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Freitag, 31. August 2012   Unterwegs zur 6. Etappe   (Text von Barbara)

Eine vierspurige Strasse führt Richtung Polen durch die Zollanlagen. Die Zollhäuschen stehen noch, die Schranken sind offen, doch es ist niemand mehr da. Einer der vielen Grenzposten, die langsam zerfallen, da diese nicht mehr benötigt werden.

In Kostrzyn wollen wir an einem Bancomaten Zloty beziehen. Wir haben eine Karte die zeigt, wo sich der nächste Bancomat befindet. Einfach der N31 folgen. Dies macht mein lieber Mann auch, doch leider in die falsche Richtung.
Es dauert somit einige Kilometer, bis

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wir stolze Besitzer von 4‘000 Zloty sind. Die nächsten 12 km müssen wir dann ohne Pannenstreifen auf der N22 fahren. Diese Strasse wird von Bäumen gesäumt.

Es regnet und ist dunstig. Die Lastwagen und PW scheinen hier keine Geschwindigkeitsbegrenzung zu kennen. Was für ein Gegensatz zu den ruhigen Strassen der vergangenen Tage.

Doch dann verlassen wir die Hauptstrasse und biegen auf eine Nebenstrasse ab. Und siehe da, es hat keinen Verkehr, wir sind ganz alleine unterwegs. Zu allem Überfluss gibt es auch noch einen Radstreifen. Super, doch dieser ist hier eigentlich am falschen Ort.

Nach 31 km erreichen wir die Ortschaft Osno Lubuskie mit seinen 3‘700 Einwohnern und beschliessen, im Motel „Zajazd Modrzew“ abzusteigen. Wir sind die einzigen Gäste und stellen fest, wie schwierig es ist, wenn man die Sprache nicht kann. Die Wirtin spricht kein Deutsch und natürlich auch kein Englisch. So bemühen wir uns, einige polnische Ausdrücke zu lernen.

Unser Nachtessen heisst „Bigos“. Dies ist ein polnisches Nationalgericht und besteht aus geschmortem Sauerkraut mit Fleischstückchen und Pilzen. Pro Person kostet es mit Brot Fr.2.50. Nebst der Sprache ist auch dies ein Hinweis, wir sind weit, weit weg vom Westen! Edi hat sich bereits besser anklimatisiert, doch mir bereitet dieser Wechsel noch etwas Mühe. Ich glaube, ich werde alt!

Nach dem Nachtessen schlendern wir durch den Ort. Wieder staunen wir. Es gibt etwa 6 kleine Läden, sogenannte „Sklep“. Jeder dieser Läden verkauft das Gleiche. Da wir nur grosse Noten (100 Zloty = ca Fr. 30.--) haben, tätigen wir einen grösseren Einkauf, um zu etwas Kleingeld zu gelangen. Wir kaufen Getränke, Güezi, Schoggi, Joghurt, etc. Dafür bezahlen wir Fr. 5.-- und haben für den Gegenwert von Fr. 25.--kleine Noten bekommen. Hier, abseits vom Touristenstrom, scheint ein richtiges „Rentenstreckerparadies“ zu herrschen.

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Barbara beim "Füttern" der Homepage unter der nassen Wäsche!

Samstag, 1. September 2012   Wie kann ich Barbara motivieren?

In einfachen Pensionen sind hier in Polen die Betten selber anzuziehen. Dabei bemerken wir merkwürdige Punkte auf dem Matratzenüberzug. Könnten solche kleine Flecken nicht von Bettwanzen sein? Sicherheitshalber schlüpfen wir in unsere Schlafsäcke und schlafen danach herrlich.

Es wird uns ein ausgiebiges Frühstück aufgetragen. Kaffee, Tee, Spiegeleier, Fleisch, Käse, Tomaten, Brot, Butter und Konfitüre. Alles liebevoll präsentiert. Dieses Frühstück kostet für uns Beide gerade einmal Fr. 5.--.

