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5. Veloetappe als pdf herunterladen

Samstag, 18. bis Sonntag, 25. Sept. 2011
Was für ein Wetterglück (Text von Edi)

Der Wettergott ist uns wirklich wohlgesinnt. Zugegeben es ist kühler geworden, doch die Sonne verwöhnt uns jeden Tag von neuem.

So starten wir in Merritt zur Veloetappe Nummer 5. Wir wählen die Coldwater Road, die alte BC 5. Die Felder sind ausgetrocknet, alles ist dürr. Eine Landschaft, welche uns seit Tagen begleitet. Entlang der Strasse stehen vereinzelt Häuser. Teilweise sind es eher Bruchbuden. Dies konnten wir in Alaska aber auch quer durch Kanada immer wieder beobachten. Ein Haus, das dringendst eine Totalrenovation nötig hätte. Noch erbärmlicher sieht das Bild rund um die Häuser aus. Alles wird einfach vor, hinter und neben dem Haus deponiert. Es sind Dinge, welche die Bewohner glauben, irgendwie nochmals gebrauchen zu können und solche, die sie mit dem Weg des geringsten Aufwandes entsorgen. So sieht die Umgebung aus, wie bei einem Altwarenhändler. Mehrere alte Autos oder Teile davon sind natürlich auch dabei. Obschon wir diesem Bild immer wieder begegnen, fragen wir uns jedes Mal von neuem, wie kann man nur so leben?

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Dieser Altwagen wird sogar als Abfallcontainer benutzt und steht nur wenige Meter neben dem Hauseingang.

Drei gegen Einen oder die gestohlenen 76 Kilometer  (Text von Doris)

Eigentlich bin ich ja als Fourier nur für die Verpflegung meiner Crew verantwortlich, doch heute habe ich mir erlaubt beim Routenplaner zu opponieren. Bei der Fahrt mit dem Camper an den mit Barbara und Edi vereinbarten Treffpunkt, werden wir von orkanartigen Windstössen fast ab der Autobahn gedrängt. Es herrscht dichter Verkehr auf dem  Coquihalla Freeway zwischen Merritt und Hope. Zudem gibt es meist keinen Pannenstreifen oder er ist in schlechtem Zustand. Ich kann mir nicht vorstellen mit dem Fahrrad unter diesen Bedingungen sicher ans Ziel zu gelangen. Die Gefahr von einem vorbeifahrenden Auto gestreift oder von einer Windböe aus der Spur getragen zu werden finde ich einfach zu gross.

Am Treffpunkt warten bereits Barbara und Edi. Hier endet die Nebenstrasse, die Coldwater Road.

Ich bringe meine Bedenken betreffend der Weiterfahrt mit dem Velo auf dem Freeway vor und bald ist der Entscheid gefällt. Barbara und Xavi stellen sich auf meine Seite und die zwei Fahrräder werden aufgeladen.

Lieber Edi, ich weiss, dein Herz hat geblutet, als du dein Fahrrad auf den „Supportwagen“ aufladen musstest, aber ich verspreche dir, dass du heute Abend als Trösterli aus meiner Camperküche ein fein gegrilltes Steak bekommen wirst.

Ein Entspannungsbad in den Hot Springs von Harrison (Text Edi)

Wir gönnen uns einen Abstecher zu den Harrison Hot Springs. Seit wir das Coquihalla Gebirge Richtung Hope überquert haben, ist das Klima ganz anders. Alles ist viel grüner. Grosse Farne in den Wäldern. Bäume, die mit Moos richtig eingepackt sind. Da wir uns weniger als 100 Meter über Meereshöhe befinden, ist das Wetter merklich wärmer geworden.

Harrison Hot Springs ist ein verträumtes Touristenörtchen. Wir staunen, wir sind fast die einzigen. Sogar im Thermalbad hat es nicht mehr als ein Dutzend Personen. Wir geniessen die Ruhe und das 38 Grad warme Wasser.

Anschliessend geniessen wir das Nichtstun. Doris nutzt diese Gelegenheit, die Eindrücke wieder einmal auf ihre Art festzuhalten. Siehe unter Fotos art on bike by Doris.

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Nach der Coiffeurerfahrung in Whitehorse lässt sich Doris ihre Haare nur noch beim persönlichen Figaro schneiden.

CPR, die Schlafräuberin (Text von Xavi)

Wir werden durch laute Hornsignale geweckt. Schon von weitem sind sie zu hören. Dann schnaubt, rattert und quietscht es für 10 Minuten. Wir campieren wieder einmal in der Nähe einer Bahnstrecke der Canadian Pacific Railroad. Die Züge sind über 2,5 Km lang. Wir zählen mehrmals über 160 Wagen pro Zug, gezogen von 3-4 Dieselloks.

Die Canadian Pacific Railroad hat ein Streckennetz von über 22 000 km. Die Hauptstrecke verläuft zwischen Montreal im Osten und Vancouver im Westen. Die Provinz Britisch Columbia forderte beim Beitritt  zur Kanadischen Konföderation im Jahre 1871 eine Verkehrsverbindung in den Osten. 1885 war die transkontinentale Verbindung erstellt.  Die Durchquerung der Rocky Mountains stellte die Erbauer vor grosse Probleme.

Die Canadien Pacific betreibt heute ausschliesslich Güterverkehr. Die am stärksten frequentierte Strecke ist von Calgary nach Vancouver. Kohle, Weizen und Container (die später auf Schiffe verladen werden) sind die wichtigsten Transportgüter. Die CPR transportiert jährlich 34 Millionen Tonnen Kohle an die Westküste für den Export nach Japan.

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Schnell finden wir wieder unsere Ruhe bis die Schlafräuberin uns einige Zeit später wieder überrollt.

Die andere Seite der Strasse (Text von Doris)

Auf den Strassen Kanadas ereignen sich pro Stunde 4 bis 8 schwerwiegende Kollisionen mit Wildtieren, pro Jahr 4 tote Verkehrsteilnehmer, 316 verletzte Personen, 9‘280 gemeldete Kollisionen mit Wildtieren, 4‘900 gemeldete tote Wildtiere, 15‘000 nicht gemeldete tote Wildtiere, die sich nach der Kollision vom Unfallort entfernt und zum Sterben ins Unterholz zurückgezogen haben. 600‘000 $ Kosten für die Strassenreinigung, 23 Mio. $ Schadensumme.

