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Montag, 25. Juni 2012  Auf zur dritten Etappe

Vorgestern wurde für Montag Dauerregen angekündigt, doch wir wollen weiter. Deshalb fahren wir unabhängig der Wetterprognosen los. Einzig die Etappenlänge machen wir von Wind und Wetter abhängig.

Wir starten unsere dritte Etappe über Landwirtschaftssträsschen. Die Hoteldame hat uns versichert, dass der Weg nach Mont Saint-Michel ausgeschildert sei. Weit gefehlt! Nach einigen Kilometern sind wir am Wattmeer mit Blick auf den imposanten Mont Saint-Michel. Für Radfahrer wäre die Weiterfahrt gestattet. Das Problem ist nur, dass die Strasse bereits knöcheltief unter Wasser steht. Zudem wissen wir nicht, ob vom Dauerregen oder ob Flut im Anmarsch ist. Wir benötigen noch zwei weitere Anläufe, dann gelangen wir zum Übergang über den Fluss Couesnon, der auch die geographische Grenze zwischen der Bretagne und der Normandie bildet (jedoch nicht die politische Grenze). Nun radeln wir direkt auf Mont Saint-Michel zu.

Jährlich besuchen mehrere Millionen Touristen diese Attraktion. Früher war der Mont Saint-Michel eine Insel. Mit dem Bau eines Dammes und eines grossen Parkplatzes versandete diese immer mehr. Nun wird mit Kosten von rund 200 Millionen Euro alles rückgängig gemacht. Der Parkplatz, auf welchem wir vor Jahren unser Auto abstellen konnten, ist bereits aufgehoben. Mit enormem Aufwand wird Mont Saint-Michel wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückgeführt.

Wir dürfen nicht einmal unsere Velos auf dem noch bestehenden Dammweg schieben. Sie müssen auf einem Parkplatz abgestellt werden. Uns wird versichert, dass dieser überwacht werde und es bestehe kein Risiko, dass etwas gestohlen werde. Wie dies wohl funktionieren soll? Im 10-Minuten-Takt werden die Touristen mit Bussen zur Insel gefahren. Auf dem Fussweg bewegt sich eine Menschenmenge, die vergleichbar mit dem Gedränge eines Ausverkaufs in der Stadt ist. Wir schliessen die Räder ab, lassen diese mit unserem Gepäck stehen und marschieren auf dem Fussweg zur Insel Mont Saint-Michel.

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Für die Weiterfahrt wählen wir die Nebensträsschen direkt entlang der Küste. Viele Abschnitte sind nun flach und wir kommen flott voran. Zwischendurch regnet es leicht. Wir sind es satt, die Regenkleider immer wieder an- und abziehen zu müssen. Heute lassen wir es einfach darauf ankommen. So werden wir vom Regen nass und eine Stunde später hat der Wind uns wieder getrocknet. Dieses Prozedere wiederholt sich mehrmals. Mit einem Quentchen Unsicherheit, ob wir nicht einmal für unseren Übermut bestraft werden und durch den Regen vollständig durchnässt würden.

Beim Bec d’Andaine lassen wir die Räder wieder stehen und gehen zu Fuss zum seichten Strand. Von hier aus kann man mit einem ortskundigen Führer bei Ebbe quer durch den Meerbusen zum Mont Saint-Michel wandern. Beeindruckend.

Nun befinden wir uns in Granville. Verschiedene Hotels sind noch gar nicht geöffnet. Ebenso treffen wir viele Restaurants an, die geschlossen sind. Wie können die Leute hier überleben, wenn die Saison so kurz ist?

Dienstag, 26. Juni 2012   oder 26. Oktober 2012?

Der Natelwecker mit seinem penetranten Ton weckt uns. Es ist das Natel von Barbara, mein iPhone würde uns viel sanfter aus dem Schlaf wecken, doch der Weckdienst wird durch meine liebe Frau sichergestellt. Wir schauen aus dem Fenster: Es regnet. Nach dem Frühstück ein Kontrollblick vor die Tür: Es regnet. So starten wir bei Nieselregen mit viel Nebel. Unsere Brillen sind rasch so beschlagen, dass wir ohne unsere Gläser pedalen müssen. Es spielt aber gar keine Rolle, ob mit oder ohne Brille. Es ist so oder so alles im Nebel eingehüllt.

