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Montag, 9. Juli 2012   Auf zur vierten Etappe

Den heutigen Tag nutzen wir zur Vorbereitung für den ersten Abschnitt auf dem Europaradweg.

Mit über 3‘500 km bis St. Petersburg ist dies der längster Veloweg Europas. Verschiedene Abschnitte sind noch in Planung. Auch die Ausschilderung soll noch, je nach Land, lückenhaft sein. Es gibt Foren, in denen behauptet wird, dass dieser Veloweg teilweise nur auf dem Papier bestehe. Es gäbe für uns auch die Möglichkeit, auf Nebenstrassen quer durch Europa zu fahren. Die Velowege sind vielfach nicht nur ohne motorisierten Verkehr, sie führen auch immer wieder an interessanten Punkten vorbei.

Im Touristenbüro erkundigen wir uns nach Unterlagen. Grosse, fragende Augen blicken uns an. Nein, Unterlagen haben sie keine. Ja, es soll so eine Veloroute geben, die hier in Boulogne-sur-Mer starte, mehr wisse er nicht und entschuldigt sich etwas verlegen. Es gibt in der Stadt noch ein zweites Touristenbüro. Hier bekommen wir zumindest den Hinweis, wo sich eine grosse Buchhandlung in der Stadt befinde. Dort angekommen lesen wir auf einem Schild: „Geschlossen bis am 13. Juli 2012“. Eine zweite Buchhandlung gibt es hier nicht.

Zwei bepackte Velofahrerinnen stehen am Strassenrand und scheinen etwas zu suchen. Wir bieten ihnen unsere Hilfe mit dem Stadtplan an. So kommen wir ins Gespräch. Wir geben ihnen eine Touristenkarte, die wir nicht mehr benötigen und sie uns ihr Tourenbuch „LF1 Noordzeeroute met alle Fietsknoop-Punten“. Nun besitzen wir zumindest eine Wegbeschreibung über die ersten 544 km. Alles auf Holländisch, doch der Nase nach verstehen wir den Text gar nicht so schlecht.

Morgen geht’s dann weiter. Die Strecke wird sich nun ändern, das Wetter für die kommenden 6 Tage gemäss Wetterprognosen leider nicht.

Dienstag, 10. Juli 2012  es bleibt anwechslungsreich

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Verschiedene Velofahrer haben uns gesagt, dass das Gebiet um Boulogne-sur-Mer sehr, sehr hügelig sei. Die Höhenkurven auf der Karte haben wir auch bemerkt. Ein Mann auf seinem Renner schaut uns und unser Gepäck an und meint: „Ich weiss nicht, ob ihr dies schafft."
Starker Westwind bläst und schiebt uns

ostwärts. So geht‘s mit nur wenig Anstrengung die Hügeln hinauf und in Schussfahrt wieder hinunter. Zudem radeln wir fast ausschliesslich weg vom Strassenverkehr. Barbara ist glücklich und meint: „So macht das Velo fahren wieder Spass“.

Blockhaus in Eperlecques

Am Waldrand des Dorfes von Eperlecques erreichen wir das Blockhaus. Hier hat die deutsche Wehrmacht eine riesige Bunkeranlage für den Abschuss von V1 und V2 Raketen gebaut. Mehrere Tausend Arbeiter haben im 24-Stundenbetrieb innert weniger Jahre 100‘000 Tonnen Beton verbaut. Obschon die Alliierten nicht genau wussten, wozu die Anlage dienen sollte, wurde beschlossen, diese zu bombardieren. 400 Bomber haben am 19. Juni das noch nicht ganz fertig gestellte Bauwerk stark beschädigt.