Es gibt viele Gründe für die stete Zunahme von Zusammenstössen mit Wildtieren. Die Population wächst und die Highways expandieren immer weiter in die Wildnis. Der Verkehr nimmt zu und auch die Geschwindigkeit der Fahrzeuge. Im Frühling gibt es am Strassenrand für die vom harten Winter ausgehungerten Tiere verlockend saftiges Gras. Die Trockenheit und Waldbrände während der Sommermonate zwingt sie über grosse Distanzen Futter zu suchen und immer wieder Strassen zu überqueren. Im Herbst, während der Brunstzeit, lässt die Bullen die Suche nach Weibchen und das Vertreiben von Konkurrenten unvorsichtig werden. Während der Winterzeit ist das Fortkommen bei tiefem Schnee auf den Strassen um ein Vielfaches leichter.

Wir konnten vom Velo aus viele Wildtiere beobachten. Leider sahen wir auch immer wieder tote Tiere im Strassengraben. Der einzige Trost für uns blieb das Wissen, dass die Kadaver wiederum vielen Fleischfressern, von der Ameise bis zum Bären, als wichtige Nahrung dienen.

Über die Grenze in die USA (Text von Edi)

Für einmal mit Rückenwind pedalen wir Richtung Süden. Zuerst Xaver und ich und in der zweiten Etappe Barbara und ich. Wenige Kilometer vor der Grenze erhebt sich vor uns ein riesiger Schneeberg. Es ist der Mt. Baker, ein ruhender Vulkan von über 3‘200 Metern über Meer. Wir radeln die letzten 20 km immer mit Blick auf diesen beeindruckenden Berg.

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In der Grenzstadt Abbotsford wollen wir unsere kanadischen Dollars in US Dollars wechseln. Auf der Bank wird mir erklärt, dass ich als Nichtkunde nur 250 Dollar wechseln könne. So teilen wir unsere Kanadadollars auf jeden von uns auf und gehen einzeln an einen der Bankschalter. Die zu bezahlenden Gebühren sind bei jedem von uns anders. Auch die Identifikation hätte nicht unterschiedlicher sein können. Ich brauche mich überhaupt nicht auszuweisen. Ist auch egal, wir haben unsere Kanadadollars gewechselt.

Der Grenzübertritt dauert keine 5 Minuten. Der Grenzbeamte schaut kurz in unsere Pässe, stellt zwei Fragen und schon können wir weiterfahren.

Nun sind wir in den Vereinigten Staaten von Amerika, im Staate Washington. Einen Schritt weiter auf unserer Reise bis an die Grenze von Mexico.

Durch den Staat Washington  (Text von Edi)

Zuerst radeln wir entlang grosser Landwirtschaftsbetriebe. Rinderweiden, Wiesen. Getreidefelder und Gemüseplantagen wechseln sich ab.

Dann endlich: Wir schnuppern Meeresluft. Ja wir sind am Pacific angelangt.

Nach Fairhaven radeln wir entlang der Küste, durch Regenwälder mit grossen Farnen, riesigen Bäumen und viel Moos. Zwischendurch erblicken wir eine der vielen Meeresbuchten. Der Weg führt immer auf und ab. Wir radeln auf der erst gebauten Verbindungsstrasse zwischen San Diego und Vancouver, eine abenteuerliche Strecke durch Felsen und Schluchten.

Es folgen aber auch Tage, an denen wir von der Strecke durch den wilden Staat Washington etwas enttäuscht sind. Oft führt die Strasse nicht direkt der Küste entlang. Bäume und Häuser versperren den Blick aufs Meer. So pedalen wir einfach durch mächtigen, etwas beengend wirkenden Tannenwald, mal auf, mal ab.

Auf der Bike Route der Adventure Cycling Association zu radeln ist vom Verkehr her sehr angenehm. Einzig bei den grossen Lastwagen heisst es jeweils sofort zur Seite gehen. Besonders wenn ein Laster heran braust und gleichzeitig Gegenverkehr herrscht. Dann gibt es nichts anderes als ganz an den Rand des Pannenstreifens. Fehlt dieser, dann einfach in den Graben fliehen.

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Besonders gefürchtet für uns Velofahrer sind die Lastwagen mit den Anhängern, die mit einer 7 Meter langen Verbindungsstange gekoppelt sind. Die Anhänger schneiden in den Rechtskurven den Pannenstreifen.

Das Zeitmanagement muss verbessert werden (Text von Barbara)

Der starke Gegenwind und ein Plattfuss bei Edi’s Velo sind verantwortlich, dass wir die, wenn überhaupt vorhandenen Zeltplätze in den letzten Tagen erst bei Dunkelheit erreichen. Das muss geändert werden.

Es beginnt wieder einmal zu dämmern. Endlich erreichen wir den Rocky Point Mobil RV Park in Bremerton. Es handelt sich aber um einen RV Park nur für Dauermieter. Ein Mann fragt uns, ob er helfen könne. Wir erklären ihm, dass wir einen Campground für diese Nacht suchen. Spontan bietet er den Platz neben seinem Mobilhaus an. Er gehe zum Manager und werde dies melden. Kurze Zeit später kommt der Platzwart. Er erläutert uns, dass er leider keine Tagescamper aufnehmen dürfe, da er dafür keine Lizenz besitze. Wir argumentieren, dass wir als Ausländer mit dem Camper nicht in der Dunkelheit fahren möchten. Er willigt ein. Einfach niemandem etwas sagen, meint er.

Der Nachbar holt ein Verlängerungskabel und gibt uns Elektrizität von seinem Haus. Wir sind beeindruckt von der Hilfsbereitschaft und der Spontanität der Amerikaner, die wir hier immer wieder erleben. Gestern hat ein Radfahrer, der genau wie wir über eine grosse Brücke den Weg für Velos suchte, gefragt, wo es lang gehe. Wir tauschten die Erfahrungen der Strecke aus. Vor dem Verabschieden nahm er einen Zettel aus seiner Tasche und sagte: „Ihr kommt ja bei Olympia vorbei. Ich habe dort ein Haus. Genug Platz für einen Camper und zusätzlich Gästezimmer. Gebt einfach meiner Frau ein kurzes Telefon. Ich bin noch mit dem Velo unterwegs Richtung Kanada und erst am Sonntag wieder zurück.“ So haben wir bereits mehrere Adressen, wo wir herzlich eingeladen sind und übernachten könnten.