Die Nebenstrassen haben fast keinen Verkehr. Auf den übrigen Strassen sind die „Rennfahrer“ oft unangenehm. Viele Polen sind sehr sportliche Fahrer. Wir pedalen durch mehrere kleine Dörfer. Der Anblick der vielen baufälligen Backstein-Bauernhäusern und Scheunen, die fast zusammenkrachen, ist bedrückend. Bei vielen Bauten denken wir, hier kann man nicht mehr wohnen. Doch die Fenster haben weisse Vorhänge und manchmal steht eine Frau am Fenster und beobachtet das Geschehen auf der Strasse. Als Gegensatz gibt es aber auch prunkvolle, ja teilweise fast protzige Villen, doch diese sind in den ärmlichen Dörfern richtiggehend fehl am Platz. Abseits vom grossen Touristenstrom glauben wir, das wirkliche Polen zu erleben. Dennoch ist es für uns nicht so faszinierend.. Wir sind schon an vielen Orten gewesen, doch hier fühlen wir uns fremd.

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Die Menschen, denen wir begegnen, wirken reserviert. Kein Lächeln kommt über ihre Lippen. Wir werden als Fremde kritisch beobachtet. Auch dies sind ganz neue Erfahrungen. Doch einmal begegnen wir einem alten Mann. Der sagt in polnischer Sprache etwas zu uns, sein Gesicht strahlt und wir sehen seinen fast zahnlosen Mund.

Beim Abendessen beobachtet Barbara einen jüngeren Mann, der das gleiche Radfahrerbuch vor sich hat wie wir. So kommen wir ins Gespräch. Er ist von St. Petersburg nach Holland unterwegs. Wir können einige Erfahrungen und Gedanken austauschen, bekommen aber auch die Bestätigung, dass die nächsten mehrere Hundert Kilometer nicht berauschend sein werden. Dies sind alles subjektive Empfindungen, doch wenn andere Radfahrer zur gleichen Erkenntnis kommen, da muss doch ein Quentchen Wahrheit dahinter stecken. Noch geben wir nicht auf …

Sonntag, 2. September 2012   Übernachtung auf einem Bauernhof

Heute Sonntag begrüsst uns ein herrlicher Herbsttag. Alle scheinen noch zu schlafen. Wir sind allein auf der Strasse und radeln durch das Dorf Policko. Gestern war Erntedankfest. Die Dorfeinfahrt und die Strassenränder sind mit Strohpuppen und -tieren geschmückt. Auch die Gartenzäune sind mit Sonnenblumen, Grashalmen und Rosen verziert. Es scheint, als wolle jedes Haus die schönste Dekoration aufweisen. Es ist für uns das erste Dorf hier in Polen, welches Charme und Wärme ausstrahlt. Wir verweilen einige Augenblicke und geniessen die Vielfalt der verschiedenen Sujets.

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Die zweite Überraschung erwartet uns in der Stadt Drezdenko. Es hat viele schöne alte Bauten, die sicher noch aus der Zeit stammen, als die Stadt Driesen hiess und noch zu Deutschland gehörte. Es gibt sogar eine verkehrsfreie Einkaufsstrasse mit Bistros. Doch daneben stehen auch in dieser Stadt etliche Bauten kurz vor dem Zerfall.

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Da wir zügig voran kommen beschliessen wir, erst in der Ortschaft Wielen zu übernachten. Wir stehen vor dem Hoteleingang. Doch die Türen sind verschlossen. Dieses Hotel mit Restaurant scheint nicht mehr in Betrieb zu sein. Im ganzen Ort gibt es keine andere Übernachtungsmöglichkeit.

Wir haben bereits 100 km auf unseren Tachos. Doch was soll’s, wir pedalen weiter. In der Nähe der Ortschaft Jedrzejewo soll es gemäss unserem Velobuch ein Bauernhaus geben, bei dem man übernachten oder auch zelten kann. Plötzlich sehen wir eine Abzweigung mit der Anschrift „Agroturystyczne“ und versuchen unser Glück. Ein bellender Hund erwartet uns. Das ist gut so, denn irgend jemand wird uns so bemerken. Ein Mann kommt auf uns zu. Er spricht polnisch, wir deutsch, doch irgendwie funktioniert es. Wir werden im Haus der Grossmutter einquartiert, so glauben wir verstanden zu haben. Das ganze Haus haben wir für uns, dabei benötigen wir nur ein Zimmer.

