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6. Veloetappe als pdf herunterladen

Donnerstag, 27. Okt. bis Samstag, 5. Nov. 2011
Auf zur letzten Etappe   (Text von Barbara)

Wir haben die Tage in San Francisco genossen. Am letzten Morgen, es muss so um 6 Uhr gewesen sein, da wecken mich einige Erdstösse. Kurze Zeit später bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob ich im Halbschlaf geträumt habe oder ob es tatsächlich ein Erdbeben war. In den regionalen Frühnachrichten gibt es nur ein Thema: Erdbeben bei Berkeley, Stärke 3,6. Also habe ich doch nicht geträumt.

Es ist kurz nach 9 Uhr und wir starten unsere letzte Veloetappe Richtung San Diego. Der Morgenverkehr hat sich bereits beruhigt. Wir radeln durch das Bankenviertel und dann weiter Richtung Golden Gate Park. Schmucke, zweistöckige Häuser säumen den Weg. Alle mit ihren typischen Erkern. Jedes der Häuser ist gepflegt und hat viel Charme. Die Seitenstrassen sind nicht weniger beeindruckend.

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Nach über zwei Stunden durch das Stadtgebiet erreichen wir die Küste und radeln auf einem Veloweg durch die Dünen südwärts. Es dauert nochmals mehrere Stunden, bis sich die Vororte von San Francisco langsam lichten und wir wieder in der wilden Natur ankommen.

Die US 1 ist nicht mehr die verkehrsarme Strasse für Geniesser. Um die Ballungsgebiete ist es eine Autobahn mit je zwei bis drei getrennten Fahrspuren. Somit sind wir immer froh, wenn wir auf verkehrsarme Nebensträsschen ausweichen können. Dies ist nur dank unserer Velokarte möglich, die seit San Francisco wieder voll zum Einsatz kommt. Die gelben Pfeile sind nämlich verschwunden.

Im Garten Kaliforniens  (Text von Doris)

Soweit das Auge reicht - riesige Felder, die geometrisch exakt in Hunderte längliche Gartenbeete eingeteilt sind! Die Plastikfolien, die die einzelnen Beete abdecken, glitzern in der Sonne und lassen die Fläche für unsere Augen wie ein riesiger See erscheinen. Ein Traktor stanzt mit 12 speziellen Metallrädern, die an seinem Hinterteil befestigt sind, in 3 Beete gleichzeitig Saatlöcher in die Abdeckfolie. Flinke Hände pflanzen die Setzlinge in diese Löcher.

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Was hier wohl angepflanzt wird? Aha - einige Kilometer später kommen wir an Beeten vorbei, die voll mit Erdbeerpflanzen bedeckt sind. Während sich bei uns die Anbauzeit der Erdbeeren auf 3 Monate beschränkt, wachsen hier die Erdbeeren während 6 Monaten! Hunderte von Feldarbeiter lesen tief gebückt die herrlich roten Früchte ab und füllen sie in Kartons. „Hola amigo me da por favor….“überall hören wir spanische Worte. Es scheint sich hier wohl vor allem um mexikanische Arbeiter zu handeln! Himmelblaue TOI TOI-Toiletten werden mit kleinen Lastwagen auf die Felder geführt und zum Entleeren wieder abtransportiert. Wir fragen uns zu welchem Stundenlohn die Landarbeiter wohl hier schuften müssen -  sind die Erdbeeren etwa darum so billig?

Später wechseln die Erdbeerfelder zu Lattich, Krachsalat, Artischocken und zu Rosenkohl, deren blaugrüne Blätter sich gegen die Sonne recken.

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Das Menu für heute Abend steht jedenfalls fest:

Zur Vorspeise gibt es Artischocken mit Senfsauce, als Hauptgang Kartoffelstock mit geschnetzeltem Rindfleisch und Rosenkohl, dazu Lattichsalat mit Feta-Käse und zum Dessert Erdbeeren mit Vanilleglacé und Rahm.

Hier noch einige Ernte-Zahlen, nur aus der Gegend von Monterey County: 
95‘000‘000 kg Lattich
32‘000‘000 kg Brokkoli
24‘000‘000 kg Erdbeeren.

Der 17 Mile Drive  (Text von Barbara)

Damit wir nicht zu früh in San Diego ankommen, unternehmen wir immer wieder kleinere sowie grössere Abstecher.