Mit dem Nebel und unserer Velomüdigkeit könnte heute auch der 26. Oktober sein.

Mittwoch, 27. Juni 2012   Cherbourg

Das letzte Teilstück bis nach Cherbourg wollen wir auf dem Veloweg „Voies Vertes“ zurücklegen. Auf Naturstrassen und Waldwegen führt dieser nordwärts. Der Boden ist durch den vielen Regen aufgeweicht. Auch hier geht‘s immer schön auf und ab. Wir geniessen die Abwechslung und die Ruhe, die uns umgibt. Für Aufregung sorgen zwischendurch nur die Hunde, die uns anbellen und manchmal sogar nachrennen.

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Am Nachmittag zieht wieder Nebel auf. Wir beschliessen, in Cherbourg ein Hotel zu nehmen. Kein einziges Zimmer ist frei. Die Dame in der Touristeninformation gibt sich alle Mühe, es ist jedoch nichts zu wollen. So verbringen wir die Nacht auf dem Campingplatz in Equeurdreville. In der näheren Umgebung hat es nur ein Restaurant. Schön gelegen mit Blick auf das Meer. Wir betreten das Beizli und stellen fest, dass wir die ersten Gäste sind. Der Wirt bittet uns, am Fenster Platz zu nehmen und fragt, was wir trinken möchten. Nachdem wir auch die Menukarte verlangen, zieht er die Augenbrauen hoch, entschuldigt sich sieben Mal. Jeder Tisch sei für heute Abend ausgebucht. Er geht zur Bar, blättert in seinem Reservationsbuch hin und her, kommt wieder zu uns an den Tisch und sagt, es tue ihm wirklich leid, es sei nichts zu machen. Doch dann, welch ein Glück. Wenn wir in einer Stunde mit dem Essen fertig wären, dann sei dies in Ordnung. Für uns kein Problem. Nun müssen wir nicht hungrig in den Schlafsack. Er serviert uns Salat und zwei grosse Omeletten.

Donnerstag, 28. Juni 2012   route du Val de Saire

Beim Aufstehen zeigt sich zwischen den Wolken die Sonne, wenn auch nur zögerlich. In der Nacht hat es mehrere Male kurz geregnet, also starten wir mit unserer Trocknungsaktion. Kurz vor dem erfolgreichen Verpacken, beginnt es ganz unerwartet erneut zu regnen. Nur kurz, doch es reicht, dass alles wieder nass wird. So verstauen wir das nasse Zelt in unseren Säcken und fahren los.

Rund um die Stadt Cherbourg hat es ein gut ausgebautes Velonetz, so auch direkt der Küste entlang. Anschliessend radeln wir auf der wenig befahrenen Küstenstrasse D 116 weiter die „route du Val de Saire“. Dies ist einer der schönsten Streckenabschnitte seit mehreren Tagen. Für den Motivationsbarometer von Barbara gerade zur richtigen Zeit gekommen.

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Blick zum Cap Lévi auf der Route du Val de Saire

Am Mittag zeigt sich die Sonne so richtig. Es windet und wir packen auf einem Rastplatz unser Zelt aus. Es dauert keine Stunde und alles ist schön getrocknet wieder auf dem Velo festgebunden.

Nun befinden wir uns in St-Vaast-La Hougue. Ab morgen werden wir uns einige Tage mit der Vergangenheit der Jahre 1944 und 1945 auseinandersetzen.

Freitag, 29. Juni 2012   D-Day

Keine geschichtliche Kurzfassung, nur einige wenige Kennzahlen: Am 6. Juni 1944 wurden an den fünf vorgesehenen Landestellen in der Normandie über 135‘000 Soldaten und rund 20‘000 Fahrzeuge abgesetzt (je nach Quelle weichen die Zahlen ab). Es gilt bis heute als die grösste je durchgeführte militärische Landeoperation.

D-Day aus dem Blinkwinkel zweier Velofahrer

Seit unserem Start dieser Tour haben wir viele Befestigungsanlagen besichtigt und Bunker bestiegen. Immer wieder fragen wir uns, wer hat dies alles gebaut und welcher materielle Aufwand war dazu notwendig.

Heute im ersten Museum erhalten wir einige Antworten zum gigantischen Atlantikwall, der zwischen 1942 und 1944 erstellt worden ist. 15‘000 Befestigungsanlagen wurden erstellt. Über 450‘000 Arbeiter verbauten 11 Millionen Tonnen Beton und 1 Million Tonnen Stahl. Diese Zahlen beeindrucken sogar Barbara, die natürlich etwas weniger begeistert über die Schlachtfelder stolpert als ich.

