegeben, im Wasserbett schläft’s sich besser als auf dem schmalen Mätteli, ist sicher nur eine Gewöhnungssache. Schlimmer waren jedoch die vielen Güterzüge, die auf der Brücke unweit des Zeltplatzes vorbeiratterten.  Ich wusste gar nicht, dass die SBB so viele Güterzugskompositionen hat und diese nachts alle über die Eisenbahnbrücke von Aarburg rollen.

Gegen Morgen wird es kalt, die Bise hat sich in der Nacht nicht zur Ruhe gelegt. Beim Aufstehen stellen wir erleichtert fest, weder innen noch aussen weist das Zelt Feuchtigkeit auf. Der Bise sei Dank. Wir können Aussen-,  Innenzelt und Unterlagsmatte in einem zusammen legen. Zeitersparnis mindestens 30 Minuten.

Die Strecke führt zu grossen Teilen der Aare und dann dem Rhein entlang. Zwischendurch auf eine Anhöhe oder durch Naturreservate.

In der Abendsonne, das nennt man Zeltlerglück, erreichen wir Möhlin. Das Zelt ist in 10 Minuten aufgestellt und die Heringe gesetzt. Weitere 10 Minuten und die Schlafunterlagen sowie Schlafsäcke befinden sich im Innenzelt und die Saggochen im Vorzelt. Eine Bestzeit! Das haben wir noch nie geschafft.

Strecke: Aarburg – Möhlin (kurz vor Rheinfelden)   106 km

Wetter:   Schleierwolken mit Sonne vermischt, ab Leibstadt Bise im Rücken (Morgen 9 Grad; Nachmittag 22 Grad)

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Einfach nur geradeaus ...

Wir brauchen keinen Atomstrom, nur unsere Muskelkraft. (Leibstadt)

Samstag, 24. April 2010

Als ich gegen Morgen im Zelt erwache und sich meine Nase wie ein Coolpack anfühlt, zeigt das Thermometer im Innenzelt noch 6 Grad an. Am Morgen beim Aufstehen ist es draussen nur gerade 4 Grad. Das Zelt ist sowohl aussen wie innen ganz nass. Was machen wir falsch? Doch die Sonne erbarmt sich und hilft uns beim Trocknen. Wenige Stunden später radeln wir in kurzen Hosen und einem T-Shirt durch den Frühling. Auf Naturstrassen und durch Auenlandschaften einfach dem Rhein entlang.

Auf der Insel vor Breisach schlagen wir das Nachtlager in Neuf-Brisach auf. Mit meinem Charme und einem „Francais bernois“ erkundige ich mich nach Verpflegungsmöglichkeiten. Die Dame an der Récéption telefoniert und organisiert. Und es funktioniert: Für das Abendessen und das Frühstück wird das Restaurant nur für uns alleine geöffnet. Zugegeben, sie haben nur eine reduzierte Speisekarte. Die Bedienung ist dafür um so herzlicher. Wir sind ja auch die einzigen Gäste.

Strecke: Möhlin – Neuf-Brisach (Frankreich) 92 km

Wetter:   Nach einem frischen Morgen frühlingshafte 26 Grad mit viel Sonne

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Noch 6 Grad im Zelt, im Schlafsack jedoch wesentlich angenehmer ...

Retablieren auf dem Zeltplatz Neuf-Brisach (Frankreich)

Sonntag, 25. April 2010

Auf fein geschottertem Dammweg radeln wir nordwärts. Die Räder mit dem Gepäck aber auch wir selber sind mit einer feinen grauen Staubschicht bedeckt. Wir werden zu grauen Mäusen. Zwischendurch bieten Umleitungen eine wahre  Herausforderung. Die Umleitung wird nämlich erst beim Hindernis signalisiert. Der Radler, wir eingeschlossen, hat immer das Gefühl, dass er irgendwie mit seinem Fahrrad neben der Baustelle durchkommen kann. Somit würde eine Vorinformation nicht viel nutzen. Das bedeutet jeweils umkehren und den richtigen Weg finden. Die Signalisation, wenn überhaupt vorhanden, ist nicht immer verständlich. Wir suchen immer Wege durch die Natur und meiden normale Strassen. Ja, man könnte es auch einfacher haben, aber sicher nicht schöner.