Die Monterey Bay soll über die schönsten, bike-freundlichsten Routen Kaliforniens verfügen. So auch der 17 Mile Drive. Ab Sand City pedalen wir durch die Sanddünen entlang der Küste. Es ist Sonntag. Dementsprechend sind etliche Velofahrer und Spaziergänger unterwegs. Ab der Fishermans Wharf in Monterey führt uns der Weg auf die Halbinsel bis nach Carmel.

Auf der einen Seite erblicken wir prachtvolle Villen, auf der anderen Seite das Meer mit der tosenden Brandung. Mehrere Kilometer radeln wir durch riesige Golfanlagen. Auf dieser Halbinsel treffen Natur pur und prunkvoller Luxus aufeinander.

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Personenwagen müssen für die Durchfahrt 9.50 $ bezahlen. Motorräder sind verboten. Wir Velofahrer dürfen gratis durch diese Oase der Gegensätze pedalen.

Bei Carmel verlassen wir den 17 Mile Drive und gelangen wieder auf den Highway 1. Dieser Abstecher hat sich wirklich gelohnt!

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Radweg durch die Sanddünen Richtung Monterey

Entlang der wildesten Pacific-Küste   (Text von Edi)

Die 120 km lange Strecke zwischen Carmel und Ragged Point gilt als die schönste und berühmteste Küstenstrasse des Highway 1. Erst 1937 wurde dieser Streckenabschnitt nach einer langen Bauzeit abgeschlossen. Für die gefährlichsten Bauarbeiten rekrutierte man freiwillige Strafgefangene aus San Quentin, denen man dafür Straffreiheit versprach. Wie viele von diesen Sträflingen während den Bauarbeiten ihr Leben lassen mussten, ist nicht bekannt.

Ein einheimischer Velofahrer schwärmt von dieser Küstenstrasse und gibt uns Ratschläge mit auf den Weg. Er meint, die Strecke sei fantastisch, jedoch steil, eng und ohne Pannenstreifen und dementsprechend sehr, sehr gefährlich.  Beiläufig erwähnt er, dass er vor einiger Zeit von einem Camper gestreift worden sei und seitdem Angst habe, die Strecke mit dem Velo zu befahren. Nach diesem kurzen aber sehr aufschlussreichen Gespräch bekommen auch wir ein etwas mulmiges Gefühl.

In unserem Veloreiseführer steht, dass sich im Sommer ein Autotouristenstrom nebst Autobussen über die steile, enge Strasse wälzen würde. Als Velofahrer helfe nur eines: vor Sonnenaufgang starten, bevor die Blechlawine anrolle. Genau dies ist der Grund, dass wir uns so viel Zeit in Kanada gelassen haben. Wir wollten bewusst die Strecke durch Kalifornien erst nach dem grossen Touristenrummel mit dem Velo befahren. Auch wenn um diese Zeit die ersten Herbststürme an der Küste zu erwarten sind.

Nun sind wir da. Nur vereinzelte Camper und Autos mit Wohnwagen begegnen uns. Welch ein Genuss, auf dem verkehrsarmen Highway 1 radeln zu können. Zugegeben, es ist eng, teilweise sehr eng. Die tiefen Leitblanken, welche den Strassenrand von den bis zu 100 m steil abfallenden Felsen trennen, sind für uns Velofahrer wirklich gewöhnungsbedürftig.

Die Strecke ist jedoch traumhaft. Immer wieder zieht dicker Küstennebel über die Klippen. Wir schalten die Velolampen ein, doch wenige Minuten später gewinnt die Sonne wieder die Oberhand.  Dieses Wechselspiel ist faszinierend.

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Ein beeindruckender Streckenabschnitt. Immer wieder halten wir an, schiessen ein, zwei Fotos, obschon wir schon Dutzende geknipst haben. Wir können einfach nicht wiederstehen.

Südkalifornien heisst uns herzlich willkommen   (Text von Barbara)

Ab Ragged Point gibt es eine lange Schussfahrt durch die kurvenreiche Küstenstrasse. Unten angekommen befinden wir uns plötzlich in einer anderen Klimazone. Die wilde Küste ist einem weiten flachen Küstenstreifen gewichen. Immer öfters sehen wir Palmen und Kakteen. Viele Häuser sind im mexikanischen Stil gebaut. Führt die Strecke einige Kilometer von der Küste weg, steigen die Temperaturen noch mehr an. In kurzen Hosen und im T-Shirt geniessen wird das „hochsommerliche“ Wetter, und dies im November.