Montag, 26. Sept. bis Samstag, 1. Okt. 2011
Regen macht schön…   (Text von Barbara)

Nach diesem Motto setze ich mich mehr oder weniger motiviert in den Sattel. Es giesst aus Kübeln. Doch wir dürfen uns nicht beklagen. Seit ungefähr vier Wochen hatten wir wunderschönes, warmes Spätsommerwetter. Edi und ich kämpfen mit dem starken Gegenwind und den Windböen. Der Regen schmerzt im Gesicht. Es fühlt sich an wie feine Hagelkörner. Die vorbeibrausenden Lastwagen mit ihren Anhängern wirbeln das Wasser mächtig auf. Ich frage mich, wie wird es wohl mit der „Schönheit“ sein? Das Resultat erblicke ich später im Spiegel. Das Gesicht ist gerötet, die Hände sind aufgeweicht und „schrumpelig“. Von wegen, Regen macht schön. Wieder nichts mit der Haut einer Miss Schweiz!

Wald zur Freude, Wald zum Weinen  (Text von Edi)

Wir radeln durch Wälder und wieder durch Wälder. Doch Wald ist nicht gleich Wald.

Höher schlagen unsere Herzen, wenn wir durch respektive entlang der eigentlichen Urwälder pedalen können. Tannen, die mehrere 100 Jahre alt sind, alle dicht mit Moos eingepackt. Der Boden ist mit grossen Farnen bedeckt. Die alten Baumriesen sind wirklich mächtig. Zwei Gründe sind verantwortlich, dass Bäume hier so gross werden. Einerseits ist es eine genetische Veranlagung und andererseits gibt es in dieser Region sehr wenige Katastrophen. So konnten über Jahrhunderte diese riesigen Bäume heranwachsen.

Das ist die eine Seite des Waldes. Wir fahren aber auch entlang riesiger, kahl geschlagener Flächen. Einzig Baumstrunke von einem Meter ragen noch aus dem Boden. Ein trauriger und deprimierender Anblick.

Wald wird auch wieder aufgeforstet. Es ist jedoch nicht ein natürlicher Wald, der hier wieder heranwächst. Nein, es sieht mehr nach einer Plantage aus. In diesem Wald, der nur der raschen neuen Holzgewinnung dient, ist fast kein Leben. Die Vielfalt der Tierwelt fehlt gänzlich. Da nützen auch die Plakate entlang des Weges nichts, welche die Wiederaufforstung als eine grosse Errungenschaft preisen.

Wald ist eben nicht gleich Wald. So radeln wir und durchleben immer wieder wechselnde Gefühle. Die vielen Lastwagen mit den grossen Holzstämmen, in der Zwischenzeit sind es sicher mehrere Hundert, die uns auf der Strasse begegnen, erheitern die Stimmung nicht.

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ursprünglicher Urwald

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aufgeforsteter Wald

Im Banne des Mount St. Helens (Text von Xavi)

Nach einer Reihe von Erdbeben brach der Vulkan Mount St. Helens im Nordwesten der USA am 18. Mai 1980 aus. Der gesamte nördliche Berggipfel wurde weggesprengt und rutschte hangabwärts. Heute liegt die Gipfelhöhe 400 m tiefer auf 2574 m. Asche und Gase wurden bis 18 km in die Höhe geschleudert. Pyroklastische Ströme von über 640 Grad Celsius rasten mit über 400 km bergab und vernichtete Flora und Fauna. Mehrere Millionen Bäume wurden wie Streichhölzer umgeknickt. Ein Gebiet von etwa 500 Quadratkilometern war direkt betroffen. Obwohl sich der Ausbruch angekündigt hatte, fanden 57 Menschen den Tod.

Vulkane faszinieren mich schon seit der Jugendzeit. Ich ermuntere meine Radler zu einem Aufstieg auf diesen beeindruckenden Berg. Es ist eine sehr anspruchsvolle Gebirgstour. Auf 8 km sind über 1400 Höhenmeter auf unwegsamem Gelände zu erklimmen. Der Wille zum Aufstieg ist bei allen vorhanden, doch die Bedenken sind gross, ob wir es schaffen werden. Edi und Barbara haben noch nie eine solch lange Gebirgstour unternommen. Wie reagiert Barbaras operierte Knie auf die grosse Belastung beim Abstieg? Doris Schmerzen im Ellbogen sind immer noch da und bei mir zwickt es sowieso überall. Die Wetterprognose verspricht für die nächsten 3 Tage sonniges Wetter. Wir beantragen über Internet 4 Bewilligungen für den Aufstieg. Max. 100 Permits werden pro Tag erstellt. Wir haben Glück!

Am Vortag des Aufstiegs fahren wir mit dem Wohnmobil hoch zum Johnston Ridge Observatorium. Wir stehen 8 km vor dem Krater. Die Aussicht ist atemberaubend. Wir können die Wucht des Ausbruchs nur erahnen. Der starke Wind erlaubt es mir kaum zu filmen und es ist bitter kalt. Wie wird er uns morgen um die Ohren pfeifen?
Noch am gleichen Tag fahren wir los zum Climbers Bivouac.

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Der Berg ruft

Tagwacht um 5 Uhr. Die Rucksäcke haben wir bereits mit allem Nötigen am Vorabend gepackt. Über 4 Liter Wasser trägt jeder von uns mit. Die Sonne wird gnadenlos am Vulkan auf uns herab brennen. Nirgendwo werden wir Schatten finden.

Noch vor Sonnenaufgang laufen wir über 3 km auf einem mässig ansteigenden Trail durch Hemlockwald. Wir verlassen den Wald und durchqueren eine Lawinenrinne. Die Route führt uns auf einen Lavafluss, die Monitor Ridge. Wir suchen stetig einen Weg durch die gewaltige Geröllhalde, teils auf allen Vieren kraxeln wir über grosse Lavabrocken. Die Aussicht ist jetzt schon phantastisch. Sonne pur, keine Wolke trübt den Himmel. Von weitem sehen wir die Vulkane Mt. Adams, Mt. Hood und Mt. Jefferson. Um die Mittagszeit befinden wir uns immer noch auf dem Lavafeld und es kommen erste Zweifel auf, ob wir den Gipfel rechtzeitig erreichen werden.

