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Streckenübersicht 6. Etappe von Stralsund nach Fulda  Total 1'361 km

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Sonntag, 22. August 2010

Von Berlin kommend, verbringen wir den Tag in der Altstadt und am Hafen von Stralsund.

Ein Höhepunkt ist der Besuch des Ozeaneums. Dieses Museum, als Botschafter des Meeres, hat die Auszeichnung „Europas Museum des Jahres 2010“ erlangt. Dies nicht zu unrecht, wie wir „Amateure“ es beurteilen können.

Nicht gerade ein Höhepunkt des Tages, jedoch mit viel Vorfreude, haben wir unsere Saggochen umgepackt. Anschliessend eine Kurzinspektion an unseren Rädern durchgeführt (vor allem geprüft, ob Barbaras Hinterreifen immer noch genug Luft hat).

Nun sind wir für die nächste Etappe startklar. Bevor wir entlang der Oder-Neisse südwärts radeln, verweilen wir noch einige Tage hier im Norden und besuchen die Inseln Hiddensee und Rügen. Einmal mehr starten wir nach dem Motto „Wir lassen uns einfach überraschen und sind gespannt auf all das Neue, das uns erwarten wird“.

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Blick auf Stralsund

Montag, 23. August 2010

Bei Sonnenschein geht’s mit der Fähre von Stralsund nach Hiddensee. Ein herrlicher Blick bietet sich vom Schiff aus aufs Festland und die Insel Rügen. In Neuendorf angekommen radeln wir zuerst südwärts zum Leuchtturm Gellen. Die vielen grossen Wasserpfützen zeugen noch von den starken Regenfällen der vergangenen Tage. Anschliessend fahren wir durch die autofreie Insel nordwärts zum Leuchtturm Dornbusch. Trotz den dunklen Wolken spazieren wir durch die Anhöhe hinter dem Leuchtturm. Die Insel ist wirklich ideal zum wandern und Velo fahren.

In Vitte verlassen wir mit der Fähre die Insel Hiddensee und fahren nach Schaprode auf Rügen. Dort erwartet uns starker Regen. Deshalb entscheiden wir uns für eine trockene Unterkunft. Wir finden ein altes Schulhaus, das nun als Pension genutzt wird. In der Gaststätte stehen anstelle normaler Tische Schulpulte. In den Tintenfasshalterungen befinden sich Salz- und Pfefferstreuer. Und was steht auf unserem Pult? Für Barbara ein Radler und für mich ein grosses Helles! Hausaufgaben bekommen wir jedoch keine.

Strecke:   Stralsund  –  Schaprode   29 km
Wetter:    Vormittag: schön, viel Sonne; Nachmittag: bewölkt, dann Gewitterregen

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Der Leuchtturm Gellen auf der Insel Hiddensee

Dienstag, 24. August 2010

In den Frühnachrichten werden Windstärken zwischen 8 und 9, begleitet von orkanartigen Windböen angekündigt. Und wirklich, bereits beim laden unserer Velos pfeift uns ein kräftiger Wind um die Ohren.

Wir radeln oft direkt dem Meer entlang. Führt der Weg auf eine Anhöhe an der Steilküste, wird es besonders windig. Unangenehm ist der Seitenwind mit seinen Böen. Da benötigen wir teilweise den ganzen Radweg. Wie Betrunkene schwanken wir. Der Wind ist einfach kräftiger als wir.

Der nördlichste Streckenabschnitt der Insel Wittow ist sehr schön. Barbara meint jedoch, der Wind und der sandige Boden mit all den vielen Löchern und Wasserpfützen benötige ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie könne die Gegend gar nicht richtig bewundern. Auf mein Angebot, morgen die gleiche Strecke in entgegengesetzter Richtung nochmals abzuradeln, winkt sie jedoch dankend ab.

In Lohme steigen wir im Hotel Nordwind ab, dabei blies doch den ganzen Tag der Westwind.