Wir wollen den Tag nicht vor dem Abend loben. Noch sind wir 400 km von San Diego entfernt und das Wetter kann sich rasch ändern. Da wir dies wissen, geniessen wir die sonnigen Tage doppelt.

Eine Tagesetappe von 320 km! (Text von Doris)

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...schafft der Monarch-Schmetterling auf dem Weg in sein Winterquartier im über 3000 km entfernten Süden von Kalifornien!
Wie stehen inmitten einem Wäldchen von Pinien, Eukalyptus- und Zypressenbäumen. Riesige Trauben von Schmetterlingen hängen an ihren Ästen.

Zurzeit zählt man bereits 10‘000 davon. Viele Tausende werden noch folgen. Vor einigen Jahren überwinterten hier 240‘000 Monarch-Schmetterlinge!

Wenn die Temperatur 13 Grad Celsius erreicht, öffnen sie weit ihre Flügel und strecken ihre traumhaft orange gefärbte Fläche der wärmenden Sonne entgegen. Ist die Witterung gut, flattern sie durch die Gegend auf der Suche nach Nektar, sonst zehren sie von ihrem auf der Reise angefressenen Fettvorrat. Nach der Paarung im März, fliegen sie nordwärts Richtung Kanada. Unterwegs legen die Weibchen Hunderte von Eiern und sterben danach. Bei den frisch geschlüpften Schmetterlingen, die 8-10 Wochen leben, beginnt der Zyklus erneut. Die 4. Generation ist diejenige, die sich auf den Winterzug nach Südkalifornien macht. Sie lebt über 6 Monate. Wie kann der Monarch- Schmetterling wissen wo sich sein Winterquartier befindet ohne je dort gewesen zu sein oder über die „Eltern“ davon erfahren zu haben? Wissenschaftler nehmen an, dass die Information über den Standort des Winterquartiers in seinen Genen festgelegt ist und er mit der Sonne navigiert.

Uns hat der kleine zierliche Schmetterling jedenfalls wahnsinnig fasziniert und unsere hin und wieder gefahrenen 100 km im Tag in einem neuen Licht erscheinen lassen.

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Tausende von Monarch-Schmetterlingen hängen wie Trauben an den Bäumen

Gross, grösser, am Grössten (Text von Xavi)

Unser Wohnmobil mit 8,7 Meter Länge und 3 Meter Breite ist für europäische Verhältnisse ein Riese. Wir fühlen uns damit aber auf den Campingplätzen in Amerika wie eine unscheinbare Maus. Mit welchen Wohnmobilen die Amis unterwegs sind ist einfach unglaublich. Viele Busse sind über 13 Meter lang. Teilweise sind sie 10fach bereift. Da diese Masse noch nicht ausreichen, können die Seitenwände an verschiedenen Stellen zusätzlich seitwärts ausgefahren werden. So erhält das Wohnzimmer fast die Grösse von zu Hause, und im Schlafzimmer finden sogar zwei übergewichtige Amerikaner Platz. Da man mit diesem Giganten nicht gerade wendig unterwegs ist und er sich für Tagesausflüge vom Campingplatz aus nicht eignet, wird gleich noch der Personenwagen hinten angehängt. Üblich ist zudem, dass meistens noch 2 oder mehr Hunde mitreisen. Manchmal erschrecke ich, wenn greise Männer diese Busse lenken aber kaum noch gehen können.

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Sehr beliebt sind Wohnwagen die auf der Ladefläche eines Pick-up’s mittels einer speziellen Kupplung angehängt werden können. Sie sind viel billiger (ab Fr. 30‘000.-) und das Zugfahrzeug kann zugleich als Personenwagen genutzt werden. Die Wohnwagen sind gegen 11 Meter lang und mit dem Zugfahrzeug zusammen ergibt sich eine stattliche Länge von gut 15 Meter. Mit diesen Ungetümen brausen sie mit 100 km/h über die Landstrassen. Erstaunt bin ich immer wieder wie gewandt die Fahrer die Wohnwagen auf die Stellplätze einparken. Nicht immer hilft die Partnerin beim Einweisen mit einem Funkgerät.

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Ab und zu sehen wir auch richtige Expeditionsvehikel, auch mal ein alter VW-Bus oder eine Eigenkonstruktion.

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Oft stehen Wohnwagen für längere Zeit auf dem Campingplatz. Die Bewohner haben einen Job in der Nähe und benutzen ihren Wagen als Unterkunft. Einige haben gar keine andere Wohnadresse mehr.