Die Besichtigung ist etwas vom Eindrücklichsten. Die Anlage steht noch da wie im Jahre 1944. Über Lautsprecher wird der geschichtliche Ablauf in Französisch, Englisch und Deutsch kommentiert. So stehen wir vor dem Westbunker und hören aus den Lautsprechern, wie die Bombengeschwader sich nähern, den Abwurf der Bomben und die Detonation. Wenig später stehen wir vor einem Krater von 18 m Tiefe und einem Durchmesser von 41 m. Dieses Loch stammt von einer 6 Tonnen schweren Tallboy-Bombe, die ein kleineres Erdbeben ausgelöst haben soll. Im Bunker können wir sogar eine V2 in der Startposition bestaunen.

Wir verweilen, lassen uns durch die eindrücklichen Kommentare aus den Lautsprechern im Walde in eine Zeit zurückversetzen, die, so hoffen wir, nie mehr kommen wird.

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Herzlicher Empfang auf dem Campingplatz Bollezeele

Etwas versteckt finden wir den Zeltplatz. Die Besitzerin ist rührend um uns besorgt. Wir sind auch die einzigen Tagesgäste. Sonst hat es hier viele Pensionierte, die vom 1. April bis 31 Oktober stationär sind. Habe mich vorsorglich einmal erkundigt, wieviel ein Standplatz für die ganze Saison kostet: Fr. 1‘020.-- zuzüglich Installationskosten von Fr. 120.--. Wir haben für nächstes Jahr noch nicht definitiv zugesagt. Die Chefin weist uns einen Platz zu und sagt: „Den Tisch und die Stühle lass ich ihnen gleich bringen“. Es ist genau das, was wir Radler so schätzen. Ein Stuhl und ein Tisch, damit wir nicht am Boden sitzen müssen. Viele Zeltplätze haben Pools, Minigolfanlagen und vieles mehr, alles Dinge, welche die Velofahrer nicht benötigen. Dafür fehlen die Einrichtungen, die ein Radler so schätzt, wie einen windgeschützten Unterstand und eben Tisch und Stuhl.

So geniessen wir den Abend. Barbara ist eingepackt wie in Sibirien. Leibchen, T-Shirt, Velojäckchen, Faserjacke und darüber die dicke Mammutjacke. Unser Freund der Wind, der uns so unterstützt hat, bläst kalt weiter. So verzieht sich meine liebe Frau rasch ins Zelt und ich sitze auf dem uns zur Verfügung gestellten Stuhl und geniesse das letzte Feierabendbier. Die Abendstimmung ist schön, einfach nicht der Jahreszeit angepasst.

Mittwoch, 11. Juli 2012  Willkommen in Belgien

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Wir haben beide herrlich geschlafen. Am Morgen sagt der Wind zu uns: „He steht auf, ich blas euch weiter kräftig ostwärts“.

Gegen Mittag erreichen wir die Grenze von Belgien. 2‘860 km haben wir in der „Grossen Nation Frankreich“ zurückgelegt. Grenzposten gibt es keinen mehr. Nicht einmal einen Grenzstein. Augenfällig ist der Grenzübertritt dennoch. Alles ist auf Flämisch angeschrieben. Auch die Verständigung mit den Leuten ist weniger einfach.

Die Landschaft hat sich verändert. Alles ist „topfeben“, so weit das Auge reicht. Der Wind bläst uns weiterhin kräftig über die schmalen Wander- und Velowege. Es fallen einige Regentropfen, dann scheint wieder kurz die Sonne.

Seit gestern begegnen wir vielen Velofahrern, die wie wir schwer bepackt sind. Die meisten sind Holländer, bei denen die Ferien eben erst begonnen haben und die westwärts pedalen. Viele sind noch nicht lange unterwegs und haben das Bedürfnis für einen Gedankenaustausch. So gelangen wir gegenseitig immer wieder zu nützlichen Informationen. Ein Holländer erzählt uns, er sei nun seit zwei Wochen pensioniert und radle mit seiner Frau bis zur Bretagne. Er wolle einmal sehen, wie weit sie in diesem Alter noch kommen. Ein anderes Pärchen preist uns seine Klappstühle an. Ein Muss fürs Zelten und nur in Holland zu kaufen, meinten sie.