Die heutige Strecke bot viel Abwechslung, war jedoch mit insgesamt über 1‘000 Höhenmetern recht anstrengend. Sicher werden wir herrlich schlafen…

Strecke:  Schaprode  - Lohme   84 km
Wetter:   ganzer Tag starke Winde mit viel Sonnenschein

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Der nördlichste Küstenabschnitt der Insel        

Barbara muss sich voll aufs Fahren         konzentrieren und kann die Aussicht kaum geniessen

Mittwoch, 25. August 2010

Die Wettervorhersage für heute verspricht nichts Gutes. Von Lohme radeln wir nach Königsstuhl. Zuerst bestaunen wir von oben die bis 110 Meter zum Meer abfallenden Kreidefelsen. Trotz Regen steigen wir über vierhundert Stufen zum Meer hinunter und schlendern dem Strand entlang. Regen und Sonnenschein wechseln sich ab. Durch den starken Wind können wir die Ostsee einmal von der rauen Seite her bestaunen.

Durch den Nationalpark Jasmund geht es weiter über sanfte Hügel und auf naturbelassenen Waldwegen. Der Boden ist aufgeweicht. Oft sind es jedoch die ausgewaschenen Kopfsteinpflaster, die das Radeln erschweren. Nach zwei Stunden reiner Fahrzeit zeigt unser Velocomputer nicht viel mehr als 20 km an.

Kurz vor Binz besuchen wir den Koloss von Prora. In der Zeit von 1936 bis 1939 wurde durch die Nationalsozialisten der 4,5 km (!) lange Gebäudekomplex KdF (Kraft durch Freude) erstellt. 20‘000 Urlauber sollten sich in diesem Seebad erholen. Die Anlage wurde jedoch nie vollendet. Ruinen und baufällige Wohnblocks können heute bestaunt werden. Ein sinnloses und dennoch beeindruckendes Bauwerk.

Bei Moritzdorf müssen wir mit einer Fähre übersetzen. Mit einer grossen Glocke geben wir dem Fährmann am anderen Ufer ein Zeichen. Nun bemerken wir die Affiche, auf der steht „Wegen stürmischen Winden ist der Fährbetrieb eingestellt“. Doch der Fährmann erbarmt sich unser und rudert mit seinem Boot zu uns. Das gesamte Gepäck müssen wir von unseren Rädern abladen und im Boot stapeln. Daneben bleibt noch gerade Platz für unsere zwei Velos. Das Boot ist voll!

Weiter geht’s hinauf und dann wieder hinunter. Immer dem starken Gegenwind ausgesetzt. Die Sonne steht schon tief am Horizont. Barbaras Kräfte sind aufgebraucht, mit anderen Worten „Akku leer“. Sie stellt klar, dass sie so eine Tortur morgen nicht noch einmal mitmachen würde. Ich versichere: Morgen wird alles anders.

In Vilmnitz, ein Dorf aus wenigen Häusern, finden wir ein Nachtlager. Es war ein schöner Tag, der jedoch an unseren Reserven zehrte. Mit einem Durchschnitt von weniger als 13 km/h waren wir noch nie so langsam unterwegs.

Strecke:  Lohme  -  Vilmnitz bei Putbus   63 km  (über 900 Höhenmeter)
Wetter:    viel Sonne, mehrere kurze Regengüsse bei stürmischen Winden

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Kreidefelsen bei Königsstuhl

Koloss von Prora

Donnerstag, 26. August 2010

Wir pedalen weiter südwärts. Der Wind hat merklich nachgelassen Kurz bevor wir die Insel Rügen mit der Fähre verlassen, zeigt unser Velocomputer den Stand 6‘666 km an.

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Auf einer schmalen Nebenstrasse erreichen wir die Schnapszahl. Mit Kreide von den Kreidefelsen aus dem Nationalpark halten wir die 6‘666 auf der Strasse fest. Auf der Strecke begegneten uns keine Autos, bis wir die 4 x 6 auf den Boden schreiben. Es gibt Fahrer, die halten an und fragen: „Das habt ihr nicht mit euren Rädern gemacht, oder“? Wir bejahen. Die Antworten sind unterschiedlich. Einige wollen dies kaum glauben, andere meinen, wir seien verrückt.

Einmal mehr holpern wir über lange Strecken auf DDR-Betonplatten oder auf Kopfsteinpflastern. Beides ist auf die Dauer äusserst unangenehm, auch wenn die Landschaft idyllisch ist.

Am späteren Nachmittag erreichen wir Greifswald. Es ist die letzte Hansestadt, die wir besuchen

Wir sind uns nicht ganz einig. Barbara meint, wir hätten heute einige Regentropfen abbekommen. Ich bin der Überzeugung, dass wir einen regenfreien Tag hatten. Interessant, sind wir doch zur gleichen Zeit die gleiche Strecke geradelt.