Edi und der Seeelefant (Text von Doris)

Sicher fragt ihr euch, was Edi und ein Seeelefant Gemeinsames haben -es sind 8000 km Reiseweg vom Norden in den Süden!

Ein strenger Duft hängt in der Luft. Hunderte von Seeelefanten liegen vor uns im Sand und schaufeln ihn mit den Flossen über ihre massigen Körper. Interessanterweise scheinen sie das enge Zusammenliegen zu geniessen, obwohl sie im Meer als Einzelgänger unterwegs sind. Bei diesen Seeelefanten handelt es sich um in diesem Frühjahr geborene Jungtiere und noch nicht fortpflanzungsfähige Männchen. Ja, genau diese Halbstarken sorgen immer wieder für Unruhe. Ständig fordern sie sich gegenseitig zum Kampf heraus, wälzen sich rücksichtslos über ihre schlafenden Artgenossen oder robben zur Abkühlung wieder in die schäumende Brandung. Die Luft ist erfüllt von lautem Gebrüll. Einige Wochen später werden diese Seeelefanten verschwinden und es folgen erwachsene Männchen und trächtige Weibchen. Die Jungen werden nach einer Tragezeit von 12 Monaten geboren. Kurze Zeit nach der Geburt paaren sich die Weibchen bereits wieder. Im März verlassen die bis zu 2,5 Tonnen schweren Männchen die Paarungsstätte und ziehen wieder Richtung Norden nach Alaska zu den Aleuten Inseln wo sie in bis zu 1500 Meter Tiefe nach Fischen tauchen

Ein markanter Unterschied zwischen Edi und einem Seeelefanten gibt es doch. Der Seeelefant legt die 8000 km zweimal im Jahr zurück! Er schwimmt im Juli zur Mauser noch einmal nach Südkalifornien!

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Go to Santa Barbara  (Text von Edi)

Wir wissen fast nicht mehr wie es ist, am Morgen in der Regenmontur starten zu müssen. Seit mehr als drei Wochen hatten wir keinen Tropfen Regen. Nur etwas Küstennebel. Heute ist es anders. Es regnet in Lompoc. Doch nicht lange und Doris und ich können uns der Regenmontur entledigen. Der Wind blässt zuerst von vorne. An der Küste auf der US 101 angelangt geniessen wir Rückenwind. Die US 101 ist auf weite Strecken eine Autobahn. Auf dem breiten Pannenstreifen fühlen wir uns sicher. Einzig die Ausfahrten sind bei diesem starken Verkehr mühsam. So warten wir teilweise mehrere Minuten, bis eine Lücke es erlaubt, von der Ausfahrtsspur wieder auf den Pannenstreifen zu wechseln. Viele Glasscherben liegen am Strassenrand und zerstreut auf der ganzen Breite des Pannenstreifens. Scherben bringen nicht immer Glück. So zischt es auf einmal bei Doris am Hinterrad. Jedoch nur kurz. Sie hat einen Schlauch mit abdichtender Flüssigkeit, welche das Loch von selbst wieder verklebt. Wir pumpen den Schlauch wieder auf und radeln weiter. Erneut ertönt das gleiche Geräusch und dann beim dritten Mal ist bei Doris, genauer gesagt bei ihrem Hinterrad, die Luft draussen. So flicken wir das Loch im Schlauch auf dem Pannenstreifen der Autobahn. Zugegeben, es gibt angenehmere Orte.

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Nun schalten wir hier in Santa Barbara eine Pause ein, bevor es weiter nach San Diego geht. Die spanisch geprägte Stadt hat ein Flair und lädt zum Verweilen ein.

Santa Barbara  (Text von Edi)

Mit einem Bus fahren wir vom Sunrise RV Park in die Stadt. Wir sind die einzigen Weissen. Südländische Menschen mit ihren braungebrannten Gesichtern und dunklen grossen Augen mustern uns. Wir sind nicht in Mexico, der südländische Charme ist hier in Santa Barbara jedoch allgegenwärtig.

Wir besuchen die Mission von Santa Barbara und bummeln danach der State Street entlang bis an den Hafen. Hunderte von kleinen und grösseren Läden, Cafés und Restaurants säumen die Strasse. Dazwischen stehen prächtige Häuser.

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Auf den gepflegten mit Bänken versehenen Vorplätzen stehen Pianos. Diese Gelegenheit nutzt Xavi. Er setzt sich hinter die Tasten und beginnt zu spielen. Leute bleiben stehen, fotografieren und filmen. Am Schluss bekommt Xavi einen kräftigen Applaus. Doch der Hut vor dem Klavier bleibt leer.