Ich versuche zu erklären, dass wir gerne etwas Brot und Bier kaufen möchten. Dies sind die Wörter, die wir einigermassen in Polnisch aussprechen können. Es folgt wieder ein Wortschwall, den wir nicht verstehen. Wir deuten es so, dass der Mann uns mit seinem  Auto zu einem Laden fahre. Wir hätten heute schon genug geradelt. Genau so spielt es sich ab. Er fährt uns einige Kilometer weit zu einem Laden. Dort kaufen wir unser Nachtessen, sowie Bier und das Frühstück ein (total kostet dies Fr. 4.85). Im Laden hat es noch andere Kunden. Die grüssen uns, geben uns die Hand und wir verstehen einmal mehr „Bahnhof“. Wir sind froh, als es mit dem Auto wieder zurück auf den Bauernhof geht.

Draussen an einem Holztisch können wir unser Abendessen geniessen. Die Hunde bellen immer noch. Die Kühe machen sich ebenfalls bemerkbar und die Katzen betteln nach Essbarem.

Ein Auto fährt in den Hof. Eine Frau und ein Mann steigen aus, kommen auf uns zu, schütteln uns die Hände und sprechen und sprechen. Wir verstehen natürlich kein Wort. Wir nehmen an, dass dies der Bruder ist. Es gibt Augenblicke, da reichen Hände und Füsse zur Verständigung nicht mehr aus. Auf Zetteln schreiben wir Ortschaften und Zahlen auf, nehmen unsere Homepage-Landkarte hervor und versuchen zu erklären, woher wir kämen und wohin es ginge.

Nun ist die Sonne verschwunden. Es wird feucht und wir ziehen in „unser“ Haus. Barbara plant die morgige Etappe mit den möglichen Unterkünften und ich schreibe noch rasch die heutigen Erlebnisse nieder.

Montag, 3. September 2012   Gesperrter Waldweg?

Die Strassen sind sehr unterschiedlich. Es gibt Abschnitte mit einem feinen Belag, dann wieder Strecken, mit Löchern im Teer und Unebenheiten.

Am Nachmittag führt uns der Wegweiser von der Nebenstrasse auf einen Waldweg. Gemäss GPS scheint dies zu stimmen. Dieser Weg ist mit unseren schwer beladenen Rädern nur mühsam zu befahren. Es kommt uns wie eine Ewigkeit vor. Plötzlich fährt uns ein Auto entgegen. Wir gehen an den Strassenrand und warten. Die Scheibe wird runter gekurbelt und ein Polizist erklärt uns etwas auf Polnisch. Da wir ihn nur fragend ansehen spricht er nun auf Englisch. Die Strasse sei gesperrt und wir müssten umkehren. Oh je, den langen beschwerlichen Weg zurück und dann noch einen grossen Umweg machen! Er scheint Erbarmen zu haben und meint mit einem Lächeln: OK, ihr könnt weiterfahren. Nach etwa einer halben Stunde erreichen wir eine Strassensperre. Na, die sind ja konsequent, von der anderen Seite gab es weder eine Sperre noch ein Verbotsschild.

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Heute suchen wir etwas früher eine Bleibe. Schon beim ersten Anlauf haben wir Glück. Das Pensionsehepaar spricht Deutsch. Dies ist das erste Mal, dass wir auf jemanden treffen, der Deutsch spricht und auch versteht. Wir können wählen zwischen zelten und einem Ferienhäuschen. Dieses Holzhaus ist so liebevoll eingerichtet, dass wir einmal mehr unser Zelt eingepackt lassen.

Dienstag, 4. September 2012   In Polen angekommen (Eintrag von Barbara)

Ich benötige etwas mehr Zeit als Edi, doch mit jedem Tag kann auch ich mich ein wenig besser an Land und Leute gewöhnen.

Der Inhaber der Pension führt heute Morgen noch ein ausgiebiges Gespräch mit uns. Er erklärt, dass es nicht nur die Sprachbarriere, sondern auch die reservierte Mentalität der polnischen Bevölkerung sei, die eine grosse Distanz zu den Touristen schaffe. Während  der kommunistischen Zeit sei es verboten gewesen, eine westliche Sprache zu lernen. Russisch sei Pflichtfach gewesen, doch diese Sprache habe er gehasst und sich diesbezüglich in der Schule nie angestrengt.  Zum Schluss erläutert er uns noch, dass er mehrere Jahre in Deutschland gelebt habe und deshalb beide Kulturen verstehe. Wir schätzen diese ausgiebige  Diskussion auf Deutsch sehr. 