Strecke:   Vilmnitz  -  Greifswald   67 km
Wetter:     bewölkt mit zum Glück nur wenig Wind, evtl. ein paar Regentropfen…

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Habe Barbara versprochen, heute werde alles anders. Sogar die Häuser stehen zum Teil auf dem Kopf ...

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Marktplatz mit Dom und Ratshaus von Greifswald

Freitag, 27. August 2010

Bei starkem Regen verlassen wir Greifswald. Es regnet und regnet. Die Strecke entlang der Ostseeküste finden wir trotz der Nässe ausgesprochen schön.

Vom schönen Fischerhafen Freest bringt uns die Fähre nach Peenemünde. Blickfang ist das russische U-Boot U 461. Es gehört zu den grössten nichtatomaren U-Booten welche die Russen je gebaut haben. Die Besichtigung ist spannend. Durch die Luken von einer Kammer zur anderen zu gelangen ist eng. Wir haben unsere Velohelme anbehalten. Eine vorausschauende gute Entscheidung. Bis zu 800 Stunden verbrachten die rund 80 Mann Besatzung auf engstem Raum unter Wasser.

Die Strecke führt weiter durch Wälder. Beidseits des Radweges stehen überall Warntafeln mit dem Hinweis, dass es lebensgefährlich sei, die Wege zu verlassen. Altlasten (Bomben und Munition) aus dem zweiten Weltkrieg sind die Gründe.

Wir haben noch nicht viel von der Naturparkinsel Usedom gesehen, sind jedoch begeistert. Im Ostseebad Zinnowitz finden wir nach langem Suchen eine Unterkunft.

Der Ausklang bildet ein Openair-Konzert auf dem grossen Platz vor der Seebrücke. Gespielt werden Schlager aus der Zeit, als wir noch jung waren…

Strecke:   Greifswald  -  Zinnowitz   67 km
Wetter:      viel Regen, der erst am späteren Nachmittag etwas nachlässt

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Das russische U-Boot U 461

Durch die Luken geht's von Kammer zu Kammer

Samstag, 28. August 2010

Wir fahren weiter der Ostsee entlang durch Wälder und Heilbäder, staunen und geniessen das langsame Radeln.

Kurz vor der Grenze zu Polen zweigt der Fernradweg ab. Wir beschliessen, noch kurz nach Polen weiter zu radeln. Auf der Karte „Ostseeküsten-Radweg“ ist allerdings keine Verbindung eingezeichnet. Doch wir erreichen die Grenze. Der Stacheldraht ist bis auf wenige Reste weg, geblieben sind die Betonpfosten. Wir sehen das Niemandsland zwischen den Grenzzäunen der beiden Staaten. Auch wenn nicht mehr viel zu sehen ist, für uns ergreifende Eindrücke.

Wir erreichen die Stadt Swinoujscie. Nicht nur die Strassenschilder sagen uns, dass wir im eigentlichen Ostblock angekommen sind, nein auch die verkommenen Häuser und die Menschen auf den Strassen. Es wird abgeraten, auf der polnischen Seite entlang der Oder-Neisse zu radeln, da stark befahrene Strassen benutzt werden müssen. So fahren wir zurück nach Deutschland.

In Kamminke warten wir auf die Fähre. Ein älterer Mann gesellt sich zu uns und beginnt zu erzählen. Ohne zu Fragen klagt er über die grossen Probleme mit den polnischen Nachbarn auf der anderen Flussseite. Wir sollen ja gut auf die Räder aufpassen. Das Verbrechen aus dem Osten sei bestes organisiert. Vor kurzem sei das Dorf richtig gehend „ausgeraubt“ worden. Wir wissen nicht, ob diese Geschichten stimmen oder ob etwas übertrieben wird. Aber wir hören dies nicht zum ersten Mal, sondern immer wieder, von einer Bevölkerung, die darunter zu leiden scheint.

Nach einer nicht ganz ruhigen Überfahrt über das Stettiner Haff, erreichen wir am Abend die Stadt Ueckermünde. In einer Radlerpension am Rande der Stadt steigen wir ab. Die Räder sind in einem Keller sicher eingeschlossen.