Heute, Sonntag sind viele Tagesausflügler mit dem Rad unterwegs. Mehrmals werden wir gefragt, woher wir kämen und wohin unsere Reise ginge. Wir fallen mit unserem vielen Gepäck auf. Oft entstehen interessante Diskussionen, denn die Personen, die uns ansprechen, reisen ebenfalls viel. In der Schweiz verhalten wir uns gleich. Kommt ein vollbepackter Radler daher, will ich auch immer wissen, von wo er kommt und wohin seine Reise geht. Das ist eben so bei Radler-Fans.

Strecke: Neuf-Brisach – Kehl 89 km

Wetter:   frühlingshaft

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Schöner aber staubiger Weg

Auch für Stahlrösser gestattet

Montag, 26. April 2010

Herrlich geschlafen. Mehrmals prasselte der Regen auf unser Zelt. Im warmen Schlafsack ein beruhigendes Gefühl. Einfach nicht ans Aufstehen und Zeltabbauen denken. Unser System, betr. Abbau des nassen Zeltes können wir weiter optimieren.

Den ganzen Vormittag hängen noch schwere, dunkle Wolken über dem Himmel. Zwischendurch ein leichter Nieselregen. Am Nachmittag geniessen wir wieder einen wundervollen Frühlingstag. Wir wählen für einmal die Route durch die Dörfer und Städtchen.

Nun befinden wir uns auf dem Campingplatz Rastatt. Ein Zeltplatz mit vier Sternen. Nur die einfachsten Dinge, die wir benötigen, fehlen. Der Laden schliesst bereits um 17 Uhr. Wir treffen wenige Minuten früher ein. Doch die Regale sind praktisch leer. Das Restaurant ist ebenfalls geschlossen. Ausser einigen älteren Personen in ihren Wohnwagen wirkt alles wie ausgestorben. Wieder einmal kommt unsere mobile Küche zum Einsatz.

Strecke: Kehl – Plitterstorf 75 km

Wetter:   kühler Morgen, sonniger Nachmittag bis 25 Grad

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Campingrestaurant hat noch geschlossen, so dass einmal mehr unsere Feldküche zum Einsatz kommt.

Dienstag, 27. April 2010

Gestern war ein herrlicher, warmer Abend und heute der kälteste Morgen mit 4 Grad.

Bei Neuburgweiher nehmen wir die Fähre und wechseln auf das linke Rheinufer. Strassen- und Dammunterhaltsarbeiten zwingen uns immer wieder zu kleineren und grösseren Umwegen. Die Beschilderung lässt oft verschiedene Interpretationen zu. Entschädigt werden wir jedoch durch eine abwechslungsreiche Strecke durch Felder, Wiesen und verschlafene Dörfer. In der Abendsonne erreichen wir Speyer.

Strecke: Plitterstorf - Speyer 85 km

Wetter:   kalter Morgen, sonniger Tag mit angenehmen Temperaturen

Nun sind wir eine knappe Woche unterwegs und haben etwas mehr als 500 km zurückgelegt. Wir sitzen gut im Sattel und haben keine Druckstellen zu beklagen. Wir haben uns nun warmgeradelt. Am meisten zu schaffen machen uns die kalten und feuchten Nächte. Die Tage sind dagegen angenehm, wenn auch eine frische Bise weht. Der Frühling ist hier am Rhein angekommen. Bäume und Blumen blühen. Auch die Auenlandschaft lebt. Ein Beweis sind die vielen Mückenstiche, die wir am ganzen Körper verteilt haben.

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Mit der Fähre ans linke Rheinufer

Mittwoch, 28. April 2010

Ein wunderschöner Tag. Wir radeln weiter in den Frühling. Eine grössere  Dammsanierung  zwingt uns zu einem Umweg. Die Beschilderung ist mangelhaft, so dass wir die Orientierung verlieren. Mehrmals erfahren wir spontane Unterstützung durch Einheimische, die mit dem Rad unterwegs sind. Eine Frau lässt sich nicht davon abhalten, einfach einen Teil der Strecke mit uns zu radeln.  Ein älteres Ehepaar, das uns ebenfalls begleitet, erklärt uns beiläufig, auf der Strecke: „Da drüben in diesem Haus wohnt Helmut Kohl.