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Etwa 400 Höhenmeter unter dem Gipfel hört der Andesite Lavafluss auf. Der restliche Aufstieg führt nun durch relativ weiche Asche und Bimssteinkies. Das heisst zwei Schritte voran, ein Schritt zurück. Das Ziel vor Augen treibt uns aber an. Die letzten Schritte hoch zum Kraterrand sind dann absolut unvergesslich, weil sich ganz plötzlich ein phantastisches Panorama öffnet. Wir sehen vom Südrand in den Krater hinein. Darin hat sich in den letzten Jahren ein neuer Lavadom gebildet. Links und rechts schauen wir auf die vielfarbigen Kraterwände. Über den Krater hinweg blicken wir nach Norden genau in die Verwüstungszone, über den Spirit Lake hinweg auf den höchsten Vulkan der Kaskadenkette, den Mt. Rainier. Nach 7 Stunden Aufstieg haben wir unser Ziel erreicht und sind überglücklich. Wir geniessen das Gipfelerlebnis.

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Der Abstieg über die Lavablöcke wird zur Tortur. Erst bei Sonnenuntergang erreichen wir die Waldgrenze und laufen im Licht der Taschenlampen durch den dunklen Wald.
Wir hoffen, dass die Schwarzbären ihren Bauch schon mit Blaubeeren vollgeschlagen haben und bereits in der Bärenmulde schlafen. Die 13 Stunden dauernde Bergtour hat uns alles abgefordert. Wir sind am Ende unserer Kräfte.

Trotz grossem Muskelkater besichtigen wir am nächsten Tag noch Ape Cave. Ape Cave ist ein 4 km langer Lavatunnel, der vor ca. 2000 Jahren bei einem Vulkanausbruch geformt wurde. Die Lava erkaltete nicht gleichmässig. Die äusseren Schichten kühlten zwar ab, aber die Inneren flossen noch einige Monate weiter und höhlten so eine Röhre aus.

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Nicht immer führt der Weg zum Ziel (Text Barbara)

Der Wäscheberg hat sich aufgetürmt, fast so hoch wie der Mount St. Helens. Wir wollen so bald wie möglich waschen. Doch wo geht es am schnellsten? In der Stadt Kelso in einem öffentlichen Waschsalon (Laundromat). Wir fahren mit dem Camper durch die Strassen, doch wir sehen keinen Laundromat. Xaver versucht es deshalb mit dem GPS und gibt Laundromat ein. Dieser sei allerdings 46 km entfernt. Deshalb ein erneuter Versuch mit Laundry (Wäscherei). „Ich habe eine Wäscherei gefunden. Nur 6,7 km entfernt.“ Also los geht’s, zuerst durch den dichten Abendverkehr, später auch durch Wohnquartiere. Das GPS gibt uns Anweisungen. Zwischendurch heisst es „neue Berechnung!“ Dann endlich erreichen wir das Ziel: Ave Laundry. Das heisst auf gut deutsch: Wäschereistrasse! Natürlich lachen wir Drei Xaver aus. Jeder hat so seine Fähigkeiten. Er ist und bleibt Chef der Campergarage und des Dumpen.

Sonntag, 2. bis Montag, 10. Oktober 2011
Mit Muskelkater nach Oregon (Text von Edi)

Wir radeln weiter südwärts. Der Muskelkater ist mit uns. In wenigen Tagen wird dieser der Vergangenheit angehören, so hoffen wir wenigsten. Bleiben werden die tollen Erinnerungen an unsere Vulkanbesteigung.

Mit der Fähre tuckern wir über den mächtigen Columbia River und verlassen den Bundesstaat Washington. Als Route durch Washington wählten wir die durch den US Veloclub (Adventure Cycling Association) vorgeschlagene Strecke. Viel Wald, wenig Küste jedoch fast kein Verkehr auf der Strasse. Es gab schöne Streckenabschnitte, insgesamt haben wir uns aber von Washington doch etwas mehr versprochen.

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  auf dem Pannernstreifen entlang des Columbia Rivers

Was erwartet uns im Staate Oregon? In einem Buch habe ich gelesen, dass ein Teil der Bevölkerung über die Touristen gar nicht erfreut sei und diesen gegenüber ablehnend begegne. Die Touristenhasser hätten verschiedene Möglichkeiten geprüft. Ein Vorschlag war, auf vorbeifahrende Camper mit Schrotflinten zu schiessen. Diese Schnapsidee wurde jedoch wieder verworfen. Geblieben ist anscheinend der Wunsch vieler Leute vom Staate Oregon, einfach unter sich sein zu können.

Somit sind wir doppelt gespannt, was uns hier in Oregon erwarten wird.

Die ersten positiven Erfahrungen (Text Barbara)

Im Tourist Office von Astoria werden wir freundlich empfangen. Durch konkrete Fragen versucht die Dame am Schalter unsere Bedürfnisse herauszufinden. So bekommen wir spezielle Velokarten, interessante Prospekte mit vielen ergänzenden Informationen.

Ein einheimischer Radfahrer erklärt uns, was wir hier in Oregon unbedingt besuchen und um was wir einen Bogen machen sollten. Es scheint ihm grosse Freude zu bereiten, uns Tipps geben zu können.

Öffentliche Telefonkabinen gibt es nur wenige. Mit einer Telefonkarte ist das Telefonieren in die Schweiz mindestens zehn Mal günstiger als mit dem Natel. Wir wollen uns wieder einmal in der Schweiz melden, doch die endlich gefundene Kabine ist besetzt und wir müssen warten. Ein Mann in einem Café beobachtet uns, wie wir vor der Kabine stehen. Er kommt hinaus und hält uns sein Natel hin uns sagt: „He telefoniert doch damit!“ Wir lehnen dankend ab und erklären ihm, dass wir ein Europagespräch führen möchten.

Es gibt weitere Beispiele der Spontanität und Hilfsbereitschaft, welche uns immer wieder erfreuen. Somit erleben wir Oregon ganz anders als erwartet. Wir begegnen offenen und hilfsbereiten Menschen.

Wind, Regen und herrliche Aussicht (Text von Edi)

Es regnet. Bei schlechtem Wetter bläst der Wind von Süden her. Somit haben wir starken Gegenwind. Die Regentropfen prasseln auf unser Gesicht. Die vorbeifahrenden Lastwagen wirbeln das Wasser zu einer Dampfwolke auf, die uns ebenfalls voll ins Gesicht weht. Es fühlt sich an wie ein kaltes Dampfbad. Wasser von oben, Wasser von der Strasse, Blick auf das Meer. Alles ist aufs Wasser abgestimmt.