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Das südländische Flair der Stadt runden wir mit einem Nachtessen in einem mexikanischen Restaurant am Hafen ab. Dabei sind wir einmal mehr überrascht über die zuvorkommende und hilfsbereite Bedienung.

Sonntag, 6. bis 15. November 2011
Wir nähern uns Los Angeles   (Text von Barbara)

Nochmals radeln wir durch riesige Gemüse- und Früchteplantagen. Erdbeerfelder soweit das Auge reicht. Auf einigen Feldern ernten viele flinke Hände die roten Früchte. Auf anderen werden die Pflanzen erst gesetzt.

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Dies alles im November! Ich kann nicht widerstehen und kaufe an einem Früchtestand drei Körbchen für nur 6 $ und verpacke diese sorgfältig in meine Velosaggoche.

Wieder an der Küste angelangt, zeugen prunkvolle Villen, dass Los Angeles nicht mehr weit entfernt ist. Es gibt jedoch noch andere Zeichen, die uns zeigen, dass wir uns einem grossen Ballungsgebiet nähern. Die Campingplätze der letzten Tage sind eingezäunt und werden in der Nacht mit einer Barriere zugeschlossen. Auf einem der Plätze, der durch die Securitas kontrolliert wird, werden wir darauf aufmerksam gemacht, unsere Fahrräder gut zu sichern und an einem festen Gegenstand anzubinden. Auf einem anderen Zeltplatz wird uns ein Flugblatt abgegeben mit der Empfehlung, die Räder über Nacht in den Camper zu nehmen. Doch wie macht man dies, wenn es zu Viert doch schon eng genug ist? In der Nähe der Campingplätze befinden sich oft Zeltlager von Obdachlosen. Dies sei einer der Gründe, weshalb immer wieder trotz Bewachung Gegenstände gestohlen würden.

Nun sind wir in Malibu und geniessen den Abendwhisky mit Blick aufs Meer. Im Hintergrund sehen wir die Lichter der Vororte von Los Angeles.

Mit dem Velo durch Los Angeles (LA) (Text von Edi)

Wie viele Einwohner hat Los Angeles mit seinen Vororten? Das kann niemand genau sagen, da Hunderttausende von Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung in diesem Ballungsgebiet leben. Los Angeles ist nach New York die zweitgrösste Stadt der USA. Das Ballungsgebiet von Los Angeles hat mehr Einwohner als Oesterreich und die Schweiz zusammen. Im Velobuch lesen wir, dass es eine grosse Herausforderung sei, auf 6-spurigen Strassen ohne Radweg und ohne Pannenstreifen zusammen mit dem hektischen Stadtverkehr radeln zu müssen.

Barbara und ich finden es viel entspannter. Nach Malibu ist der Verkehr auf der vierspurigen US 1 teilweise so zähflüssig, dass wir mit 15 km/h genauso schnell wie die Autos unterwegs sind. Angenehm für uns. Zwischen den am Strassenrand parkierten Autos und den Fahrspuren ist wenig Platz für Radfahrer. Doch schon wenige Kilometer später können wir auf einem asphaltierten Weg, reserviert für Velofahrer und Fussgänger, durch den Sandstrand pedalen. Wir befinde uns im Grossraum von Los Angeles und radeln, kaum zu glauben, ganz gemütlich entlang der Küste.

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In Venice Beach kommt Stimmung auf. Auf der Küstenstrasse herrscht ein buntes Treiben mit vielen Läden und Ständen. Kaum zu glauben, was hier alles zum Verkauf angeboten wird. Daneben hat es Schlangenbeschwörer, Musiker und Maler. Wir begegnen auch Menschen, die ihr einziges Hab und Gut in einem Einkaufswagen daher schieben. Dies sind arme „Schlucker, die durch das grobmaschige Sozialnetz der USA hindurch gefallen sind. Einmal mehr finden wir Gegensätze, die uns betroffen machen. Auf der einen Seite Prunk und Reichtum, was auch gezeigt wird und auf der anderen Seite bittere Armut.

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Um nach Long Beach zu gelangen wählen wir zuerst die Strecke quer durch Los Angeles. Wir radeln und radeln. Dabei bekommen wir einen Eindruck von der Weitläufigkeit dieser Stadt. An wie vielen Lichtampeln wir warten müssen, zählen wir nicht, es sind deren zuviele. Der Verkehr auf den 6-spurigen Strassen ist viel angenehmer und ruhiger als angenommen. Zugegeben, natürlich nicht so ruhig wie auf dem Alaska Highway.