Um 15 Uhr erreichen wir Worms. Spontan beschliessen wir, hier unser Nachtlager in einer Pension aufzuschlagen und die geschichtsträchtige Stadt zu besichtigen. Auf einem Stadtrundgang durchwandern wir zwei Jahrtausende der Geschichte von Worms. Am eindrücklichsten finden wir den Judenfriedhof „Heiliger Sand“. Es ist der älteste Judenfriedhof Europas mit zirka 2‘000 Gräbern, die teilweise über 900 Jahre alt sind. Ein weiterer Höhepunkt bildet der Kaiserdom St. Peter.

Strecke:  Speyer – Worms 62 km

Wetter:    frühlingshaft

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Einmal mehr eine Umleitung

Judenfriedhof von Worms

Donnerstag, 29. April 2010

Wieder herrlich geschlafen. Wir geniessen es, einmal kein Zelt abbauen zu müssen. Der Tag beginnt sonnig und warm. Kaum haben wir Worms verlassen, bemerke ich, dass ich nur noch einen Radlerhandschuh besitze. Bei einer Standortbestimmung in der Stadt habe ich einen Handschuh abgezogen und leider, wie immer, auf den Rucksack gelegt. Irgendwann und irgendwo muss er nun heruntergefallen sein. Die Chance, diesen noch zu finden, ist klein. Dennoch radeln wir die Strecke retour, kreuz und quer durch das Städtchen Worms. Und da finden wir den fehlenden Handschuh auf dem Boden. Es ist nicht der erste, auch nicht der zweite Handschuh, den ich so verlieren würde. Für einmal habe ich Glück gehabt.

Höhepunkt des heutigen Tages ist eindeutig Mainz mit dem Dom und der Uferpromenade. Alle Leute zieht es ins Freie. Auf den Wiesen liegen Jung und Alt und geniessen den wunderschönen Frühsommertag oder verbringen hier einfach nur ihre Mittagszeit.

Das heutige zentrale Thema der Leute ist die massive Unterstützung, welche die  Deutsche Bundesregierung Griechenland gewährt, genauer gesagt gewähren muss. Kommen wir mit Deutschen ins Gespräch, zeigen sie sich ungehalten, ja erbost und sehnen sich nach der alten Deutschen Mark zurück.

Kurz vor Rüdesheim finden wir einen ruhigen Zeltplatz direkt am Rhein. Da dieser über ein Restaurant am Wasser verfügt, entschliessen wir spontan, die mobile Küche nicht in Betrieb zu setzen. Vielmehr geniessen wir die tolle Abendstimmung bei einem feinen Nachtessen.

Strecke:  Worms – Rüdesheim 102 km

Wetter:   toller Frühsommertag bis 28 Grad

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Der Dom von Mainz

Freitag, 30. April 2010

In Rüdesheim übersetzen wir mit der Fähre auf die andere, d.h. die linke Rheinseite. Mit unseren schwer beladenen Rädern können wir nicht die Personen- und Radlerfähre benutzen. Wir fahren auf die Autofähre.

Eine grössere Strecke „pedalen“ wir auf dem Treidelpfad. Auf diesem Pfad wurden vor zwei Jahrhunderten die Schiffe mit Pferden an langen Seilen flussaufwärts gezogen. Die Strecke hat sich gegenüber den Vortagen wesentlich geändert. Weinbergterrasse über Weinbergterrasse. Fast keine Anhöhe ohne eine stolze Burg oder ein herrschaftliches Schloss. Der Rhein windet sich durch eine canyonähnliche Landschaft. Die Steilhänge beidseits des Rheins sind bis zu 30 m hoch. Ein besonders markanter Punkt ist der Felsvorsprung der Loreley. Ein älterer einheimischer Mann erklärt uns, dass das Mädchen Lore, Pflegekind bei einer Fischerfamilie, wirklich gelebt habe. Mythen und Wahrheit vermischen sich. Da der Rhein sich richtiggehend durch die Landschaft schlängelt, bläst der Wind immer wieder von einer anderen Seite. Bei Gegenwind, und der ist heute besonders kräftig, schaffen wir es knapp auf 15 km/h. Schiebt uns jedoch der Wind von hinten, dann „rollen“ wir locker über 30 km/h. Jedoch nur bis zur nächsten Flussbiegung, dann ist es mit geschoben werden leider schon wieder vorbei.