Wir besuchen den Ecola State Park und haben eine atemberaubende Sicht über die Klippen. Die Sturmböen blasen uns zwar fast weg. Danach pedalen wir durch einen dichten Küstenwald mit riesigen Tannen, Farnen, Flechten und viel Moos. Es sieht aus wie eine Märchenwelt.

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Die Velostrecke verläuft mehrheitlich auf der berühmten US 101. Dies ist keine Schnellstrasse, eher eine Strasse für Geniesser. Sie windet sich über die Klippen mit einem tollen Weitblick. Jede Kurve eröffnet eine neue Perspektive auf das schäumende Meer. Es folgen lange Abfahrten bis auf Meereshöhe, um wieder auf die nächste Klippe anzusteigen. Genau so haben wir uns die Velostrecke entlang der Pazifikküste vorgestellt. Zugegeben, vielleicht mit besserem Wetter und Rückenwind. Insgesamt dürfen wir nicht klagen. Die Sonne kommt immer wieder zum Vorschein. Die heftigsten Regengüsse finden zudem während der Nacht statt.

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Abendstimmung in Kiwanda

Die Strecke für die Biker entlang der Küste ist gut ausgeschildert. Hat es keinen Pannenstreifen, dann wird dies den Autofahrern mit Warntafeln angezeigt: „Achtung Radfahrer auf der Strasse“.

Bevor wir durch einen Tunnel oder über eine grosse Brücke ohne Pannenstreifen pedalen, können wir ein Warnblinklicht auslösen. Dann steht auf der Warnblinke „Achtung Velofahrer im Tunnel“ oder „Achtung Velofahrer auf der Brücke“.

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Die Tierwelt entlang der Küste von Oregon
(Text von Doris)

Gleichzeitig mit der Landschaft beidseits der Strasse ändert sich auch die Tierwelt. Wir fahren entlang von steilen Klippen an der Küste von Oregon, wo die stürmische Brandung bizarre Felsformationen entstehen lässt. Bei Ebbe bleiben kleine Wassertümpel zurück, in denen sich uns eine Unterwasserwelt zeigt, die sonst nur Tauchern vorbehalten bleibt. Rote, orange und violette Seesterne schimmern durch die Wasseroberfläche. Die Haut ihrer sternförmigen Körper ist sehr hart, um sie bei Flut vor den tosenden Wellen zu schützen. Die leuchtend hellgrünen Seeanemonen liegen wie Blumen auf dem Grund der Tümpel. Verschiedene Krabben, Krebse, Napfschnecken, Korallen und Schwämme runden das Bild ab. Auf riesigen, vom stürmischen Meer umspülten Felsbrocken tummeln sich Robben und Seelöwen. Letztere machen schon wegen ihres Gebrülls von weitem auf sich aufmerksam. Seeotter, im Seetang eingewickelt, schaukeln auf dem Rücken in den Wellen und tauchen immer wieder in die Tiefe, um nach Seeigeln und Muscheln zu suchen.

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Mit viel Glück entdecken wir weit draussen im Meer die Blasfontänen von Grauwalen. Sie sind auf der Wanderung Richtung Süden in die Baja California /Mexico, um dort in einer geschützten Lagune ihre Jungen zur Welt zu bringen. Im Frühjahr ziehen sie wieder Richtung Norden in die Arktis.

Hunderte von Seevögeln, wie Möwen, Kormorane und Alken sitzen in den schroff abfallenden Klippen oder auf den hohen Felsbrocken im Meer. Braune Pelikane tauchen im Sturzflug nach Fischen. Austernfischer hüpfen am Fusse der Felsen herum und suchen mit ihren langen leuchtend roten Schnäbeln nach Muscheln und Napfschnecken. Papageientaucher, auch die Clowns des Meeres genannt, sehen wir zum ersten Mal im Winterkleid. Die für sie während der Brutzeit typische Farbzeichnung des Gesichtes und teils vorhandenen Kopfschmuck fehlen gänzlich. Geblieben ist nur der orangerote Schnabel. Am Sandstrand treffen wir auf Hunderte von Strandläufer, die im Rhythmus der Wellen nach Futter suchend, vor und zurück rennen. Wir hoffen, dass uns die Weiterreise Richtung San Diego weiterhin einen so abwechslungsreichen interessanten und faszinierenden Einblick in die Welt der Tiere bietet.

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Die Tierwelt auf dem runden Teller  (Text von Xavi)

Wir übernachten auf dem RV Park des Mill Casino in North Bend. Unsere Köchin bezieht ihren freien Tag. Für den Casinobesuch mit Dinner putzen sich unsere Frauen heraus. Auch wir Männer stürzen uns in die schönsten Outdoorhemden und unsere Fliesjacken. Edi flickt mit Klebeband noch seine Ausgehschuhe. Im Casino fallen wir mit unserer Freizeitbekleidung gar nicht auf.

Seafood-Buffet „All you can eat“ für 25.95 Dollar…. was für ein Angebot! Die freundliche Dame beim Empfang empfiehlt uns, dem Millionärsclub beizutreten, um 3 Dollar Ermässigung auf’s Dinner zu erhalten. Sie nimmt alle unsere Personalien auf. Wir sind nun im Club und Freunde von Sam. Als über 55 jährige erhalten wir zusätzlich noch den Senioren-Rabatt von 3 Dollar. Da es bereits nach 18 Uhr ist, verpassen wir allerdings den Early Bird Rabatt (5 Dollar).

Eigentlich bin ich kein Seafood-Liebhaber. Doch heute werde ich einiges ausprobieren, die Krabbenzange liegt bereits auf dem Tisch.

1.     Gang:  Salatpotpourri garniert mit Garnelen
2.     Gang:  Dungeness Crab (Krabbe), grosse Garnelen, kalter Lachs
        dazu Melonenstückchen
3.     Gang:  Auster an Zitronensauce
4.     Gang:  Catfish (Wels), Halibut (Heilbutt), Catch of the Day (?) an feiner Sauce
        garniert mit Kartoffelstock (natürlich mit Vulkansee)
5.      Gang:  mit Käse überbackene Austern, frittierte Austern, panierte Garnelen,
          Crab Cakes (Krabbenfleischtätschli) garniert mit weissem Reis
6.      Gang:  mit Zedernholz geräucherter Lachs
7.       Gang:  Vanille Glace mit Sahnestrom
8.     (Stuhl)Gang: am nächsten Tag

Jetzt sind wir fit für einen Spaziergang durch das Casino. Wir beobachten die Spieler bei Black Jack, Roulette und den vielen Spielautomaten. Einarmige Banditen gibt es fast keine mehr. 1977 konnten wir die Automaten in Las Vegas noch mit Münzen füttern und bei einem Gewinn ertönte ein Klingelsignal. Heute füttert man die Slots mit Dollarnoten oder steckt die Kreditkarte in den Schlitz. Wir bevorzugen den ATM-Automaten, der spukt wenigstens (unser) Geld aus. Ein Pärchen vergnügt sich auffällig miteinander auf einem Stuhl vor einem Spielautomaten, eine Hand knutscht irgendwo, die andere dazwischen auf einem der Knöpfe ….des Automaten…. und das im prüden Amerika! Who cares! Für uns heisst es jedoch „game over„ und wir runden den Tag bei einem feinen Whisky in unserem trauten Camper ab.