Die Sonne steht schon tief, als wir auf dem Radweg entlang des Los Angeles River fahren. Mehrere grosse Brücken überqueren diesen Fluss. Unter diesen Brücken sehen wir immer das gleiche Bild. Mittellose Menschen, die hier in einem kleinen Zelt oder nur unter Karton und Plastik leben. Wenige Minuten später stehen wir in der Downtown von Long Beach. In der Abendsonne glitzern die prunkvollen Bankpaläste. Genau daneben befindet sich unser Campingplatz.

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Bummel durch Long Beach  (Text von Barbara)

Die gepflegten, grosszügig angelegten Parkanlangen sind wunderschön und laden zum Verweilen ein. Der Staat Kalifornien ist eigentlich zahlungsunfähig. Doch diesen Eindruck bekommt man nicht. Im Gegenteil! Erstaunt sind wir, wie wenig Menschen in den Parks und auf den Strassen unterwegs sind.

Das Bummeln durch die Parks, den Hafen und Downtown gibt Hunger. Am Hafen geniessen wir den Abend und saftige Steaks. Vorbildlich sind einmal mehr die aufmerksame Bedienung und die gepflegte Küche. „Mein Name ist Joe. Ich bin heute euer Kellner und für euer Wohl zuständig!“ Nicht jedermann in den USA ernährt sich nur von Hamburgern und Pommes. Auswärts essen ist zudem nur halb so teuer wie bei uns in der Schweiz.

Wir schlendern bei Nacht zurück auf den Zeltplatz. Taschenlampen benötigen wir keine. Der Himmel ist vom Lichtermeer der Stadt hell erleuchtet.

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Am Hafen von Long Beach, im Hintergrund Downtown mit dem Bankenviertel

Haben sie einen amerikanischen Führerausweis?  (Text von Edi)

Da die vierspurige Interstate 5 dem Verkehr nicht mehr genügte, ist auf einem Teilstück nach San Clemente daneben eine neue 6-spurige Strasse gebaut worden. Die alte Autobahn steht nun fast ausschliesslich uns Velofahrern zur Verfügung. Ein spezielles Gefühl, auf einer Autobahn radeln zu können, die den Velofahrern gehört.

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So muss es auf den Strassen aussehen, wenn es kein Benzin mehr gibt. Doch dann ist die alte Autobahn auf einmal weg. Anhand unserer Velokarte überprüfen Doris und ich den weiteren Streckenverlauf. Schon hält eine Dame auf ihrem Rennvelo an und erkundigt sich, ob wir einen amerikanischen Führerausweis bei uns hätten. Damit könnten wir durch das Pendleton Militärcamp hindurch fahren. Ansonsten müssten wir auf der Autobahn radeln und dies sei sehr mühsam. Auf unsere Anschlussfrage, ob ein Schweizerpass auch ausreichen würde, schaut sie uns mit grossen Augen an und erwidert: „Ob Ausländer durch dieses Sperrgebiet fahre dürfe, das wisse sie leider nicht.“

Wir versuchen es. Bei der Eingangskontrolle zeigen wir unsere Pässe. Der Soldat scheint weniger an unseren Papieren interessiert zu sein, als an unserer langen Reise selbst. Er will wissen, wo und wann wir gestartet sind, wie wir die Wegstrecke empfunden haben und noch vieles mehr. Erst als weitere Fahrzeuge hinter uns anstehen, lässt er uns weiterziehen und ruft uns noch nach. „Fahrt vorsichtig und viel Spass!“

Das Camp hat Wohnsiedlungen, Einkaufcentren für die Armeeangehörigen und vieles mehr. Die Fahrt durch dieses Militärcamp ist nicht spektakulär. Bis Doris und ich uns verfahren. Nun bekommen wir einen Einblick über Schützenpanzer, Minenräumungsgeräte und vieles mehr.

Wir sehen diese Fahrt quer durch dieses Sperrgebiet als kleine Besichtigungstour an. Es dauert einige Zeit, bis wir den Ausgang aus diesem Labyrinth finden und die Ausgangskontrolle passieren.