Die heutige Strecke führt uns entlang des Notec-/Netze Tals. Ein weiterer herrlicher Herbsttag begleitet uns und wieder haben wir die Strassen fast für uns allein.

In den vergangenen zwei Tagen radelten wir durch viel Brachland. Die bewirtschafteten Felder waren nur klein. Nun erstrecken sich beidseits der Strasse grosse Felder, auf welchen intensiv Ackerbau, Gemüseanbau und Viehwirtschaft betrieben wird. Die Traktore und Landwirtschaftsmaschinen sind grösser und neuer. Auch die Dörfer sehen weniger verarmt aus. Wir treffen öfters auf ganze Quartiere mit neuen Einfamilienhäusern. Kleine einfache Häuschen aber auch protzig wirkende Villen säumen die Strassen. Doch nicht nur. Die tristen Plattenmehrfamilienhäuser mit all ihren Fernsehschüsseln auf jedem Balkon prägen nach wie vor das Bild am Rande der grösseren Dörfer und Städte.

In der Ortschaft Mrocza gibt es gemäss unserem Radbuch eine Möglichkeit zum Übernachten. Nach mehreren Anläufen finden wir das Gebäude. Es ist ein Sportinternat, das nicht alle Zimmer belegt hat und diese nun vermietet. Das Einchecken zieht sich in die Länge. Von den jungen Leuten versteht keiner auch nur einige Worte Englisch oder Deutsch. Ist ja auch ein Sportinternat. So dauert es seine Zeit, bis wir ein Zimmer zugewiesen bekommen. Zwei grosse Bürotische und ein grosses, leeres Bücherregal stehen neben einem Schrank und zwei Betten. Das Abendessen nehmen wir mit den Schülern in der Mensa ein. Dieser Abend ist ganz speziell und gerade deswegen interessant. Nun tönt laute Musik aus den Nachbarzimmern, somit benötigen wir für heute kein eigenes Radio. Da wir kein polnisch sprechen, können wir morgen die Aufnahmeprüfung nicht ablegen und müssen das Sportinternat wieder verlassen. Dies obschon wir in der Disziplin „Velo fahren“ sicher eine gute Note erzielt hätten.

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Sonnenuntergang von unserem Internatszimmer aus!

Freilichtmuseum in Osiek nad Notecia

Wir erreichen das Gelände des Freilichtmuseums und überlegen kurz, was wir mit unseren Rädern und dem ganzen Gepäck machen sollen. Dann kommt uns der Besitzer der gestrigen Pension in den Sinn. Er hat versichert, dass hier auf dem Lande niemand etwas stehle. Nur in der Nacht sei es ratsam, die Räder in einen Raum abzustellen. So schliessen wir beim Eingang des Museums unsere Räder ab, nehmen nur nebst den Wertsachen Fotoapparat und Natel mit uns. Packtaschen, Zelt und Rucksäcke lassen wir angeschnallt auf unseren Velos.

Wie zu erwarten. Hier spricht niemand deutsch oder englisch. Doch welch ein Glück! Für 50 Rappen können wir Audioguides in deutscher Sprache mieten. So lassen wir uns durch das Freilichtmuseum führen. Dabei lernen wir die Kultur des Übergangsgebietes zwischen Grosspolen und Pommern kennen, vernehmen, dass die erste Einwanderungswelle aus Holland kam, danach zwei weitere aus Deutschland. Zur Belebung des Dorfbildes wurde auch „lebendes Inventar“ eingeführt, wie Pferde, Hunde, Ziegen, Schafe, Gänse und Hühner. Die Anlage kann mit unserem Ballenberg verglichen werden.

Dieser Rundgang ist eine willkommene Abwechslung zum Radeln durch die Weiten von Polen.

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Streckenhalbzeit

Wir erreichen Bagdad. Mein Velocomputer für die Polenetappe zeigt den Stand von 329 km an. Dies ist ziemlich genau die Hälfte der ganzen Polen-Strecke bis Kaliningrad.