Sand soweit das Auge reicht  (Text von Edi)

Auf dem mittleren Küstenabschnitt von Oregon befinden sich die grössten Küstensanddünen der Vereinigten Staaten. Teilweise führt die US 101 direkt durch das Dünengebiet. Immer wieder bekommen wir die grossen Sandberge zu Gesicht. Gewöhnungsbedürftig sind die vielen Buggys, die mit ihren lauten Motoren in den Dünen herum brettern. Den Amerikaner scheint es mehr Freude zu bereiten, mit laut dröhnenden Motoren auf die Dünenkämme zu steigen als zu Fuss. Es gibt zum Glück aber auch immer wieder Gegenden in den Dünen, auf denen es strickte verboten ist, mit motorisierten Fahrzeugen herum zu kurven.

Auf alle Fälle bietet uns die Strecke durch dieses über 80 km lange Gebiet eine weitere Abwechslung entlang der Küste von Oregon.

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Dienstag, 11. bis Samstag, 15. Oktober 2011
Abschied vom Staate Oregon  (Text von Edi)

Oregon gibt nochmals alles! Wir radeln im Nebel entlang der Küste und schalten unsere Lampen ein. Wenig später werden die Nebelschwaden von starken Winden weggeblasen. Es folgt blauer Himmel mit einem wunderbaren Blick auf die Klippen und die Buchten. Doch es vergeht keine Viertelstunde und das Schauspiel beginnt von neuem. Der Nebel verpackt die Küste in Watte. Erst am Nachmittag gewinnt die Sonne den Kampf und wir verlassen den Staat Oregon bei Sonnenschein.

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Die Strecke entlang der Küste von Oregon hat uns positiv überrascht. Der Blick auf das tobende Meer und die Klippen hat uns immer wieder ins Staunen versetzt.

Nun befinden wir uns im Staate Kalifornien. Die Wetterprognosen melden viel Sonne. So nehmen wir die letzten 1‘000 Meilen (1‘600 km) bis San Diego motiviert unter die Räder im Bewusstsein, dass die Sonne nicht immer scheinen wird.

Im Märchenwald (Text von Doris)

Vor 160 Millionen Jahren waren Redwood Bäume auf der ganzen Nordhalbkugel der Erde verbreitet. Heute gibt es diese wunderbaren Bäume nur noch auf einem schmalen Küstenstreifen der USA. Er reicht vom Südwesten Oregons bis nach Kalifornien. Sie wachsen bis zu einer Höhe von über 100 m und der Durchmesser an ihrer Basis kann 7 m erreichen. Sie können bis 2000 Jahre alt werden. Die Tannine in der Baumrinde verhindern Krankheiten wie Pilz- oder Insektenbefall. Selbst Feuer stellt für sie keine Gefahr dar. Da die Wurzeln nicht tief in die Erde reichen, kann einzig der Wind sie entwurzeln. Als einziger Nadelbaum der Welt verlässt er sich für die Fortpflanzung nicht nur auf stecknadelgrosse Samen, die aus winzigen Zäpfchen zu Boden fallen, sondern bildet gleichzeitig auch noch Triebe aus. In ihren Baumwipfeln leben viele Tiere wie Eulen, Flughörnchen, Vögel und sogar eine spezielle Redwood Maus! Im Dickicht am Boden leben Füchse, Schwarzbären, Berglöwen, Hasen und die gelbe Bananenschnecke.

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Wir stehen sprachlos mit unseren Fahrrädern inmitten dieser Giganten. Vergeblich versuchen wir mit unseren Armen einen Baumstamm zu umspannen. Immer wieder müssen wir mit unseren Rädern auf dem Waldweg den langsam dahin kriechenden Baumschnecken ausweichen.

Wir freuen uns über die hellen Sonnenstrahlen, die durch den dichten Wald ihren Weg auf den Boden finden.

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Gesichtern tanzt unser Hauch und die Hände sind klamm vor Kälte und Feuchtigkeit. Ehrfurchtvoll tasten wir über die 30 cm dicken tief gefurchten Baumrinden und versuchen erfolglos mit den Augen bis in die Baumwipfel zu sehen. Wir fühlen uns wie kleine Wichtelmännchen im Märchenwald.
Im nahen Besucherzentrum des Nationalparks kaufen wir uns das Buch von Julia Butterfly Hill, einer Umweltaktivistin. Sie lebte aus Protest gegen die Rodungen der Redwoods während 2 Jahren auf einem Baum. Sie verliess ihn erst, als es 1999 zu einer Einigung mit der zuständigen Holzfällerfirma kam und eine 12‘000 Quadratmeter grosse Pufferzone errichtet wurde, in der jeglicher Holzschlag verboten ist.

Das mach ich nicht noch einmal mit  (Text Barbara)

Im Visitor Center von Crescent City sind auf einer grossen Informationstafel Velo- und Wanderwege der Umgebung eingezeichnet. Auch der Coastal Trail wurde für diesen Streckenabschnitt als velotauglich gekennzeichnet. Unsere Velokarte der Adventure Cycling Assosiation enthält erstaunlicherweise keinen Hinweis über diesen Abschnitt. „Super, ein Geheimtipp!“ sagt mein lieber Mann. So verlassen wir die US 101 und radeln auf einer schmalen geteerten Strasse der Küste entlang. Nach einigen Kilometern ist der Weg für Motorfahrzeuge gesperrt. Auf Schotter mit Blick auf die Klippen und die schäumende Brandung fahren wir weiter südwärts. Was für ein herrlicher Tag. Strahlend blauer Himmel, herrliche Aussicht und keine Menschenseele weit und breit.