Hände hoch…. (Text von Edi)

Wir radeln durch Encinitas. Da ruft mir Barbara zu: „He sieh mal, ein Trödlermarkt“. Wir halten an und wie ein Geistesblitz bin ich um Jahre zurückversetzt. Denn genau hier standen wir, genauer gesagt, sassen wir vor etwas mehr als 9 Jahren fest. Doch nun schön der Reihe nach.

Es war im Sommer 2002. Barbara und ich verbrachten die Ferien in San Diego. Wir wohnten in der Old Town in einem mexikanischen Appartement und waren viel mit den Velos unterwegs. Für einen Wochenendausflug tauschten wir bei einem kleinen Autovermieter unsere Velos gegen ein Auto um. So konnten wir in die Berge fahren. Auf dem Rückweg fuhren wir durch Encinitas. Auch damals rief Barbara: „He sieh mal, ein Trödlermarkt“. Wir parkten den Wagen am Strassenrand und schlenderten durch die Stände.

Als wir weiterfahren wollten machte unser Auto keinen Wank mehr. Wir versuchten, den Autovermieter telefonisch zu erreichen. Es kam ein Sprechband mit der hilfreichen Information: „Die Büros und die Werkstatt sind erst am Montag wieder geöffnet.“ Keine Garage war in der Nähe. Nur eine Mexikanerbar und ein Waffenladen, genau neben unserem streikenden Mietauto. Ein Blick in die rauchige Bar sagte mir, hier bekommst du keine Hilfe. Zwei angetrunkene Gäste stritten miteinander und schrien sich an. Nur weg hier. So versuchte ich es im Waffenladen. Ein grosser bärtiger Mann stand hinter seinem Verkaufstisch und war mit der Reinigung einer Schrotflinte beschäftigt. Ich erklärte ihm mein Problem. Zuerst reagierte er abweisend. Als er erfuhr, dass wir Schweizer sind, änderte sich dies jedoch schlagartig. Seine Frau sei auch (Betonung auf auch) aus Oesterreich. Er versuchte telefonisch einen Kollegen zu erreichen, der sich mit Autos bestens auskenne. Danach ein weiterer Telefonversuch bei einem anderen Freund. Ergebnislos. Er liess nicht locker und sagte zu mir: „Schauen sie kurz zum Laden, ich bin gleich zurück. Ich fahre schnell zu meinem Freund“. Super dachte ich, bis mir wenige Minuten später bewusst wurde: Ich stehe in einem Waffenladen, Pistolen und Gewehre an einer Wand aufgehängt und in den Glasvitrinen. Munition mit unterschiedlichem Kaliber auf einem Korpus aufgestapelt. Alles frei zugänglich. Was mache ich bloss, wenn Kundschaft kommt? Die Minuten werden zu Stunden. Dann kommt er mit seinem Freund. Der nimmt sich unseres streikenden Mietautos an und schon läuft der Motor wieder. Die bangen Minuten, alleine in diesem Waffengeschäft neben der Bar mit den illusteren Gestalten, werde ich nie vergessen. Und genau da stehen wir nun. Diesmal mit unseren Velos. Die Bar ist jetzt eine mexikanische Imbissstube und das Waffengeschäft steht leer.

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Feuchte Begrüssung in San Diego   (Text von Edi)

Nach etwas mehr als 8‘000 Velokilometern radle ich heute mit Barbara hier in San Diego ein. Es regnet und stürmt. Ganze Strassenabschnitte stehen knöcheltief unter Wasser. Was für ein feuchter Empfang. Wir sind jedoch zuversichtlich, dass wir noch sonnige Tage hier in San Diego erleben werden.

Noch ist unsere Velotour „let’s go south“ nicht ganz abgeschlossen. Wir wollen zu Viert bis nach Imperial Beach an die mexikanische Grenze radeln. Dies ist unsere „final destination on bike“.

San Diego bei strahlendem Sonnenschein  
(Text von Barbara)

Es kommt genau so, wie erhofft. Heute Morgen begrüsst uns ein wolkenloser Himmel und die Temperatur ist wieder angenehm warm. Wir schlendern zum Hafen. In der Bucht finden die Vorausscheidungen für den America’s Cup statt. Vom Pier aus können wir die Wendemanöver der Katamarane ausgezeichnet beobachten. Die Alinghi ist jedoch nicht mit von der Partie. Weniger als fünfzig Meter neben uns befinden sich die Tribünen. Dort kostet der Eintritt US$ 1‘000.--.