Strecke:   Zinnowitz  -  Ueckermünde   55 km
Wetter:      bedeckt und merklich kühler mit kurzen Aufhellungen

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Seebrücke in Ahlbeck                                          

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Stehen auf dem ehemaligen Grenzstreifen  zwischen DDR - Polen

Sonntag, 29. August 2010

Ein Radlerehepaar aus Frankfurt an der Oder gibt uns Ratschläge und schwärmt von der Strecke der Oder entlang. Durch die Überschwemmungen müssten wir vielleicht einige Umwege in Kauf nehmen, doch es lohne sich. Beeindruckend, wie die Beiden von ihrer Heimat schwärmen. Hinweise von anderen Radlern sind immer willkommen.

Die Strecke führt uns durch grosse Wälder. Die nassen Tage scheinen zumindest den Pilzen zu gefallen. Deshalb begegnen wir etlichen Pilzsammlern. Wir aber begnügen uns mit ein paar Fotos.

Ein Teil des Veloweges befindet sich auf dem alten Bahntrassee der Randower Kleinbahn. Bis zum 2. Weltkrieg hatte diese Bahn eine wichtige Bedeutung. Wir sind dankbar, auf dem zu einem Veloweg umgebauten Trassee radeln zu können, denn dies ist angenehmer, als die groben Kopfsteinpflaster.

Damit es uns nicht zu langweilig wird, werden wir noch kurz vor Löcknitz kräftig verregnet. Seit langem haben wir wieder einmal eine Ehrenschlaufe geradelt. Plötzlich stellen wir fest, ja da waren wir doch vor ca. einer halben Stunde. Beim zweiten Versuch wählen wir die richtige Abzweigung. Schuld war diesmal der starke Regen und die damit verbundene schlechte Sicht!

Strecke:   Ueckermünde  -  Löcknitz   63 km
Wetter:     viel besser als in den Wetterprognosen angekündigt. 

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Radweg durch den Nationalpark am     Stettiner Haff

Radweg auf dem alten Bahntrassee der
Randower Kleinbahn

Montag, 30. August 2010

Die ganze Nacht trommelt der Regen auf das Dachfenster. Wir bepacken unsere Velos und radeln im Regen los. Der Radweg ist gut ausgeschildert und führt durch Dörfer und übers Land.

Bei Mescherin beschliessen wir, nochmals einen Abstecher nach Polen zu unternehmen. Zuerst überqueren wir die West Oder, welche auch die Grenze zu Polen bildet. Danach fahren wir auf einem Dammweg durch eine Auenlandschaft und überqueren die Ost Oder und erreichen Gryfino. Eine Grenzstadt wie viele andere auch.

Zurück auf der deutschen Seite fahren wir durch den Nationalpark Unteres Odertal. Der Weg führt direkt der mächtigen und breiten West-Oder entlang. Im Regen sehen die riesigen Bäume und die urchige Uferlandschaft noch beeindruckender aus.

Wir erreichen Gartz und sind erstaunt und betroffen. Die Stadt ist in einem erbärmlichen Zustand. Ende des 2. Weltkrieges wurde Gartz stark zerstört und man glaubt es kaum, bis heute ist noch nicht alles wieder aufgebaut. Mit der Verschiebung der Deutsch-Polnischen Grenze wurde Gartz zur Grenzstadt und noch mehr ins Abseits gedrängt.

In der Pension Pommernstube werden wir ausgezeichnet verköstigt. Die Wirtin bringt uns ein altes Fotoalbum mit Bildern von Gartz aus besseren Zeiten. Für einen Abend können wir ein wenig am Dorfleben teilhaben.

Strecke:  Löcknitz – Gartz  64 km
Wetter:   ganzer Tag Regen und kühl

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Fahrt im Dauerregen

Blick auf die West-Oder

Dienstsg, 31. August 2010

Heute scheint das Wetter nicht der Wetterprognose zu gehorchen. Die Sonne blendet uns bereits durchs Fenster.

Nach einem ausgiebigen Frühstück hat die Wirtin Zeit und auch das Bedürfnis, mit uns über Gott und die Welt zu plaudern. Wir besteigen die Räder. Unsere heutigen Begleiter, die Sonne und der Rückenwind, geben uns einen kräftigen Motivationsschub.