Strecke:  Rüdesheim – Andernach  101 km

Wetter:    Milde Nacht; tagsüber Wechselspiel von Wolken und Sonne

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Bergauf, bergab durch die Weinberge

Die Loreley

Samstag, 1. Mai 2010

Trotz des angekündigten Wetterumsturzes begrüsst uns wieder strahlender Sonnenschein. Wir radeln los und zwar führt uns die Strecke fast ohne Unterbrechungen direkt dem Rhein entlang. Da heute ein Feiertag ist befindet sich jedermann, d.h. Fussgänger mit und ohne Hund, Inline-Skater und unzählige Radfahrer am Rheinufer. In Remagen ragen die ehemaligen Brückentürme düster aus dem Ufer. Diese Brücke spielte im zweiten Weltkrieg für die amerikanischen Truppen eine zentrale Bedeutung (erste Rheinüberquerung).

Auch in Bonn führt uns der Radweg direkt dem Rhein entlang. Gegen Abend erreichen wir die Stadt Köln, wo wir durch das Wahrzeichen, den Dom, begrüsst werden. Spontan beschliessen wir, ein Hotelzimmer zu suchen und anschliessend etwas durch die Altstadt zu schlendern.

Strecke: Andernach – Köln  84 km

Wetter:   entgegen den Wetterprognosen viel Sonne

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Reste der Brücke von Remagen

Alles ist am 1. Mai unterwegs

Sonntag, 2. Mai 2010

Das Regenwetter ist am Niederrhein angekommen. Wir verpacken uns „wasserfest“  und radeln los. Trotz Regen besichtigen wir die alte Festungsstadt Zons mit der noch fast vollständig erhaltenen Stadtmauer.

Nicht nur das Wetter hat geändert, nein auch die Bauweise der Häuser. Anstelle von hellen Riegelbauten prägen nun dunkle Backsteinhäuser die Dörfer und Städte. Wir nähern uns dem Ruhrgebiet.

Bei starkem Regen erreichen wir Düsseldorf. Wir fahren und fahren durch die menschenleeren Strassen auf der Suche nach einer trockenen Unterkunft. Morgen soll das Wetter noch schlechter werden, somit ist für heute nichts mit zelten.

Strecke: Köln – Düsseldorf  65 km

Wetter:   leichter Dauernieselregen mit kräftigen Gewittern

Nun sind wir bereits 11 Tage am radeln und haben ungefähr 950 km zurück gelegt. Es kommt uns vor, als seien wir schon mehr als einen Monat unterwegs. Ein Grund ist sicher die grosse Abwechslung, die wir jeden Tag erleben. Kultur und Geschichte sind wesentlich spannender als erwartet. Das Interesse an der Geschichte wird bei uns erst richtig geweckt, wenn wir uns vor Ort befinden. Auf alle Fälle „fägt’s“  immer noch und es wird uns sich auch noch lange gefallen.

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Zons: Die Einen (Edi) erfreuen sich an den alten Mauern und die Anderen (Barbara) an den Leckerbissen hinter den Schaufenstern.

Montag, 3. Mai 2010

Wir starten heute Morgen bei knapp 6 Grad. Es ist deutlich kälter als noch vor wenigen Tagen.

Fehlende oder verwirrende Radwegweiser machen uns den heutigen Tag nicht einfach. Oft können wir nicht einmal unseren Standort auf der Karte bestimmen. Als verlässliche Orientierungshilfe dient lediglich der Rhein. Grosse Industriekomplexe mit direktem Rheinanstoss zwingen uns jeweils zu grösseren Umfahrungen. Dutzende von Industriekaminen stossen weissen und gelblichen Rauch in den Himmel. Wir sind im Ruhrgebiet angekommen. Es ist das grösste industrielle Ballungszentrum von Europa. Beeindruckend ist, wie eng Industrie, Landwirtschaft und Natur nebeneinander „leben“. Noch nie sind uns so viele Feldhasen vor den Rädern über den Weg gehüpft. Am Schluss beachten wir die Radwegweiser nicht mehr und fahren nach unserem Bauchgefühl. Nur so finden wir einen neu ausgebauten Dammweg, auf dem wir angenehm Richtung Xanten radeln. Nach fast 100 km Kälte sind wir richtig durchgefroren. Heute benötigen wir ein warmes Zimmer mit einer heissen Dusche.