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Der Weg wird schmaler und schmaler. Das Gras und die Farne beidseits des Pfades dafür höher. Mit dem Velo können wir noch knapp fahren. Der Pfad verlässt die Küste und führt über grosse Steine und Wurzeln steil einen Hang hinauf. Das Schieben auf dem feuchten Waldboden ist mühsam und schweisstreibend. Nach einer halben Stunde, wir haben gerade einen Kilometer bewältigt, frage ich meinen lieben Mann: „Wäre es nicht vernünftiger umzukehren?“ Die Antwort kommt postwenden: „Es geht sicher nicht mehr lange so steil bergauf, dann wird es besser.“ Eine gute halbe Stunde später, gemäss meinem Velotachometer haben wir gerade weitere 800 m geschafft, stelle ich die gleiche Frage nochmals. Wieder beschwichtigt mich mein lieber Mann: „Es kann bestimmt nicht mehr lange bergauf gehen, zudem wäre die Strecke zurück genauso mühsam“. Auf dem engen Pfad sehe ich nun zum dritten Mal frischen Bärenkot. Wir sind also nicht ganz alleine. Doch dies hebt meine Moral ganz und gar nicht. Mit der Bärenhupe erzeugen wir Lärm, um auf uns aufmerksam zu machen. Es vergeht eine weitere mühsame Stunde.

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Der Weg ist noch nicht besser geworden. Mehrmals müssen wir unsere Räder über umgestürzte Baumstämme heben. Nun ist auch für mich klar: „The point of no return“ ist überschritten. Es gibt kein Zurück mehr. Ein klein wenig ärgere ich mich über mich selber. Warum habe ich mich einmal mehr nicht durchgesetzt, warum nur?

Wir sind umgeben von den riesigen Redwoods. Neben diesen Baumgiganten sind wir nur Winzlinge. Eigentlich wunderschön, doch ich bin zu erschöpft, um dies noch richtig geniessen zu können.

Endlich hören wir den Lärm der Autos auf der US 101. Es tönt wie Musik in unseren Ohren. Doch noch einmal geht es weitere 800 Meter steil einen schmalen Pfad bergauf, bis wir die erlösende Strasse erreichen.

Für mich ist klar: So etwas mache ich nie mehr mit. Ab sofort radle ich nur noch auf Wegen, die in unserer Velokarte entsprechend markiert sind. Ich bin sicher, dass diese Botschaft nun auch bei meinem lieben Mann angekommen ist.

Sonntag, 16. bis Donnerstag, 27. Oktober 2011
Der gelbe Pfeil  (Text von Edi)

Vor einigen Wochen sind uns gelbe Markierungen entlang der Veloroute aufgefallen. Es sind Pfeile, die am Strassenrand oder auf dem Pannenstreifen auf den Boden gesprayt wurden. Nun wissen wir, dass diese Pfeile den Radweg nach Süden markieren. Immer zwei Pfeile vor und einer nach der Abzweigung. Auch wenn der Weg bei einer Kreuzung gerade aus geht, sind die Markierungen angebracht. Eine einfache aber geniale Lösung.

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Wir haben nirgends etwas über diese Bodenwegweiser lesen können. Doch auf diese ist wirklich Verlass. Weicht der Weg mit den Pfeilen von dem auf unserer Velokarte ab, dann folgen wir den gelben Markierungen.

Wir sind gespannt, wie lange uns diese Pfeile den Weg nach Süden weisen werden.

Avenue der Giganten  (Text von Barbara)

Die Avenue of the Gigants führt auf einer 50 km langen Strasse durch den Humboldt Redwoods State Park. Obschon wir nun schon etliche dieser mächtigen Bäume bewundern konnten, sind wir immer wieder von Neuem begeistert. Wir steigen von unseren Rädern und lassen die Waldriesen, die bis zu 100 Meter in den Himmel ragen, auf uns wirken oder kraxeln auf den entwurzelten Bäumen herum und schlendern durch den Wald.

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Vor dem Visitor Informationscenter liegt ein Baumstamm. Wir bestaunen die Jahrringe mit den Markierungen. Im Jahre 1148 begann der Redwood zu wachsen und fiel im Jahre1987 einem Sturm zum Opfer. In den Jahrringen sind wichtige geschichtliche Daten festgehalten, so auch die Entdeckung Amerikas durch Columbus. Das Alter von über 800 Jahren wirkt mit diesen Daten noch eindrücklicher.

Von der US 101 auf die US 1   (Text von Edi)

In den vergangenen Tagen war die US 101 unser Leitfaden. Es ist nicht mehr die Strasse für Geniesser. Nein, über weite Strecken ist die 101 zu einer 4- bis 6spurigen Autobahn ausgebaut worden. Bei der Erneuerung der 101 wurde die Strasse oft komplett neu gebaut. Die „alte“ zum Teil noch vorhandene 101 wird noch vom Regionalverkehr benutzt. So natürlich auch von uns Radfahrern. Wir schätzen es, wann immer wir können, auf der alten 101 zu radeln, auch wenn diese teils etwas holprig geworden ist und Schlaglöcher aufweist.

In Leggett jedoch verlassen wir die US 101. Bis San Francisco wird nun die US 1 unser Leitfaden sein. Wir geniessen den herrlichen sonnigen Herbsttag. Der Verkehr ist plötzlich wie weggeblasen. Nur selten überholt oder begegnet uns ein Auto. Es ist fast wie auf dem Alaska Highway. Kurvenreich windet sich die Strasse bis auf fast siebenhundert Meter in die Höhe. Auf dem Leggett Summit erreichen wir die höchste Stelle der ganzen Pazifikküste. Danach folgt die rauschende Abfahrt. Mehr als 20 km können wir es so richtig sausen lassen. Welch ein Genuss!

Plötzlich spüren wir den Wind vom Meer. Wenige Augenblicke später sind wir an der Küste und bestaunen die Klippen und die Vegetation, die hier komplett anders ist. Anstelle des dichten Waldes nun Weide- und Steppenlandschaft. Nebelschwaden ziehen vom Meer her die Klippen hoch. Die Stimmung ist beeindruckend. Doch es vergeht keine halbe Stunde und wir sind im Nebel eingepackt.