Die letzten 20 Kilometer führt der Veloweg LR1 wieder westwärts und wir pedalen plötzlich voll gegen den Wind. Mit halber Geschwindigkeit, dafür mit doppeltem Krafteinsatz. Nun wissen wir erst recht den Rückenwind der vergangenen zwei Tage zu schätzen. Danke du lieber Westwind.

Den Tag schliessen wir mit einer Besichtigung der Altstadt von Veurne ab und geniessen in der so seltenen Abendsonne herrliche Scampi-Spiessli.

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Donnerstag, 12. Juli 2012  Ein unerwartet herrlicher Tag  (Eintrag von Barbara)

In der Nacht hat‘s geblitzt, gedonnert und geregnet. Doch am Morgen, wenn ich doch noch gerne etwas in den Federn liegen geblieben wäre, ist der Spuk vorbei und die Sonne zeigt sich am Himmel.

Es wird immer sonniger. Der Rückenwind ist bei uns und wir radeln auf Wander- und Velowegen, durch Dünen und entlang des IJzer-Kanals. Ich gebe es zu, das ist für mich das höchste Gefühl des Velofahrens.

Wir kommen zügig voran und erreichen um die Mittagszeit De Haan. Der Veloweg führt eigentlich nicht in das Städtchen hinein. Doch mein lieber Mann meint, lass uns den Strand einmal bei diesem herrlichen Wetter begutachten. Dort angekommen sage ich, so und hier bleiben wir. Wir finden ein Zimmer im Strandhotel und verbringen den Nachmittag am Meer. Edi nimmt ein Bad, ich liege im Sand. Mit 19 Grad und dem starken Wind ist es nicht gerade warm. Dennoch geniessen wir das Strandleben.

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Freitag, 13. Juli 2012   Holland heisst uns willkommen

Irgendwann um die Mittagszeit verlassen wir auf dem LF1-Radweg Belgien. Das einzige Merkmal für den Übertritt nach Holland sind die Farben der Velowegweiser. Nein es gibt bei den Grenzübertritten noch einen anderen Hinweis. Es sind die SMS der Swisscom, die die neuen Roaming-Gebühren mitteilen. Nicht nötig, jedoch sehr zuverlässig.

Weder in der Bauweise noch landschaftlich unterscheiden sich diese zwei Beneluxstaaten. Die Dörfer sind gepflegt und weisen viel Charme auf. Die Velowege mit der Beschilderung sind ausgezeichnet. In Holland noch mehr perfektioniert.

Die Streckenführung des Europaradweges ist lobenswert. Die Angaben aus dem Internet stimmen jedoch nicht mit dem Velobuch LF1 überein. Wir fahren nach der Beschilderung und benötigen die Karten lediglich zu Kontrollzwecken.

Besonders angenehm ist die heutige Schlussphase. Wir fahren am Rande des Dammes wenige Meter vom Meer entfernt und hören die Wellen und riechen das Salzwasser. So fahren wir Richtung Breskens in den Abend hinein

Samstag, 14. Juli 2012  Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung

Bei Regen starten wir, radeln zum Hafen und warten auf die Fähre, welche uns nach Vlissingen auf die Insel Walcheren bringen soll. Wir treffen auf sechs Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Diese Damen sind von Belgien und befinden sich auf einem Tagesausflug. Wir plaudern über dies und das. Dabei vergessen wir fast einzusteigen. Im letzten Augenblick eilen wir auf die Fähre, auf der nur Velos und Fussgänger zugelassen sind. Es hat mehrere hundert Plätze, an denen man die Räder festbinden kann. Wir sind jedoch mit den sechs Damen alleine unter Deck.