Strecke: Düsseldorf  - Xanten 99 km

Wetter:   Start bei 6 Grad; über die Mittag knapp über 10 Grad, kein Regen

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Hier und jetzt haben wir genau 999 km zurückgelegt
(3. Mai 2010; 13.58 h / Nähe von Duisburg)

Dienstag, 4. Mai 2010

Auch heute Morgen ein Start mit kleineren Komplikationen: Barbara will mir im Lift ausweichen und fällt rückwärts über ihre eigenen Packtaschen. Das Resultat: Ein rechter lädierter Ellenbogen.

Gestern sind wir kaum gestartet, kam es mit unseren Rädern zu einer Kollision. Brand gegen Brand. Ich stoppte, um verschiedene Wegweiser zu studieren. Barbara, wie sie sagt, kann dies, ohne anhalten zu müssen. Dabei hat sie mich jedoch übersehen und ist in mich hinein gefahren. Die Saggochen dämpften den Aufprall. Wer ist schuld? Barbara meint, ich hätte an einem „blöden“ Ort angehalten. Ich verweise auf den Grundsatz im Verkehr: „Nicht beherrschen des Fahrzeuges (sprich Velos).“  Auf alle Fälle ist dies ein Beweis, dass auch die Frauen nicht gleichzeitig zwei Dinge bei voller Konzentration machen können.

Der heutige Tag ist weniger kalt als gestern und dennoch, der kühle und teilweise kräftige Gegenwind durchdringt die Kleider. Wir nehmen aus unserem mobilen Kleiderschrank das wärmste hervor,  inklusive „Kopflinge“ und „Halslinge“.

In Millingen aan de Rijn verlassen wir Deutschland und erreichen die Niederlande. Die Sonne zeigt sich immer öfters. Dafür bläst uns der kalte Wind noch kräftiger um die Ohren. Die Strecke in Holland führt auf Dämmen, durch Dörfer und Feldwege. Die Gärten wirken sehr gepflegt, doch für unseren Geschmack zu verschnörkelt.

Am Abend erreichen wir die Stadt Arnhem. Erwartet haben wir ein kleineres Städtchen. Angetroffen haben wir eine grosse Stadt mit einem schönen Altstadtkern.

Strecke:  Xanten – Arnhem   80 km

Wetter:   8 Grad beim Start, bis 15 Grad im Verlaufe des Tages; jedoch kalter, kräftiger Wind (natürlich von vorne …)

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der Kälte angepasste Kleider

Mittwoch, 5. Mai 2010

Gestern, wir sitzen in einer grossen Pizzeria. Es wird laut diskutiert und viel gelacht. Plötzlich wird es ganz still. Auch das Servicepersonal bleibt regungslos stehen. Wie im Film: Bild stopp, Ton aus.  Eine Schweigeminute für die gefallenen Menschen im 2. Weltkrieg, wie man uns später aufklärte.

Heute ist der Nationalfeiertag zum Gedenken an die Befreiung durch die Alliierten. Ein freier Tag für die Holländer. Auch der Wind hat heute anscheinend frei genommen, denn er bläst nicht. Wir sind nicht die einzigen auf Rädern. Auch wenn es nicht viel wärmer ist als gestern, sehr angenehm, es fühlt sich fast frühlingshaft an. Durch jedes Dorf, das wir radeln, treffen wir auf Festzelte und feiernde Leute. Es geht fröhlich zu und her. In Elst ist die Strasse für jeglichen Verkehr gesperrt. Wir müssen nicht lange warten. Ein grosser Festumzug zieht durch die Strasse: Musikkapellen, alte Militärjeeps, Militärlastwagen und Panzerattrappen mit den Fahnen der Alliierten. Die Männer und Frauen auf den Fahrzeugen tragen alte Militäruniformen. Die Menge am Strassenrand winkt und jubelt den vorbeifahrenden zu. Für uns eine interessante Abwechslung.