Die Strecke führt direkt der Oder entlang und durch die Auenlandschaft. Das Odertal ist eine der letzten naturnahen Flussauenlandschaften des westlichen Europas. Wir sind begeistert von diesem Streckenabschnitt. Die gut ausgebauten Radwege, die durch die unberührte Natur führen, sind beeindruckend.

Im Örtchen Gross Neuendorf beschliessen wir, die Tagesetappe zu beenden. Im „Maschinenhaus“, welches zu einem Hotel umgebaut worden ist, beziehen wir in der obersten Etage ein Zimmer mit Blick auf die Oder und nach Polen. Morgen heisst es, vom Flusssystem Abschied zu nehmen.

Strecke:  Gartz  –  Gross Neuendorf   85 km
Wetter:   leicht bewölkt mit Sonne

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Wir radeln der Oder entlang

...und manchmal auf polnischer Seite

Mittwoch, 1. September 2010

Über der Oder verziehen sich die letzten Nebelschwaden. Die Sonne scheint und wir radeln südwärts. Kurz nach dem Start werden wir aufgehalten. Eine detaillierte Radlerbefragung im Auftrag des Bundeslandes Brandenburg. Was die alles von uns wissen wollen.

In Sydowswies verlassen wir die Oder und damit auch den Oder-Neisse Radweg. Weiter geht’s auf dem Europaradweg R1. Trotz negativen Berichten sind wir beeindruckt von der ausgezeichneten Beschilderung und den Radwegen, die abseits der Strassen führen. Die vielen Kopfsteinpflasterwege weisen am Rande jeweils einen schmalen Streifen auf, der mit fein verlegten Verbundsteinen versehen ist. Auf diesen radelt man fast wie auf Watte.

Nach über 110 km erreichen wir unser Tagesziel Berlin-Köpenick. An der Spree stärken wir uns mit Teigwaren und beobachten die Ruderequipen, die in der Abendsonne trainieren.

Strecke:   Gross Neuendorf  -  Berlin-Köpenick   114 km
Wetter:   Sonnig und bewölkt

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Wir verlassen die Oder

Angenehmer Radstreifen neben dem   Kopfsteinpflaster

Donnerstag, 2. September 2010

Wir sind nicht zum ersten Mal in Berlin. Mit dem Velo in das Stadtzentrum zu radeln ist dennoch etwas ganz Spezielles. Der Europaradweg R1 führt uns direkt zu den geschichtsträchtigen Strassen und Plätzen. So auch zur East-Side-Gallery. Hier steht das grösste noch erhaltene Teilstück der Mauer, das mit über 100 Malereien versehen worden ist. Viele dieser Kunstwerke fordern zum Nachdenken auf, andere rufen einfach nur die absurde Stadtteilung in Erinnerung. Wir fahren aber auch auf der breiten Strasse, wo zu DDR-Zeiten an den Jahrestagen die Militärparaden stattfanden. Auf der Allee „Unter den Linden“ radeln wir direkt zum Brandenburgertor und zum Reichstagsgebäude mit dem Plenarsaal.

Auf den Radwegen liegen wieder Scherben von zerbrochenen Flaschen herum. Nicht immer ist es möglich, diesen Glassplittern auszuweichen. Bei einem Fahrradfachhändler entschliessen wir spontan, die drei restlichen Reifen ebenfalls durch Marathon plus (unplattbar) auszuwechseln. Die alten Reifen haben ja auch schon zwischen 7‘000 und 11‘000 Kilometern, und nicht gerade die Angenehmsten auf feinem Belag.

Strecke:   Berlin-Köpenick  -  Potsdam   56 km
Wetter:    Wolken, Sonne und ganz kurz Regen

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Bei der East-Side Gallery            

Beim Brandenburgertor

Freitag, 3. September 2010

Der Herbst ist da. Über der Altstadt von Potsdam verzieht sich der Nebel und ein herrlicher Morgen präsentiert sich.