In Vlissingen angekommen, giesst es wieder aus Kübeln. Wir flüchten in einen Unterstand. Die sechs Belgierinnen mit uns. Dort warten wir nun und schauen in den Regen. Barbara diskutiert mit den Frauen und ich beobachte ihre Kleidung. Jeans, normale Turnschuhe oder Winterstiefelchen mit Leggins, so dass das Wasser in die Stiefel läuft. Trainer und zum Teil nur dünne Windjäckchen. Nur eine Dame ist regentauglich gekleidet. Mir kommt der Spruch in den Sinn: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung“. Dennoch, diese Gelassenheit ist bewundernswert.

Als der Regen etwas nachlässt verabschieden wir uns. Die Frauen warten noch auf besseres Wetter. Wir fragen uns, wie weit sie heute mit ihrem Tagesausflug wohl kommen werden.

Regen, Wolken, Sonne alles wechselt, nur der stürmische Wind ist konstant. Die ersten Kilometer gegen uns, anschliessend schiebend von hinten. So pedalen wir durch Sanddünen, durch Küstenwälder und über Felder. Immer, wenn der Himmel die Schleusen öffnet, stürzen wir uns in die Regenmontur. Sobald sich der Himmel wieder aufhellt, entledigen wir uns dieser. Dieses Prozedere wiederholt sich. Es lohnt sich, bei den so heftigen kurzen Regengüssen, sich zu verpacken.

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In der Saison muss es hier nur so von Velofahrern wimmeln. Immer wieder fahren wir neben grossen Veloparkplätzen vorbei, bei denen Hunderte von Velos abgestellt und angebunden werden könnten. Es stehen nur vereinzelte Räder auf den viel zu grossen Veloparkplätzen und dabei ist jetzt doch Hochsaison.

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Sonntag, 15. Juli 2012  Eindrückliche Verbauungen

Den Kampf, den die Holländer mit baulichen Massnahmen gegen das unbändige Meer führen, ist beeindruckend. Entlang der Küste fahren wir immer wieder auf künstlich angelegten hohen und breiten Dämmen. Die Seite zum Meer ist jeweils geteert und mit Steinen verbaut. Auf dieser Seite können Autos und Camper fahren und in einem abgetrennten Streifen auch wir Radler. Diese Dämme sind beliebte Ausflugsziele. Gestern und heute radeln wir über drei grosse Dämme, welche die Inseln Duiveland und Overflakkee mit den angrenzenden Halbinseln verbinden. Mit mächtigen hydraulisch verstellbaren Sperren kann das Wasser vom Meer gestaut werden. Auch dies sind imposante Bauwerke, die zur Bändigung des Meeres errichtet worden sind.

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Heute Nachmittag, welch eine Überraschung. Die Regenwolken werden von heftigen Winden weggeblasen und kurze Zeit später strahlt die Sonne am blauen Himmel. Es sieht aus, als wäre die ganze Zeit so herrliches Wetter gewesen. Wir nutzen dieses kurze Wetterglück, suchen ein Hotel und schon wenig später sitzen wir am Pool bei einem kühlen Bier. Barbara kommt endlich wieder einmal ausgiebig zum Lesen. Ich will auf dem Liegestuhl nur kurz den Rücken strecken und schon falle ich ins Land der Träume.

Nach dem Nachtessen spazieren wir dem Meer entlang, setzen uns in eine Strandbar, geniessen hinter dem schützenden Glas die Abendstimmung. Sonnenuntergang gibt es auch heute keinen, die Wolken haben wieder Oberhand gewonnen und es kann jederzeit wieder mit regnen beginnen. Nur vereinzelte Personen haben es an den Strand gewagt. Einmal mehr sieht alles fast ausgestorben aus, einfach so, als sei der Herbst schon weit fortgeschritten.

Montag, 16. Juli 2012  Etappenzwischenziel Den Haag

Als habe die Schallplatte einen Sprung, immer der gleiche Spruch. Ja, es giesst wieder aus Kübeln. Nur etwa 15 bis 20 Minuten, dafür so stark, dass wir jeweils vom Rad absteigen müssen. Finden wir keinen Unterstand, dann stehen wir mit leicht gesenktem Kopf da, lassen es einfach über uns ergehen und passen auf, dass das Wasser den Weg nicht ins „Innere“ findet.