Zur Einstimmung besuchen wir im Norden von Utah Beach das Museum „Mémorial de la liberté retrouvée“. Es zeigt das Leben der Franzosen während der Besatzungszeit.

Danach geht’s zum „Musée du Débarquement Utah Beach“. Dieses Museum steht genau an der Stelle, wo amerikanische Truppen am 6. Juni gelandet sind.

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Unsere bepackten Velos stellen wir jeweils am Eingang des Museums ab. Danach fragen wir eine Aufsichtsperson, wo wir die Räder sicher abstellen könnten. Es folgt immer die Antwort: „ Kein Problem, ich werde auf die Fahrräder aufpassen, da passiert schon nichts“. So können wir ohne ein ungutes Gefühl die Besuche der Museen geniessen.

Einmal mehr erleichtern uns die starken Windböen das Vorwärtskommen auf keine Art und Weise. Der Sand und vieles mehr wirbeln um unsere Ohren. Plötzlich hat sich etwas in meinem rechten Auge festgesetzt. Das kleine Unding ist auf der Pupille gut zu erkennen, kann jedoch nicht entfernt werden. Das Auge entzündet sich und brennt. Wir beschliessen, im Städtchen Caretan einen Arzt aufzusuchen.

Welch ein Glück! Nur 100 Meter von unserer Auberge ist die Praxis eines Augenchirurgen. Doch die Empfangsdame wimmelt uns ab. Ohne Voranmeldung keine Chance. Wir sollen in einer Apotheke nach Flüssigkeit fragen, um die Augen auswaschen zu können. Doch zuerst versuche ich es mit der Dusche. Da jedoch der Fremdkörper auch danach immer noch festklebt, suchen wir die Apotheke auf. Der Apotheker und zwei Damen begutachten das entzündete Auge. Ja, es sehe nicht gut aus. Sie wollen uns keine Medikamente geben, das müsse ein Augenarzt begutachten und zwar sofort. Wir sollen die Notfallnummer 15 wählen, dann würde uns in der näheren Umgebung ein Arzt zugewiesen. Auf die Frage, was die nähere Umgebung bedeute, lautet die Antwort: etwa 15 bis 20 km. Nachdem wir erklären, dass wir mit dem Velo unterwegs seien und kein Auto hätten, meinten alle übereinstimmend, dann doch nochmals beim Augenchirurgen vorbei zu schauen, mit dem Hinweis, dass es dringend sei.

Wir gehen wieder zur Praxis. Es ist bereits 19 Uhr. Die Tür steht offen, der Empfang ist nicht mehr besetzt, so dass wir gerade weiter ins Wartezimmer gehen können. Fünf Damen und ein Herr warten noch. Als der Arzt wieder einen Patienten herein ruft, entdeckt er zwei, die nicht hier sitzen sollten. Wir erklären ihm die Situation und dass uns die Apotheke zu ihm geschickt hat. Er erwidert, ob wir glaubten, wenn uns die Apotheke schicke, er auch wirklich Zeit habe. Wir ignorieren diese Frage und bleiben sitzen.

Es ist bereits nach 20 Uhr, als uns dann Dr. André in sein Untersuchungszimmer bittet. Als er hört, dass wir Schweizer sind und seit einigen Wochen der Atlantikküste entlang pedalen, wird er gesprächig. Er habe Freunde in Lausanne und Sion. Der Augapfel wird mit Tropfen unempfindlich gemacht und nach wenigen Minuten ist der Fremdkörper entfernt. Unter dem Augendeckel findet er noch ein weiteres Sandkorn. Er bestätigt, dass es richtig gewesen sei, sofort zu ihm zu kommen. Er schreibt noch ein Rezept für Antibiotikatropfen, gibt uns fünf Ampullen Augenspezialreinigung und danach folgen weitere interessierte Fragen. Er wollte sogar wissen, wo wir am vergangenen Sonntag bei diesem schrecklichen Dauerregen geradelt seien.