Die heutige Strecke führt über Felder, Wiesen und durch Wälder. Nur selten fahren wir auf einer normalen Strasse. Meistens auf gut ausgeschilderten Velowegen mit einem feinen Belag. Wir wissen diese Vorzüge zu schätzen. Auch die Landschaft beeindruckt uns. Allerdings gibt es noch bedrückende Gegenden. Denn nicht alle Dörfer scheinen von der Wiedervereinigung profitiert zu haben. Es gibt Ortschaften, die mit ihren halb verfallenen Häusern in einem erbärmlichen Zustand sind und sicher auch bleiben werden …

In der Abendsonne erreichen wir Lutherstadt Wittenberg. Im Jahre 1517 hat Martin Luther seine 95 Ablass-Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg angeschlagen. Die Geburtsstunde der Reformation. Auf dem Marktplatz stehen gegenwärtig 800 Luther Statuen, welche seine Botschaft in die ganze Welt verbreiten sollen, und zwar mit seinem Spruch: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“.

Strecke:   Potsdam  -  Lutherstadt Wittenberg   105 km
Wetter:     viel Sonne

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Der Nebel ist weg, wir lassen uns von der Sonne aufwärmen

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Marktplatz in Lutherstadt Wittenberg

Samstag, 4. September 2010

Wir stehen an einer Kreuzung und versuchen, anhand der Karte den Weg aus der Stadt zu finden. Eine ältere Dame spricht mich an: „Entschuldigen sie, darf ich ihnen etwas sagen?“ Sie zeigt auf meine nicht mehr ganz neuen Kniestützen. „Sie müssen sich solche besorgen“. Sie hebt ihren langen Rock und präsentiert stolz ihre Kniestützen mit Seitenverstrebung und Kniescheibenkappe. Sie fährt fort: „ Sie in ihrem Alter können sich solche verschreiben lassen, das muss die Kasse bezahlen“. Schmunzelnd bedanke ich mich bei der Dame für die Information. Sie humpelt weiter. Bin ich wirklich schon so alt?

Das Hochwasser an der Elbe ist noch nicht überall gewichen. Viele Auen und Felder stehen im Wasser. Dies ist sicher der Grund, dass es nur so wimmelt von Stechmücken. Sind wir in Bewegung, besteht kein Problem. Sobald wir für ein Foto oder für eine Pinkelpause anhalten, werden wir nicht nur umschwärmt, sondern richtiggehend attackiert. Nicht einmal der Mückenspray hält die kleinen Biester von uns fern. Erinnerungen an die Wälder von Schweden werden wach.

Ein grosser Teil der Strecke führt durch unberührte Naturlandschaft. Die Wegbeschaffenheit ist heute weniger komfortabel. Auf einem Streckenabschnitt mit grossen Kopfsteinen gerät Barbara in einer Kurve mit ihrem Vorderrad in eine Längsrille. Das Velo will nicht mehr so wie sie. Ein Sturz ist unvermeidlich. Ich höre ein etwas merkwürdiges Geräusch, verbunden mit lautem Schimpfen. Ich drehe mich um und erblicke Barbara bäuchlings auf den Pflastersteinen. Nebst einer Prellung am Knie und leichten Schürfungen scheint bei Barbara und dem Velo alles noch funktionsfähig zu sein. Barbara behauptet, dass sie dank ihrem Dienstagsturnen so beweglich und deshalb so locker über das Rad gefallen sei.

Strecke:  Lutherstadt Wittenberg – Köthen 77 km
Wetter:   bewölkt und Sonne aber kühl

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Der Elbe entlang

Das Hochwasser hat sich noch nicht ganz zurückgezogen

Sonntag, 5. September 2010

Das Thermometer zeigt kalte 8 Grad an. Die Kirchturmspitze sieht man nicht, der Nebel legt einen Schleier über die Stadt. Erst um die Mittagszeit setzt sich die Sonne durch und es wird wärmer.

Es sind wieder die Gegensätze, die uns beeindrucken. Einerseits die unberührte Natur entlang der Saale. Andererseits radeln wir durch Dörfer und Städte, die zum Teil ein trostloses Bild abgeben. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands sind viele Menschen in den Westen gezogen. Staatliche Betriebe konnten sich im Wettbewerb nicht behaupten und wurden stillgelegt. So trifft man immer wieder auf leerstehende Fabrikgebäude und Lagerhallen. Aber auch halb verfallene Wohnhäuser säumen die Strassen. Die Landwirtschaftsbetriebe sind ebenfalls oft in einem erbärmlichen Zustand und die Strassen nicht besser. Es gibt natürlich auch Dörfer und Städte, die anscheinend die Wende nicht nur überstanden haben, sondern positiv nutzen konnten.