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Mittwoch, 5. September 2012   und weiter geht’s ostwärts

Heute ist es merklich kühler. Der Herbst ist da. Die vielen Storchennester, bei denen wir vorbei fahren, sind bereits leer. Touristen begegnen wir seit Tagen auch keinen mehr. Leichter Nieselregen beschlägt unsere Brillen. Die Strecke führt uns weiter durch ländliches Gebiet. Die Dörfer und Sieglungen, durch die wir radeln, besitzen nicht alle eine Kirche. Doch was uns auffällt sind jeweils die schön geschmückten Kreuze eingangs und am Ende des Dorfes.

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Die Hunde sind aktiver. In den vergangenen Tagen lagen die kleinen und grösseren Wachhunde auf dem Vorplatz der Häuser und am Strassenrand und beachteten uns kaum, kein Bellen, kein Nachrennen. Heute stehen wir etwas mehr im Interesse der Hunde. Schön zwischendurch etwas beachtet zu werden…

Nach rund 110 km erreichen wir die Stadt Grudziadz. Hier wollen wir einen Tag Pause einlegen und die historische Altstadt besichtigen.

Donnerstag, 6. September 2012   Stadtbesichtigung von Grudziadz

Ohne Velos unternehmen wir die Entdeckungsreise durch die Altstadt von Graudenz, wie die Stadt unter deutscher Herrschaft hiess. Auch in dieser Stadt prägen die Gegensätze das Stadtbild. Auf der einen Seite der imposante Speicherkomplex mit einigen alten Gebäuden, auf der anderen Seite halb zerfallene Wohn- und Geschäftshäuser.

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Zur Abrundung besuchen wir noch ein neues Einkaufszentrum, das erst vor wenigen Monaten eröffnet worden ist. Uns fallen zwei wesentliche Unterschiede auf. Erstens sind es die Preise, die hier massiv tiefer als bei uns sind. Zweitens die vielen Sicherheitsbeamten, die im Einkaufszentrum zirkulieren oder an den Ausgängen der einzelnen Läden stationiert sind.

Heute haben wir die ersten Abklärungen für unsere Rückreise getroffen. Wir planen, in drei Tagen an der Grenze zu Kaliningrad (Russland) zu sein.

Vor zirka 4 Monaten sind wir von zu Hause gestartet. Nun sind wir, untypischer Weise, bereits etwas reisemüde. Barbara meint, wir könnten auch den Zug nach Braniewo nehmen. Doch für mich wäre dies, wie wenn wir vom Bahnhof Bern nach Hause marschieren und im Weidli, der letzten Busstation, die SVB benutzen würden. Nein, wir radeln weiter, und zwar unabhängig von Wind und Wetter.

Freitag, 7. September 2012  Im Lande der Tabakpflanzen

Herbststürme begleiten uns den ganzen Tag. Der Wind ist frisch und dringt durch unsere Kleider. Die Strassen gehören uns wieder fast allein. Auf weiten Strecken gleichen sie unserem Emmentaler Käse.

Heute können wir einen Lehrgang im Tabakanbau und Ernteprozess durchradeln. Auf vielen Feldern sind die Tabakpflanzen noch nicht oder nur teilweise geerntet. Wir beobachten, wie Landarbeiter die Blätter einzeln pflücken. Eine Frau sitzt am Boden und bindet die einzelnen Blätter zu Bündeln zusammen. Auf einem anderen Hof werden die Blätter zum Trocknen in den überdachten Anlagen aufgehängt. Jeder Bauernbetrieb ist mit Anbau und Ernte beschäftigt. Ein interessanter Streckenabschnitt, doch wir müssen immer schön in Bewegung bleiben. Halten wir für ein Föteli an, kommen die Hunde herbei gerannt. Besonders bei den grösseren Exemplaren steigen wir schnell auf unsere Räder und pedalen weiter. Einmal gibt es eine Gruppenbegrüssung. Barbara meint, einfach nicht anhalten und fahren was das Zeugs hält. Wir haben Glück, es geht leicht bergab und schon am Dorfausgang haben die Vierbeiner keine Chance mehr gegen uns.