Eine halbe Stunde sitzen wir im Untersuchungszimmer. Als ich mich erkundige, ob ich die Rechnung nicht unbürokratisch einfach bar bezahlen könne, erwidert er: „Das habe ich umsonst gemacht, das kostet nichts. Aber immer schön die Velobrille aufsetzen und die Tropfen in den kommenden Tagen nicht vergessen“. Das ist ein Superservice. Würde dies einem ausländischen Touristen bei uns in der Schweiz auch passieren?

Samstag, 30. Juni 2012   „Der längste Tag“

Dass es beim Frühstück schon regnet, das sehe ich trotz meinem noch etwas lädierten rechten Auge. Heute ist zumindest der Wind auf unserer Seite.

Damit wir unseren Rädern eine Pause gönnen können, stolpern wir über die Mittagszeit durch die „Batterie du Maisy“. Auf 1,5 Kilometern marschieren wir durch die Schützengräben, durch unterirdische Bunker und bekommen einen Überblick über einen Teil der gewaltigen Verteidigungsanlage. Eindrücklich und bedrückend sind diese Zeugen des 2. Weltkrieges.

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Ein ganz besonders nachhaltiger Eindruck vermittelt uns der Pointe du Hoc. Hier haben US-Rangers 30 Meter hohe Klippen erklimmen müssen. Ich erinnere mich noch genau an die Szenen im Film „Der längste Tag“.

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Auf der Küstenstrasse radeln wir weiter zum Omaha Beach. In der Nähe befindet sich der amerikanische Soldatenfriedhof mit seinen Gedenkstätten. Mehr als 9‘000 Marmorkreuze stehen in Reih und Glied. Auf jedem der Grabsteine sind Name, Grad und Heimatstadt eingraviert. So schön alles angelegt ist mit Parkanlage, Kapelle und Gedenkstätte, so bedrückend und nachdenklich stimmt uns dies.

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Wir sind erstaunt, wie wenig Verkehr auf den Strassen zu den Gedenkstätten herrscht und geniessen natürlich diese Ruhe.

Sonntag, 1. Juli 2012   Das Wetter fordert uns   (Eintrag von Barbara)

Der blaue Himmel am Morgen sagt uns, streicht euch heute gut mit Sonnencrème ein. Dies tun wir dann auch. Doch wir kommen genau 3,7 Kilometer weit und es beginnt in Strömen zur regnen. Unglaublich wie schnell hier der Wetterwechsel stattfindet. Für uns Berner einfach viel zu schnell.

Über die Mittagszeit flüchten wir vom schlechten Wetter ins Kino „Arromanches 360“. Der Film „Der Preis der Freiheit“ wird in einem 360 Grad-Saal mit Hilfe eines exklusiven Verfahrens vorgeführt. Dieser Film vermischt noch nie veröffentlichte Archivbilder, welche im Juni 1944 von Kriegskorrespondenten aufgenommen wurden, mit aktuellen, an den gleichen Orten zu Friedenszeiten gedrehten Bildern. Ein eindrücklicher wenn auch trauriger Film.

Wir verlassen das Kino und stellen fest, es giesst aus Kübeln. Dies bietet uns die Gelegenheit, das Gesehene zu verarbeiten, bevor wir weiterradeln.

Beim Fluss „L’Orne“ müssen wir einige Kilometer ins Landesinnere ausweichen, da im Bereich der Mündung keine Brücke sowie kein Fährbetrieb bestehen. Wir überlegen uns, ob wir nicht auf Nebensträsschen bereits früher ins Landesinnere radeln sollten. Doch dann lassen wir es sein. Beim Fluss angelangt stellen wir rein zufällig fest, dass es einen Rad- und Wanderweg dem Ufer entlang gibt. So können wir einige Kilometer aufwärts und nach der Überquerung abwärts pedalen. Anschliessend führt ein Radweg durch das Naturreservat im Mündungsbereich. Einfach schade, dass dies auf keiner Karte vermerkt ist und wir auch in den Touristenbüros keine Infos dazu erhalten.

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In einem Blog haben wir gelesen, dass es noch mehrere schöne Radwege nordwärts gebe, dass diese jedoch nirgends systematisch erfasst seien. Man müsse es einfach dem Zufall überlassen. Wir nehmen dies zur Kenntnis.