Nun noch einige Angaben für die Statistiker:
Heute feiern wir unseren 100. Tag im Sattel (die Ruhetage und Kurzunterbrüche nicht berücksichtigt). In dieser Zeit haben wir 7‘473 km zurückgelegt; also durchschnittlich pro Tag 74 km. Wir sind mehr als 450 Stunden im Sattel gesessen. Sind wir nun müde? Nein, wenn wir so nebeneinander durch die Gegend pedalen, schmieden wir bereits unsere nächsten Velotouren.

Strecke:  Köthen – Merseburg  86 km
Wetter:   am Morgen kalt und dicker Nebel, dann sonnig. Gegen Abend kurzes Gewitter

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Radeln im Nebel

Eine der vielen baufälligen Industriebauten

Montag, 6. September 2010

Ein herrlicher Herbsttag! So bereitet das Radeln weiter der Saale entlang natürlich noch mehr Spass. Nach Bad Kösen ein Hinweisschild, welches nicht zu übersehen ist: „Brücke über die Saale gesperrt“. Die Umleitung ist gut ausgeschildert und führt einem Wanderweg entlang. Vorerst können wir noch radeln, doch dann geht’s weiter nur noch mit mühsamem stossen. Es wird aber noch anstrengender. Über einen felsigen Wanderweg müssen die Räder geschoben und angehoben werden. Unser einziger Trost besteht darin, dass auch Radfahrer, die nur mit einem Tagesrucksack oder sogar ohne Gepäck unterwegs sind, ihre Mühe bekunden. Es sind nur 120 Höhenmeter zu überwinden, dennoch zehrt es an unseren Kräften.

Kurze Zeit später verlassen wir die Saale und radeln durch das Ilmtal. Die Landschaft ist lieblich und die Dörfer sind herausgeputzt.

Unser heutiges Tagesziel ist die Stadt Weimar. Doch diese will und will nicht kommen. Der Weg führt auf Anhöhen und dann wieder runter zum Fluss. Es ist schon spät, als wir in Weimar eintrudeln. Eigentlich wollten wir noch die Stadt besichtigen, doch unsere Akkus sind leer. In einer alten Quartierbeiz geniessen wir Rinderrouladen mit Rotkohl und Kartoffeln und je ein grosses Bier.

Dann geht es bereits unter die Decke.

Strecke:   Merseburg  -  Weimar   109 km
Wetter:     ein herrlich sonniger Herbsttag

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Hier geht's nur noch mit anstrengendem schieben

Herrlicher Blick auf das Tal der Saale

Dienstag, 7. September 2010

Heute radeln wir auf dem Fernradweg „Thüringer Städtekette“. Die Strecke führt durch viele schmucke Dörfer und natürlich durch Thüringer Städte.

In der Landeshauptstadt Erfurt fahren und schieben wir unsere Räder entlang der Sehenswürdigkeiten. Die 120 Meter lange Krämerbrücke ist die längste bebaute und bewohnte Brücke Europas. Auf dieser Brücke ist ein Gedränge von Touristen, so dass wir Mühe haben, mit unseren Rädern durchzukommen.

Bei leichtem Regen erreichen wir Gotha. Die Bauten wie das Schloss Friedenstein und das Museum der Natur sind noch imposanter. Auch die Altstadt glänzt trotz regnerischem Wetter.

Strecke:  Weimar  - Gotha   74 km
Wetter:    Vormittag Sonne; Nachmittag bewölkt; gegen Abend leichter Regen

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Zeichen des Herbstes

Blick auf das Rathaus von Gotha

Mittwoch, 8. September 2010

Wir radeln über die Anhöhen von Krahnberg. Es bietet sich ein herrlicher Ausblick auf die Ebene der Hörsel. Von Westen wird für heute Regen mit Sturmböen angekündigt. Doch der Wind bläst noch von Osten. So lange, wie dieser die Oberhand behält, bleiben wir vom Regen verschont. Die dunkle Wetterfront ist jedoch nicht zu übersehen.

Mehrmals überqueren wir die grüne Grenze der ehemaligen DDR zur BRD. Die Leute sind gesprächig. Halten wir für ein Foto oder für eine Konsultation der Velokarte an, werden wir angesprochen. Es folgen kurze aber interessante Gespräche. Ein Ehepaar zeigt uns ihr Haus. Wenige Meter nach ihrem Garten war die erste der verschiedenen Grenzbefestigungen zur DDR. Sie erklären uns auch die gestaffelten Grenzzonen bis zum Streifen mit dem Mienenfeld. Bei ihren Schilderungen bekommt man das Gefühl, all dies sei erst gestern gewesen.