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Start des America's Cup

Von den kleinen schnellen Segelbooten wechseln wir zu einem grossen, langsamen Boot. Es ist der Flugzeugträger USS Midway. 1945 wurde dieses Kriegsschiff in Betrieb genommen. Die USS Midway war noch gegen Ende des 2. Weltkrieges und im 1. Irakkrieg im Einsatz. Nun steht dieser mächtige Koloss im Hafen von San Diego und ist seit 2004 für das Publikum zugänglich. Die Zahlen sind eindrücklich. Die Besatzung umfasste nicht weniger als 4‘500 Mann. Pro Tag 10‘000 kg Esswaren. Der Treibstoffverbrauch betrug auf 100 km 60‘000 Liter.

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Der Flugzeugträger USS Midway

We got it! (Text von Edi)

Zu Viert starten wir zu unserer letzten Tagesetappe an die Grenze zu Mexiko. Wir wollen irgendwo in der Nähe der Grenze übernachten, den Abschluss unserer Tour feiern und erst am Folgetag zum Camper zurückradeln. Da die Coronado Brücke für Radfahrer gesperrt ist, geht es mit der Fähre auf die Halbinsel Coronado. Am Hafen lösen wir unsere Tickets und warten auf das Schiff. Da spricht uns einmal mehr ein Radfahrer an. Er stellt wie immer die gleichen Fragen. Doch als er hört, wie lange wir schon unterwegs sind, greift er nach meiner Bärenhupe, drückt dreimal kräftig und ruft den Leuten zu: „He, hört mal, diese Verrückten sind von Alaska bis hierhin mit dem Velo geradelt. Dies ist ein kräftiger Applaus Wert!“ Es ist uns fast peinlich, als all die Leute um uns herum applaudieren und uns zuwinken.

Um 16 Uhr erreichen wir den Border Field State Park. Die letzten Kilometer sind nicht sonderlich schön. Alles wirkt verlottert und ist schmutzig. Einige hundert Meter neben uns der Stacheldrahtzaun mit den Sicherungsanlagen. Auf der einen Seite der reiche Onkel Sam, auf der anderen Seite die mehrheitlich arme mexikanische Bevölkerung.

Helikopter kreisen über der Grenze und der Küste entlang. Sind die vier Radfahrer mit den Leuchtwesten eventuell verdächtig? Kurze Zeit später folgt uns ein Fahrzeug der Grenzwache. So fühlen wir uns hier in der Abgeschiedenheit auch sicher. Über diese Grenze versuchen täglich mehrere hundert Mexikaner in das gelobte Land USA zu gelangen.

Am 9. Juni sind wir bei eisiger Kälte in Prudhoe Bay gestartet und nun nach etwas mehr als fünf Monaten stehen wir bei sommerlichen Temperaturen unweit der Grenze zu Mexiko an unserem Ziel. Wir Vier haben zusammen 18‘000 km mit den Velos zurückgelegt und 135‘000 Höhenmeter bezwungen. Dies unfallfrei!

Für das Schlussfoto stellen wir das Stativ auf. Da nimmt Doris aus ihrer Saggoche eine Flasche Champagner. Ja, Doris und Xavi sind immer für eine Überraschung gut. Wir wissen, dass es verboten ist, hier im Freien Alkohol zu trinken. Etwa 20 Meter hinter uns ein Grenzpolizist, der uns aus seinem Fahrzeug beobachtet.

Nach kurzem Zögern entscheiden wir, den Korken trotzdem knallen zu lassen. Ich habe jedoch unterschätzt, dass die Flasche auf dem Velo viele Kilometer kräftig geschüttelt worden ist. Nein, der Korken fliegt nicht in die Schweiz, aber fast bis nach Mexiko. Der Grenzbeamte tut so, als bekäme er von all dem nichts mit. So muss er gar nicht erst einschreiten.

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Die Velos nehmen wir einmal mehr mit auf unsere Zimmer. Es ist sicherer so und für die Dame an der Rezeption selbstverständlich.

Am Morgen hat Barbaras Hinterrad keine Luft mehr. Dies ist Plattfuss Nummer 8 (Doris 2, Barbara 2, Edi 4. Warum wohl hat Xavi keinen?).

„Let’s go south“ ist bereits Geschichte. Wir werden mit dem Camper in den Norden der USA nach Seattle fahren. In den kommenden Tagen werden wir im Sinne einer Nachlese noch einige Gedanken zu dieser Reise festhalten, bevor wir „let’s go south“ schliessen.

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Geschafft: In 112 Veloetappen total 8'075 km mit über 63'000 Höhenmetern zurückgelegt.

 

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