Die Strecke durch die Dünen ist wunderschön. Die kurzen Regenpausen benutzen wir, um ein oder zwei Föteli zu schiessen So erreichen wir das Mündungsgebiet des Rheins, wenige Kilometer vom grössten europäischen Hafen Rotterdam. Die grossen Containerschiffe und die Docks mit den vielen Kranen sind beeindruckend. Sicher noch mehr, wenn man mit dem Velo entlang der Anlegestellen pedalen kann. Wir fühlen uns noch winziger.

Wir radeln auch neben der grössten holländischen Baustelle vorbei. Mit Maasvlakte 2 entsteht ein neuer Hafen im Meer. Die definitive Fertigstellung ist für 2025 geplant. Damit wird der Rotterdamer-Hafen massiv ausgebaut und kann so den künftigen Anforderungen wieder voll genügen. Dutzende von grossen Baggern und schweren Lastern verschieben Sand und Steine. Im grossen Gelände sehen diese Erdbewegungsmaschinen jedoch fast wie Spielzeuge aus.

Die Fähre, die uns über den neuen Wasserkanal bringen soll, ist defekt. Ein kleines Ersatzboot tuckert uns über den unruhigen Rheinarm nach Hoek van Holland. Danach suchen wir uns den Weg durch die Vororte nach Den Haag.

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Pilze, die nicht durch den Regen spriessen (Eintrag von Barbara)

Es gibt keinen Zweifel: Veloland Nr. 1 ist und bleibt für mich Holland. Das feinmaschige Velonetz ist einmalig, systematisch mit Nummern gut ausgeschildert. Dazu gibt es hier in Holland die Fernradwege (LF) von über 4‘500 km. So gelangten wir auf den Radwegen immer wieder an schöne Ecken wie Naturreservate, Dünen, verträumte Orte mit ihren Grachten.

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Nebst den grünen einheitlich gestalteten Velowegweisern gibt es die Marker. Dies sind rot- weisse Pilze als Wegweiser mit Distanzangaben. Auf den Pilzen befinden sich sogar die Koordinaten. All diese Informationen sind abgestimmt mit den Velokarten.

Dienstag, 17. Juli 2012  Time out für 2 bis 3 Wochen

Wir beschliessen, nun eine Pause von zwei bis drei Wochen einzulegen. Erstens sind die Wetterprognosen für die kommenden Tage nicht sonderlich erbauend, zweitens … Ach was soll‘s, sagen wir es doch einfach kurz und bündig: Wir haben genug vom nassen Wetter und brauchen eine Auszeit.

In der ersten Augusthälfte werden wir unsere Reise hier in Den Haag fortsetzen. Wir sind überzeugt, ein sonniger und goldener Herbst wird uns begleiten.

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Freitag, 10. August 2012  Bereits etwas aus der Übung gekommen?

Nach rund drei Wochen Unterbruch setzen wir unsere vierte Etappe fort. Wir haben die sommerlichen Tage in der Schweiz genossen. Dies umso mehr, nachdem wir gestern vernommen haben, dass es in Den Haag fast eine Woche lang geregnet habe und auch sonst das Wetter nicht sonderlich sommerlich gewesen sei.

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Ab Den Haag ist der Europaradweg als LF 4a ausgeschildert. Diese Wegweiser werden uns nun bis an die deutsche Grenze begleiten.