Nun befinden wir uns in der Kali Bergbauregion im Städtchen Heringen. Vor uns steht ein über 200 Meter hoher und über 170 Millionen Tonnen schwerer Kalischlaggenberg. Dieser sieht aus wie ein weisser Vulkankegel. In über 500 Metern Tiefe wurden 6‘000 km Stollen gegraben, nicht viel weniger als unsere zurückgelegten Velo-Kilometer. Täglich sollen 20‘000 Tonnen Kalischlacke an die Oberfläche befördert werden. Es sind beeindruckende Zahlen. Die gesundheitlichen Folgen in diesem Gebiet seien erschreckend. So liege die Krebsrate weit über dem normalen Stand. Doch niemand wage es, sich gegen diesen Riesenkonzern aufzulehnen, welcher der einzige massgebende Arbeitgeber dieser Region sei.

In der Dorfkneipe stärken wir uns mit Teigwaren, löschen den Durst mit Bier und genehmigen zum Abschluss unsere Cappuccinos. Das Nachtessen kostet weniger als zwei grosse Bier am Brandenburgertor in Berlin.

Strecke:  Gotha  –  Heringen  76 km
Wetter:   Bewölkt bis bedeckt, am Abend Regen

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200 Meter hoher Kalischlaggenberg aus aus der Ferne

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Mit der grünen Grenze werden wir immer wieder konfrontiert                          

Donnerstag, 9. September 2010

Heute Morgen gibt es eine sehr interessante Diskussion mit der Inhaberin der Pension „Alt Heringen“. Die Frau war viel in der Welt herumgekommen. Beeindruckend finden wir die Ausführungen über die Entwicklung dieser Region während der letzten Jahrzehnte. Auch sie bestätigt uns, dass die Entvölkerung von Mitteldeutschland weiter gehe. Schöne Häuser können zu einem Schnäppchen gekauft werden. Niemand habe Interesse.

Die Strecke führt über Voralpengebiet. Ein trüber Tag mit vereinzelten Nebelschwaden. Erst im Verlaufe des Nachmittages beginnt es zu regnen. Mehrmals haben wir unsere Regenmontur angezogen und kurz darauf hat es wieder aufgehört zu regnen. Diesmal entscheiden wir, den Nieselregen einfach über uns ergehen zu lassen. Doch nach einer Stunde regnet es immer noch und wir sind so richtig angefeuchtet.

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Am 09.09. nicht um 09.09 Uhr, sondern um 13.07 Uhr erreichen wir km-Stand 7'777.
Zum Festhalten dieser Schnapszahl verwenden wir unsere alten Velo- schläuche mit den vielen Flickstellen. Anschliessend haben diese ihren Dienst getan und werden nun entsorgt!

Pudelnass erreichen wir Fulda und suchen eine Unterkunft, damit wir unsere sieben Sachen wieder trocknen können.

Strecke:  Heringen  -  Fulda   87 km
Wetter:    bedeckt, später Regen

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Panoramablick von Friedwald aus

Natur pur der Fulda entlang

Freitag, 10. September 2010

Wir sind beeindruckt von der Stadt Fulda mit ihrem barocken Dom und dem Stadtschloss, welches als Residenz der Fuldaer Fürstbischöfe diente. Die grosszügige, mittelalterliche Architektur ist überwältigend.

Mit einem Rundgang durch Fulda beenden wir diese Etappe. Genau 1‘361 km legten wir zurück. Der Ostsee und der Grenze zu Polen entlang, dann quer durch Mitteldeutschland führte der Weg. Eine abwechslungsreiche Strecke mit viel Natur und imposanten Städten. Auch wenn das Wetter etwas „mudrig“ war, möchten wir diesen Streckenabschnitt nicht missen.

Nun legen wir wieder eine Pause ein, bevor wir die letzte Etappe in Angriff nehmen. Diese nach dem Motto aus der Fernsehserie „Johann, nach Hause bitte“.

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Das Stadtschloss von Fulda                  

Der Dom von Fulda