Im Stadtzentrum von Wijk bij Duurstede ist kein Durchkommen mehr. Alle sind am feiern. Spontan ändern wir unseren Plan und beschliessen, in diesem Ort zu übernachten und an dem fröhlichen Treiben teil zu nehmen. Wir geniessen die ausgelassene Stimmung, schlendern durch die Altstadt, zum Hafen und zur grossen Schutzmauer auf der Rheinseite. Dass die Holländer feiern können, ja das wissen wir seit der letzten Fussball-EM in Bern. 

Doch nun noch einige Gedanken zur Strecke. Wir radeln heute lange durch Buchenwälder. Ein schmaler, aber geteerter Weg schlängelt sich durch die hellgrünen Laubbäume. Es stimmt eben doch: Die Holländer haben das best ausgebaute Fahrradnetz. Auch die Beschilderung ist ausgezeichnet.

Strecke:  Arnhem – Wijk bij Duurstede  60 km

Wetter:   Windstill! Ab Nachmittag immer mehr Sonne (8 – 15 Grad)

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Fahrt durch Buchenwälder        

Umzug zum Gedenken an die Befreiung durch die Alliierten

Donnerstag, 6. Mai 2010

Für uns sehr früh, d.h. kurz nach 8 Uhr radeln wir aus der Stadt Wijk bij Duurstede. Das Etappenziel richten wir nach Wind und Wetter. Beim Start bläst der Wind angenehm von hinten. So macht’s Spass. Mehrmals übersetzen wir mit Fähren den Rhein. Nur der Fährmann der Ponte Steur hat noch Ferien. Es gibt keine Alternative, als einen grösseren Umweg einzuschlagen. Die eine Hälfte voll im Gegenwind, die Rückfahrt auf der anderen Seite des Kanals dann mit Rückenwind. Der Wind bläst den ganzen Tag kräftig, dafür scheint aber die Sonne. Im Abendlicht durchradeln wir den Nationalpark De Biesbosch. Die Seenlandschaft mit den Schilfgürteln entschädigt uns für das harte gegen den Wind strampeln. In Dordrecht angekommen suchen wir ein Hotel. Die Auswahl ist sehr beschränkt. Wir steigen in einem alten Wasserturm, der zu einem speziellen Hotel umfunktioniert worden ist, ab.

Gestern wie heute hatten wir interessante Begegnungen betreffend Verständigungsproblemen. Wir befinden uns in einer Vorortgemeinde von Dordrecht. Ein Jugendlicher auf seinem Fahrrad erklärt uns spontan auf holländisch den Weg ins Stadtzentrum. Wir versuchen, ihm zu erklären, dass wir nur Deutsch oder Englisch verstehen. Die einzige Reaktion ist, dass er seine Erläuterungen nochmals in holländisch wiederholt, einfach nur etwas lauter. Gestern stoppte uns ein älterer Herr, der mit seinem Rennvelo unterwegs war. Er wollte uns etwas über den Radweg mitteilen. Seine Nase tropfte und er war ganz ausser Atem. Wir versuchen ihm klarzumachen, dass wir kein holländisch verstehen. Doch er spricht einfach noch etwas schneller und scheint seine Ausführungen zu wiederholen. Seine Hände, die er zu Hilfe nimmt, helfen nicht zur besseren Verständlichkeit. Wir glauben, dass er uns vom Radweg durch den Wald abraten wollte. Als wir nach einer kurzen Konsultation der Karte den eingeschlagenen Weg dennoch fortsetzen, steigt er enttäuscht, jedoch immer noch mit tropfender Nase, auf seinen Renner und radelt davon. Die Strecke durch den Wald war für unsere Longrider nicht ganz einfach, doch ganz passabel.