Nun scheint die Sonne. Erstmals sehen wir das Stadtzentrum von Den Haag mit seinen Wolkenkratzern im strahlend blauen Himmel bei hochsommerlichem Wetter. Der Radweg führt durch Parks, Naturschutzgebiete direkt in das flache Hinterland von Holland. Keine Steigungen und dennoch ist das

Vorwärtskommen anstrengend. Sind wir bereits etwas aus der Übung gekommen? Sind es die schwer beladenen Velos oder der Gegenwind? Auf alle Fälle sind es nicht die Räder. Die Ketten sind gereinigt und geschmiert. Die Reifen voll aufgepumpt.

Freude haben wir an unserem neuen Baby „Trix“. Trix ist wetterfest, kann sogar 30 Minuten lang einen Meter unter Wasser ausharren. Es ist zudem sehr anspruchslos, denn der Akku hält 25 Stunden. Doch genau genommen heisst unser Baby „etrex“, unser neues Outdoor-GPS von Garmin. Als Ergänzung zur Velokarte erleichtert dieses kleine Wunderding vieles. So auch das Suchen nach einer Unterkunft. Somit konnten wir dank dem GPS heute im Biergarten die Abendsonne geniessen. Ich werde am Schluss unter den Hintergrundinformationen meine Erfahrungen zum Velo-GPS festhalten.

Es ist nun 22:10 Uhr. Barbara liegt nach den heutigen fast 90 km bereits flach im Bett und träumt von …

…wie soll ich wissen, von was meine liebe Frau heute träumt?

Samstag, 11. August 2012   Das Land der Velos

Wir radeln entlang der Kanäle der Stadt Utrecht und bestaunen die vielen Hausboote. Diese Art des Wohnens spielt sich mitten in der Stadt ab. Statt eines Autoparkplatzes gibt es natürlich eine Bootanlegestelle.

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Nun befinden wir uns beim zentralen Veloparkplatz des Bahnhofs Utrecht. Hier müssen wir eine Besichtigungspause einlegen. So etwas haben wir noch nie gesehen. Geniale zweistöckige Veloparkplätze. Ich habe die Velos in einem Rayon gezählt und anschliessend entsprechend multipliziert. Und siehe da, ich komme auf mehrere Tausend abschliessbare Veloeinstellplätze. Angeordnet sind diese in verschiedenen Sektoren. Die Velos können mit einem Handgriff in einer Schiene fixiert und ebenerdig oder im oberen Stock eingeschoben werden. Ein Leitsystem zeigt an einer elektronischen Tafel an, wie viele Veloparkplätze in welchen Sektoren noch verfügbar sind. Das Abstellen der Velos ist gratis. Durch elektronische Überwachung werden Räder, die länger als 14 Tage eingestellt worden sind, festgestellt und durch das Aufsichtspersonal entfernt. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass es zusätzliche Hunderte von überwachten Veloabstellplätzen gibt.

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Nicht weniger eindrücklich sind für uns die vielen Velofahrer, die mit uns auf den Radwegen unterwegs sind. Geschäftsleute mit Krawatten, Handwerker, Hausfrauen, Schüler. Es scheint als fahre hier einfach jedermann bis ins hohe Alter Velo. Doch keiner der Velofahrer, ob alt oder jung, trägt einen Helm. Nur diejenigen auf den Rennvelos, die sich im sportlichen Tempo durch die „normalen Velofahrer“ schlängeln, haben ihre Köpfe geschützt. Nicht alle, jedoch viele.

Sonntag, 12. August 2012  Sonntagsausflug mit dem Velo (Text von Barbara)

Ein idyllischer Morgen bei herrlichem Sonnenschein. Wir geniessen das Frühstück mit Blick auf den Rhein. Heute dürfen es einige Kalorien mehr sein, denn es soll hügelig werden. Am Ufer weiden Kühe und gehen zum Trinken ans Wasser. Ein Boot tuckert stromaufwärts.