Verstehen und sich bewegen lassen

Unter diesem Motto wurde der historische Besichtigungsbereich der Schlacht um die Normandie durch die „Association Normandie Mémoire“ gestellt. Bewegt haben uns die drei Tage, bei denen wir die fünf Landeplätze besuchten. Wir sind durch viele Schützengräben gestolpert, in Bunkern rumgekrabbelt, Geschütze, Panzer und Flugzeuge bestaunt und mehrere Museen und Filme besucht. Verstanden haben wir jedoch nicht immer alles und dies nicht wegen der Sprache. Beeindruckt hat uns die sachliche Darstellung. Auf einer Tafel haben wir gelesen: „Deutsche Besucher sind willkommen“. Zu Hause will ich mich noch etwas vertiefter mit diesem Kriegsgeschehen befassen. Barbara meint, es gebe für sie dann doch noch spannendere und zudem weniger belastende Bereiche, mit denen sie sich auseinandersetzen möchte.

Montag, 2. Juli 2012   Tour de France

Die Strecke wird wieder hügelig, führt jedoch auf Nebenstrassen und Radwegen zur Mündung der Seine. Auf der anderen Seite sehen wir die mächtigen Hafenanlagen der Stadt Le Havre.

Da für den Nachmittag starker Regen angekündigt worden ist, sind wir zügig unterwegs und erreichen am frühen Nachmittag Honfleur. Dieses Städtchen soll über den schönsten Hafen der Normandie verfügen. Da der Regen nicht eintritt, schlendern wir am Nachmittag durch die engen Gässchen der Altstadt, sitzen in ein Café und bestaunen das Treiben.

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Heute haben wir bereits nach 46 km die Velos in die Boxen gestellt und benötigten in etwa gleich viel Zeit, wie die Tour de France für ihre Etappe über 207,5 km. Barbara meint, es sei wegen des vielen Gepäcks, das wir mit uns schleppen würden. Ich glaube jedoch, es ist nicht nur dies.

Dienstag, 3. Juni 2012  über die Mündung der Seine

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Wir fahren auf die Autobahnbrücke „Le Pont de Normandie“ zu. Auf einem Strassenschild steht: „Velos und Fussgänger zugelassen“. Als wir jedoch die Auffahrt zur Brücke passieren wollen, steht ein Strassenschild mit einem Velofahrverbot. Was nun? Ein Mann, der mit seiner Maschine die Strassenränder zurückschneidet, hilft uns weiter. Ganz einfach, die Velorampe zu finden, jedoch nicht für Ortsunkundige. Auf der Brücke angelangt stellen wir fest, dass beide Fahrspuren und der Fussgängerweg Richtung Le Havre wegen Belagsarbeiten gesperrt sind. Das ist

super. Zwei Fahrspuren und einen Velostreifen für uns ganz allein.

Auf der anderen Seite angelangt führt ein Veloweg Richtung Hafen. Auch dies äusserst angenehm. Ich lobe gerade die Grünrote Regierung von Le Havre, als der
Veloweg zu Ende ist. Nun müssen wir auf einer engen stark befahrenen Strasse radeln. Diese wenigen Kilometer bringen uns einmal mehr ins Schwitzen. Dutzende von grossen Lastwagen mit Containern fahren in beide Richtungen. Alle haben es eilig und nötigen uns immer wieder, auf den Rasenstreifen auszuweichen.

Wenige Kilometer später, wieder ein toller von der Strasse getrennter Radweg. So pedalen wir viel entspannter durch den zweitgrössten Hafen von Frankreich. Staunen über die vielen Schiffe, die Berge von Containern und fragen uns, wer hier überhaupt noch die Übersicht hat.

Nun radeln wir auf der „Véloroute du Littoral Côte d’Albâtre“. Auf Velowegen und Nebensträsschen führt die Route der Küste entlang nordwärts. Wir geniessen diese Ruhe, die Landschaft und beschweren uns nicht über die gelegentlich starken Steigungen.

Am frühen Abend erreichen wir das Städtchen Étretat. Bereits vor dem Abendessen gibt es eine Erklimmung der Klippen. Die Aussicht ist beeindruckend. Nach dem Nachtessen kann ich Barbara motivieren (benötige jedoch meinen ganzen Charme), eine ausgedehnte Abendwanderung auf die Klippen der Südseite zu unternehmen. Ein schmaler Pfad führt auf die über 70 m hohen Klippen. Auf der Anhöhe spazieren wir in den Abend hinein. Die Sonne scheint nur zaghaft zwischen den Wolken durch. Dennoch leuchten die steil abfallenden Klippen mit den Naturbrücken, die ins Meer hinaus ragen. Um 22 Uhr stehen wir immer noch auf der Anhöhe. Dabei war gemäss Wetterprognosen für den ganzen Tag Regen angesagt.