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Gemäss unserem Radbuch gibt es in Sztum ein radlerfreundliches Hotel. Wir finden dieses und erkundigen uns im Restaurant nach einem Zimmer. Das Hotel sei nicht mehr in Betrieb. In der Stadt gebe es keine andere Unterkunftsmöglichkeit, wird uns gesagt. Also radeln wir weiter und finden in Czernin doch noch ein Dach über dem Kopf.

Samstag, 8. September 2012   Entwicklungshilfe durch die EU

Es ist nicht weniger windig als gestern. Wir geniessen die urchige Gegend. Die Strassen sind noch schlechter geworden, die Bauerndörfer sehen ärmlicher aus. Einzelne Kühe, an einem Seil angebunden, weiden am Strassenrand.

Für unseren Mittagslunch finden wir wieder einen schönen Platz. Diesmal ist es der Vorplatz der Feuerwehrstation im Örtchen Krzewsk. Überdachte Picknick-Plätze stehen vor dem Feuerwehrhangar. Auf einem grossen Schild steht die EU-Flagge mit einem Text, den wir nicht verstehen. Wir glauben, auch dies ist eines der vielen Projekte der EU-Osterweiterung. Gestern bestaunten wir in einem kleinen Dörfchen einen grossen Sportplatz und wenige hundert Meter daneben einen Kinderspielplatz. Viele Menschen leben in diesem kleinen Dorf nicht, Kinder oder Jugendliche haben wir keine gesehen. Eigentlich besteht dieser Ort nur aus einer Ansammlung von einigen Häusern, von denen die meisten aussehen, als würden sie demnächst in sich zusammen fallen. Das Schönste am Örtchen sind diese beiden Projekte mit ihren auffälligen EU-Schildern.

Immer wieder beobachten wir Entwicklungsprojekte, die eigentlich am falschen Ort stehen oder viel zu gross angelegt worden sind.

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Eines der vielen EU-Projekte

Am Nachmittag erreichen wir Elblag. Diese Stadt war einst eine Hansestadt und hat eine bewegte Zeit hinter sich. Kämpfe zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt. Spielball zwischen Preussen und Grosspolen. Uns fällt auf, wie hier viele Leute deutsch sprechen, so auch an der Rezeption, dem Strassencafé oder im Restaurant. Ein untrügliches Zeichen: Hier ist der Tourismus angekommen, dass Meer liegt nicht mehr weit weg.
Im Restaurant „Pod Kogutem“ essen wir. Wir bekommen zum Anschauen zwei grosse Bücher über die Geschichte von Elblag. Eines der Bücher ist in Englisch und Deutsch abgefasst. So können wir uns in die wechselhafte Geschichte der Stadt einlesen. Eine gute Kombination, essen und Weiterbildung.

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Auch auf verkehrsarmen Strecken gibt es zwischendurch etwas viele Schilder.

9. Sept. 2012   Inmitten von 500 Velorenn-fahrerinnen und -fahrern

Für die letzte Etappe scheint uns Petrus gnädig gesinnt zu sein. Gemäss „Wetter.com“ sollte es eigentlich heute regnen. Doch die Sonne scheint.

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Nach über 1'800 km erblicken wir auf der Anhöhe der Ortschaft Tecze wieder das Meer (letztmals kurz vor Den Haag, damals jedoch bei sehr schlechtem Wetter).

Die Strecke ist hügelig. Viele Radfahrer sind unterwegs, mit Rennvelos, Bikes oder Strassenvelos. Wir sehen, dass all die Fahrerinnen und Fahrer Startnummern tragen. Wir werden von einem Velorennen „aufgerollt“. Viele grüssen, rufen einige polnische Wörter zu uns oder winken uns zu beim Überholen. Ein Fahrer spricht uns auf Deutsch an. Er hat entschieden, dem Feld nicht mehr zu folgen, sondern mit uns zu pedalen. Ein „Interview on the road“. Wir erfahren so, dass es sich um ein Plausch-Rennen des Spitalpersonals und der Polizei von Elblag handelt. Insgesamt seien über 500 Personen gestartet. Eigentlich ein tolles Gefühl, in der letzten Etappe noch von so vielen polnischen Radfahrern „getragen“ zu werden. Wir fahren von einer Nebenstrasse auf die Hauptstrasse Richtung Frombork. Die Polizei sperrt den Verkehr auf der Hauptstrasse und winkt uns durch. Unsere Leuchtwesten haben die gleich grelle Farbe wie die Startnummern. So scheinen auch wir zum Velorennen zu gehören. Ganz mithalten können wir mit unserem Gepäck natürlich nicht und irgendwann überholt uns der „Besenwagen“.