Wir radeln los. Die Stadt Arnheim ist wie ausgestorben. Wo sind all die Leute? Ist noch Ferienzeit oder geniessen sie bei diesem schönen Wetter den Sonntag? Nach wenigen Kilometern erreichen wir den Veluwezoom Nationalpark. Zuerst fahren wir durch dürre Heidelandschaft. Plötzlich befinden wir uns in einem Wald mit grossen Farnen, so weit das Auge reicht. Der Veloweg wurde auf weite Strecken neu angelegt. Die Betonpiste ist noch schneeweiss und schlängelt sich wie eine Schnur über Hügel. Die Kurven sind teilweise sehr eng. Und siehe da, wir sind nicht allein unterwegs. Es sind nicht alle ans Meer gefahren, viele haben sich auf ihr Fahrrad geschwungen. Familien mit ihren teilweise noch sehr kleinen Kindern, ältere Leute (wie wir) aber auch Biker. Uns begegnen auch ganze Gruppen von Velorennfahrern. Diese scheinen die kurvenreiche Strecke besonders zu schätzen. Manche sind etwas zu sportlich unterwegs. So müssen all die übrigen Velofahrer immer aufpassen, wenn ein Schwarm von Rennfahrern rasant um eine Kurve daher geschossen kommt. Nicht ganz ungefährlich und dies auf einem Radweg!

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Am frühen Nachmittag erreichen wir das Städtchen Vorden. Viele Leute säumen die Strasse, sitzen an einem Tischchen und geniessen einen kühlen Drink. Uns ist schon klar, dass diese Menschenmenge nicht auf uns gewartet hat. Wenige Minuten später kennen wir den Grund. Über hundert alte Kutschenfahrzeuge ziehen durch die Strasse. Leider fehlt bei diesem Umzug die Musik.

Montag, 13. August 2012   Holland will uns einfach nicht los lassen…

Wir folgen einmal mehr sorglos dem gut ausgeschilderten Veloweg LF4. Er führt uns durch Wälder, entlang von Bächen, über Felder und auf sandigen Wegen durch Wälder. Das Wetter ist angenehm sommerlich. Einzig unser jeweiliger Standort auf meinem bikeline Radtourenbuch bietet mir Probleme. Immer wieder versuche ich herauszufinden, wo wir uns gemäss Karte befinden. Alle markanten Punkte, die ich zur Positionsbestimmung nutze, verwirren mich noch mehr.

Am Nachmittag, bei einer Pause an einem Fluss, will ich es genau wissen. Ich nehme aus den Saggochen die Hollandkarte heraus. Dann vergleichen wir mit GPS, Velokarte und dem Bikelinebuch die aktuelle Position. Das Rätsel löst sich. Wir sind auf Abwege gekommen. Die Strecke ist schon lange nicht mehr im bikeline Radtourenbuch aufgeführt. Aha, in der Nähe zur deutschen Grenze ist der Europaradweg nicht mehr identisch mit dem LF4.

Dies ist jedoch kein Unglück. Wir suchen uns den Weg zurück auf den Europaveloweg. Wegbeschilderungen gibt es bis zur Grenze keine brauchbaren mehr. Dies scheint die Holländer nicht mehr zu interessieren.

Es ist bereits spät, als wir die Stadt Vreden erreichen. Da ein kräftiges Gewitter im Anzug zu sein scheint beschliessen wir, eine trockene Unterkunft zu suchen. Das GPS zeigt kein einziges Hotel in der Stadt an und das nächste B&B ist mehr als 100 km entfernt. Ja, man kann sich eben nicht immer auf die Technik verlassen.

Nun haben wir eine Unterkunft im Hotel & Freizeitcenter von Vreden gefunden. Es bietet uns Tennisplätze, Squash, Hallenbad, Sauna und einen Fitnessraum an. Doch was wir benötigen ist einzig eine trockene Unterkunft mit einer Dusche, einem weichen Bett, etwas zum knabbern und zum befeuchten der Kehle. Fitness hatten wir heute wirklich genug!

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Nach über 760 km schliessen wir die 4. Etappe auf dem Europaradweg durch Frankreich, Belgien und Holland ab.