Strecke:  Wijk bij Duurstede  - Dordrecht  110 km

Wetter:   8 bis 15 Grad, viel Sonne und Wind

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Städtchen Gorinchem

Nationalpark De Biesbosch

Freitag, 7. Mai 2010

Es regnet nicht den ganzen Tag, d.h. nicht immer, aber immer öfters! Das Thermometer steigt nicht über 8 Grad. Nach so vielen herrlichen Tagen bringt uns ein solcher mieser Regentag nicht aus dem Häuschen. Auch dann nicht, wenn die Nässe langsam durch Regenjacken und Regenhosen dringt.

Die Strecke führt an vielen Kanälen entlang. Die Landschaft ist urchig. Kaum zu glauben, dass wir uns so nahe bei Rotterdam befinden. Höhepunkt der heutigen Strecke bilden die Windmühlen von Kinderdijk. Mitte des 18. Jahrhunderts haben die Mühlen das Wasser aus der Tiefebene, die unter dem Meeresspiegel liegt, gepumpt. Nirgends auf der Welt stehen auf so engem Raum so viele Windmühlen. Die heute noch erhaltenen 19 Mühlen sind als Unesco-Weltkulturerbe eingetragen.

Bei Oud Ijsselmonde unterläuft uns ein ganz ganz kleiner Fehler: Es regnet und wir lassen unsere Velokarte im Plastiksack. Wir besteigen die Fähre und gelangen nach Krimpen. Den Fehler bemerken wir erst, als wir uns wieder vor einer Fähre befinden, an einem Ort, wo es gar keine geben sollte. Nur kurz bleiben wir fragend stehen. Schon stoppt ein Jugendlicher und erkundigt sich, ob er uns behilflich sein könne. Mit grossen Augen müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass wir uns nicht dort befinden, wo wir zu sein glaubten. So beschliessen wir, das Zentrum von Rotterdam links liegen zu lassen und auf der LF 2b Richtung Gouda zu radeln. Nach 50 Tageskilometern erreichen wir dieses schmucke Städtchen, bekannt durch den Käse Gouda. Barbara erklärt spontan, hier wolle sie natürlich einen Laib von diesem Spezialkäse einkaufen.

Strecke:  Dordrecht – Gouda 50 km

Wetter:   Schlechtester Tag der Reise: Immer wieder Regen; Temperatur nie über 8 Grad!

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Windmühlen von Kinderdijk (Unesco-Weltkulturerbe: Natürlich die Windmühlen und nicht Barbara)

Samstag, 8. Mai 2010

Wir geniessen den morgendlichen Einkaufsbummel durch Gouda.  Etwas vom bekannten Käse kommt mit in unsere Packtaschen. Erst am frühen Nachmittag radeln wir los. Nach 40 km sollten wir ja bereits am Ziel sein.

Wir wählen die Fernradroute Brüssel – Amsterdam, die LF 2b. In Reeuwijk unternehmen wir einen Abstecher durch das Kanalsystem. Wundervolle Villen sind diskret auf den Inseln eingebettet. Jedes Haus besitzt seine eigene Ziehbrücke. Seen mit Schilfgürteln, Kanäle und Sumpfwiesen wechseln sich ab. Eine äusserst idyllische Strecke und dies trotz Regen, der immer wieder kommt und geht. Nach diesem Umweg wechseln wir wieder auf die LF 2b und danach auf die regionalen Velowege. Diese sind numeriert. An den Knotenpunkten befindet sich jeweils eine Orientierungstafel, anhand welcher die Fortsetzung der Strecke bestimmt werden kann. So radeln wir alles auf Radwegen bis Amsterdam-Schiphol.  Nach 1‘426 km erreichen wir unser 1. Etappenziel.

Nun schalten wir ein Time-Out ein, bevor es mit der 2. Etappe weitergehen wird.

Ich werde in den kommenden Tagen noch einen kurzen Rückblick vornehmen und diesen in der Homepage festhalten. Die Zeit werden wir aber auch nutzen, unseren mobilen Haushalt zu optimieren. Dies bedeutet unter anderem, überflüssiges Material sowie Kleidung zu entsorgen und durch Fehlendes zu ergänzen.

Strecke: Gouda – Amsterdam Schiphol 76 km

Wetter:   Nieselregen und nie über 9 Grad

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Der Radweg führt dem Reeuwijk-See

sowie verschiedenen Kanälen entlang