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Mittwoch, 4. Juli 2012  unterwegs mit der Tour de France

Heute radeln wir teilweise auf der gleichen Strasse, wie die Tour de France, einfach in entgegen gesetzter Richtung. In Fécamp haben wir noch einen Vorsprung von 3 Stunden. Die Strassen sind bereits gesperrt. Wir fragen einen Polizisten, ob wir nicht noch durchfahren könnten. Er antwortet: „Ich glaube schon“. Nicht hinterfragen und auf der abgesperrten Strecke weiter pedalen.

In Életot geht es dann endgültig nicht mehr weiter. Also warten wir am Strassenrand auf unsere Konkurrenten und vor allem auf Cancellara. Wir picknicken und schauen dem Treiben zu. Dann kommen mehrere Polizisten auf ihren schweren Rollern, ein Auto, aus dessen Lautsprecher es tönt: „Achtung noch eine Minute, Strasse nicht mehr überqueren und frei halten“. Und wer kommt? Es sind weit über hundert Reklamefahrzeuge. Wir fragen uns, ob wir im Disneyland sind. Danach folgt wieder eine Stunde des Wartens. Wieder fahren Reklamefahrzeuge an uns vorbei und werfen den Zuschauern Werbegeschenke zu. Danach geschieht wieder nichts. Nach mehr als 3 Stunden des Wartens wird es langweilig.

Doch plötzlich, zuerst leise, dann immer lauter, hören wir die Geräusche eines Helikopters. Das Fernsehen aus der Luft ist da. Danach erscheinen ein Tross von Polizisten auf ihren schweren Rollern und viele Fahrzeuge. Mitten drin radeln die drei führenden Fahrer. Nach ein paar Minuten folgt das ganze Feld. Doch nach 20 Sekunden ist alles vorbei. Wir haben viel mehr Werbe- und Supportfahrzeuge gesehen, als eigentliche Velorennfahrer.

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Die Strasse wird wieder frei gegeben. Wir fahren los. Mehrmals rufen uns die Leute zu: „Halt, ihr fahrt in die falsche Richtung“. So stehen wir nach der Tour de France noch etwas im Brennpunkt, ohne dies gesucht zu haben.

Durch das Warten von mehreren Stunden ist unser Plan in Verzug geraten. Wir verlassen den Veloweg und wählen eine Abkürzung über eine Nebenstrasse. Plötzlich brechen mehrere heftige Gewitter über uns herein. Es giesst in Strömen. Wir wissen nicht mehr genau, wo wir uns befinden. Genauer gesagt, wir wissen gar nicht mehr, wo wir sind. Das Problem bei der Velokarte Albâtre ist, dass nebst dem Veloweg und den Hauptstrassen viele Wege nicht eingezeichnet sind. Doch die Franzosen sind immer sehr hilfsbereit.

Bei diesem „Sauwetter“ wird es früh dunkel. Wir beschliessen, die nächste Möglichkeit für ein Nachtlager aufzusuchen. Einfach nicht im Zelt. Und so landen wir im Örtchen Veulettes-sur-Mer, in einem zwei Stern Hotel mit Blick auf das Meer.

Ich sitze an einem kleinen Tisch und schreibe diese Zeilen. Die Sonne scheint ganz kurz, dann regnet es wieder. Ein Regenbogen erscheint am Himmel. Einfach wunderbar, die wechselnde Abendstimmung hinter dem Fenster und vor allem vom Trockenen aus beobachten zu können.

Freitag, 6. Juli 2012  Côte d’Albâtre (Eintrag von Barbara)

Heute Nachmittag erreichen wir Le Tréport. Hier endet nicht nur das Departement Seine-Maritime, sondern auch die Véloroute du Littoral Côte d’Albâtre“. Seit Le Havre sind wir fast 200 km auf diesem Veloweg geradelt. Die Ausschilderung ist ausgezeichnet und die Streck e abwechslungsreich. Sie führte uns direkt hinunter an die Küste und dann wieder hoch durch das landwirtschaftlich genutzte Hinterland. Dabei fahren wir teils auf reinen Radwegen oder auf Landwirtschaftssträsschen. Nur selten müssen wir auf Nebenstrassen ausweichen.