So radeln wir durch den Nebel der Küste entlang. Immer wieder geht’s steil und kurvenreich bergauf bis über die Klippen, anschliessend genauso steil wieder bis auf Meereshöhe hinunter. Die Feuchtigkeit durchdringt die Kleider. Weicht die Strasse einige hundert Meter von der Küste ab, dann sehen wir den blauen Himmel. Es wäre also immer noch schönes sonniges Herbstwetter…

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Was könnte da noch besser werden…   (Text Edi)

Seit mehreren Tagen begleitet uns das herrliche Herbstwetter südwärts. Bei guter Wetterlage bläst der Wind von Nordosten. Somit haben wir mehrheitlich Rückenwind. Teils schiebt er uns kräftig Richtung San Francisco. Ganz von selber geht es dennoch nicht. Die vielen steilen Anstiege über die Klippen gehen ganz schön in die Waden. Die Strasse windet sich immer wieder hoch, um danach genauso kurvenreich auf Meereshöhe abzufallen. Kaum unten angelangt, schlängelt sich die US 1 wieder in die Höhe, oft mit einem wundervollen Blick auf das Meer.

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Es macht Spass, auf der verkehrsarmen US 1 entlang der Küste südwärts radeln zu können. Die Strasse ist jedoch eng und verfügt meistens über keinen oder nur einen schmalen Pannenstreifen. Mehrheitlich sind die Automobilisten und die Lastwagenfahrer rücksichtsvoll. Einige wenige überholen uns jedoch auch bei Gegenverkehr oder in engen Kurven. Dann wird es knapp. Manchmal fehlt wirklich nur noch eine Handbreite zwischen uns und den Autos. Doch diese Situationen bilden gottlob die Ausnahme. Vielmehr haben die Autofahrer Freude an uns. Sie winken uns zu oder hupen zwei-, dreimal ganz kurz. Halten wir an, dann werden wir immer wieder angesprochen. Es sind die gleichen Standardfragen. Woher, wohin und wie es uns gefalle.

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Alles ist anders geworden …(Text von Barbara)

Je mehr wir uns San Francisco nähern, desto mehr verändert sich die Umgebung. Dörfer, die vor Tagen noch halb zerfallene Häuser aufwiesen, sind verschwunden. Schmucke Ortschaften mit vielen Restaurants (spezialisiert für Austern), Boutiquen und Souvenierläden säumen die Strasse. Auch der Verkehr nimmt merklich zu. Die einsamen Strände sind vorbei. Überall herrscht Geselligkeit und reger Betrieb.

Auch mit der Ruhe auf der bisher verkehrsarmen US 1 ist es vorbei. Heute Samstag sind uns Hunderte von Motorradfahrern und ganze Gruppen von Velofahrern begegnet. Knattern zwanzig bis dreissig schwere Harley in einer Gruppe an uns vorbei, dann tönt es, als würde ein Panzerregiment an uns vorbeiziehen. Es ist anders geworden, doch wir geniessen diesen Wechsel.

Über Tausende von Brücken  (Text von Edi)

Wir haben sie nicht gezählt, die vielen Brücken, die wir mit dem Velo auf unserer Reise „let’s go south“ bereits überquert haben. Allein auf dem Alaska Highway waren es mehrere Tausend. Kleine Holzbrücken, solche ohne Geländer, umfunktionierte Eisenbahnbrücken, grosse Stahlbrücken von mehr als einem Kilometer aber auch viele normale und unscheinbare Brücken. Die Golden Gate Brücke ist eindeutig das imposanteste Bauwerk, welches wir mit dem Velo überqueren.

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Das goldene Tor nach San Francisco. Die Golden Gate Bridge ist 2,8 km lang, 25 m breit, hat 6 Fahrspuren und liegt 67 m über Meer bei Hochwasser. Es war lange Zeit die längste Hängebrücke der Welt.

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Es ist für uns Vier nicht das erste Mal, dass wir über diese berühmte Brücke fahren. Es ist aber das erste Mal, dass wir dies mit unseren Fahrrädern wagen. Doch wie könnte es anders sein: Natürlich zeigt sich das wechselhafte Wetter in der San Francisco Bay auch bei uns. Von weitem können wir beobachten, wie die Nebelschwaden die Brückenpfeiler immer mehr einhüllen. Bei unserer Überquerung begleiten uns zudem starke, seitliche Windböen. Es gibt keinen eindrücklicheren Abschluss dieser 5. Veloetappe.



Doris und Barbara auf der Golden Gate Bridge

Erholung in San Francisco   (Text von Barbara)

In den vergangenen Wochen sind wir durch Dörfer mit wenigen 100 Einwohnern geradelt. Nun befinden wir uns in einer Stadt, die mit der Agglomeration über 6 Millionen Einwohner zählt (Angabe Stadtreiseführer Chaperon). Welch ein Gegensatz! Den Camper haben wir in Larkspur, einem Vorort von San Francisco, abgestellt. Wir wollen in der Downtown übernachten und wählen das Hotel Sam Wong direkt in Chinatown. Unsere vier Fahrräder dürfen wir im Büro hinter der Rezeption abstellen. Wir bekommen fast ein schlechtes Gewissen, als wir unsere Räder durch die Empfangshalle über den sauberen Teppich ins Büro schieben. Doch wir sind froh, dass die Velos nun sicher aufgehoben sind, denn wir wollen mit diesen ja noch etwa 1‘000 km bis San Diego zurücklegen.

Nordöstlich des italienischen Viertels liegt Russian Hill (der russische Hügel), ein sehr elegantes Wohnviertel. Die bekannteste Stelle ist die Lombard Street. Dies soll die kurvenreichste Strasse der Welt sein. Diese Strecke gehörte bis 1922 mit 27 % Gefälle zu den steilsten Strassen San Franciscos. Vorgestern sind wir mit unseren Rädern diese Strasse hoch- und runtergefahren bzw. mussten die Velos mühsam mit unserem Gepäck hochschieben. Nun überwinden wir die Steigungen mit der Cable Car, bummeln durch Fisherman’s Wharf und geniessen das herrliche Herbstwetter.

Natürlich darf auch ein Besuch in Chinatown nicht fehlen. Dies ist eines der ältesten und grössten chinesischen Stadtviertel ausserhalb Asiens. Die Namensschilder von Strassen und Gassen sind chinesisch und englisch angeschrieben. Gesprochen wird unter den Chinesen nur chinesisch. Zwischen den Fischgeschäften, den Gemüse- und Obsthändlern und den Imbiss-Stuben mit den Peking-Enten in den Schaufenstern kann man ein unablässiges Gewimmel beobachten. Dies ist eine Welt für sich!

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