Für mich ist diese Art Velo fahren Qualität. Nun suchen wir uns den Weg wieder selber auf Nebenstrassen. Ab und zu existieren Velowege, jedoch nicht zusammenhängend. Auf Plakaten wird informiert, dass eine Departement übergreifende Veloroute geplant sei. Die EU hat die Hälfte der Kosten finanziert. Leider sind wir noch zu früh.

Wir erreichen Saint Valéry sur Somme. Die Abendstimmung im Delta der Somme ist wunderschön.

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Samstag, 7. Juli 2012   Wenn die Aare auch einmal aufwärts fliessen würde?

Nach dem Wecker folgt jeweils ein Kontrollblick aus dem Fenster. Ich stelle fest, dass der Fluss Somme heute Morgen in die entgegengesetzte Richtung fliesst. Bei Flut drückt das Meer das Wasser mehrere Kilometer landeinwärts. Wir haben keine Zeit, die nächste Ebbe abzuwarten. Für den Nachmittag sind erneut Gewitter angesagt und wir wollen noch einige Kilometer trocken fahren.

Durch das Naturreservat Marquenterre führt ein Veloweg. Dieser wird heute Samstag rege genutzt. Wir geniessen diese Route abseits des Verkehrs.

Heute ist besonders der kräftige Rückenwind erwähnenswert. Wir sitzen locker im Sattel und können ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn wir all die Velofahrer beobachten, die in entgegen gesetzter Richtung mühsam gegen den Wind kämpfen.

Im Fernsehen haben wir soeben gesehen, dass die Fahrer der Tour de France den ganzen Tag bei Sonnenschein unterwegs waren. Warum wurden wir erneut mehrmals kräftig verregnet? Ganz einfach, weil die Tour de France-Fahrer nicht so gute Regenkleider haben wie wir.

Sonntag, 8. Juli 2012  le Maillot Jaune

Heute fährt Barbara im gelben Leadertricot der Tour de France.

Warum?

--> Weil heute vor 32 Jahren unsere Tochter auf die Welt gekommen ist. Liebe Daniela, herzliche Gratulation auf diesem etwas unkonventionellen Weg.

--> Oder, weil die Sonne so wenig scheint, zumindest Barbara in ihrem gelben Leibchen als mein Sonnenschein vor mir radelt.

--> Oder, weil wir heute nicht nur unsere dritte Etappe beenden, sondern auch mit der Ankunft in Boulogne-sur-Mer die eigentliche „Einrolltour“ nach 2‘759 km entlang der Atlantikküste zu Ende geht.

Am 10. Mai sind wir bei hochsommerlicher Hitze in Biarritz gestartet. Nun kommen wir in Boulogne-sur-Mer bei kühlem und nassem Wetter an. So endet für uns die Strecke entlang der französischen Atlantikküste. Wir wussten, dass Frankreich eine grosse Nation ist, doch dass die Küste entlang des Atlantiks so endlos lang und teilweise so hügelig ist, ja da haben wir uns etwas verschätzt.

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Für das Abschlussföteli erbarmt sich Petrus und lässt die Sonne zwischen den Wolken hindurch blicken.

Nun wollen wir auf dem Europaradweg ostwärts ziehen, ganz nach unserem diesjährigen Motto „let’s go east“.

Vorerst gönnen wir uns hier in Boulogne-sur-Mer einen Ruhetag. Genauer gesagt, wir müssen unsere sieben Sachen wieder einmal gründlich reinigen.

In den vergangenen Wochen hatten wir viel, ja sehr viel Regen. Die Luftfeuchtigkeit beträgt auch heute wieder 94 %. Diese Feuchtigkeit hat sich bei unseren sieben Sachen überall festgesetzt. So duften die seit Tagen getragenen Veloleibchen genau gleich, wie die noch saubere Wäsche in den Saggochen. Alle unsere Kleider, Zelt und Schlafsäcke riechen, als hätten sie einige Wochen in einem fechten Keller gelegen. Da nützt das beste Parfum nichts mehr. Vielleicht bringt auch die geplante Grossreinigung nicht viel, wir werden ja sehen.

Unsere Veloerfahrungen der drei ersten Etappen haben wir unter den Hintergrund- informationen Tips zur Strecke entlang des französischen Atlantiks festgehalten.