Nach Frombork trennen sich unsere Wege und wir radeln die letzten Kilometer zur Grenze wieder allein. Am frühen Nachmittag erreichen wir die Grenzstadt Braniewo.

Die Etappen durch Polen haben bei uns wechselnde Gefühle ausgelöst. Auf alle Fälle hat sich Barbara nicht in Land und Leute von Polen verliebt. Ein ganz grosses Merci an meine liebe Frau, welche auch die letzten wenigen hundert Kilometern nicht aufgegeben hat. Desto trotz sind wir doch immer wieder von schönen Landschaften und freundlichen, hilfsbereiten Menschen überrascht worden.

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Wir sind glücklich aber auch erleichtert, die rund 5‘200 km ohne Zwischenfälle und unbeschadet hinter uns gebracht zu haben. Nicht einmal einen Plattfuss haben Barbara und ich zu beklagen. Die Strasse nach Kaliningrad scheint

gesperrt zu sein. Kein Problem für uns, wir wollen eh erst nächstes Jahr unsere „let’s go east-Reise“ fortsetzen.

Rückreise in die Schweiz

Wir werden morgen versuchen, mit all unserem Hab und Gut mit einem Überlandbus nach Danzig zu gelangen. Diese Stadt wollen wir uns dann noch etwas anschauen, bevor es zurück in die Schweiz geht.

Nachlese

Zum Europaradweg 1. Teil und zu unserem „Trixli“ (GPS), das uns mehrmals wertvolle Dienste erwiesen hat, haben wir unter den Hintergrundinformationen noch einige Gedanken festhalten.

gehe zu:  Hintergrundinfo zur Strecke auf dem Europaradweg

gehe zu: Erfahrungen mit Outdoor-GPS

 

 

10. September 2012  Mit dem Überlandbus nach Danzig

Bereits eine halbe Stunde vor der Abfahrt stehen wir am Hauptbahnhof von Braniewo. Wir haben vorgängig in einem Touristenbüro genau abklären lassen, ob der Bus nach Danzig unsere Räder und das viele Gepäck problemlos mitnehmen würde. Nach telefonischer Rücksprache wurde uns versichert, dass dies kein Problem sei. Der Bus kommt angerollt und wie könnte es anders sein, der Fahrer spricht nur polnisch. Eigentlich spricht er mit uns überhaupt nicht. Er scheint mit dem falschen Bein aufgestanden zu sein. Er gibt uns zu verstehen, dass in den halb gefüllten Stauräumen keine Räder mehr Platz fänden. Wir geben nicht auf, obschon die Lage nicht gut aussieht. Plötzlich deutet er an, wir könnten versuchen, die Räder drinnen im Bus neben dem mittleren Eingang zu verstauen. Irgendwie bringen wir die Räder hinein, das ganze Gepäck in die Stauräume und los geht’s. Wir bezahlen Fr. 15.- für über 2 Stunden Busfahrt, gelangen direkt nach Danzig und machen uns in der Altstadt auf die Suche nach einem Hotel.

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Vor dem Neptunbrunnen an der Langgasse in Danzig

11. und 12. September 2012
In der Altstadt von Danzig

Es ist herrliches Herbstwetter. Genau richtig für einen Rundgang durch die Altstadt von Danzig mit ihren repräsentativen alten Prachtbauten.

Kurz vor Kriegsende haben die Russen die Altstadt zu 90 % zerstört und danach, so sagt man uns, absichtlich ganze Wohnviertel in Brand gesetzt. Heute ist der Aufbau der Altstadt fast abgeschlossen. In einer Chronik steht, dass Danzig um 1300 die reichste Stadt der ganzen Welt gewesen sei. Für uns ist Danzig wirklich die schönste der Hansestädte, die wir bisher gesehen haben.

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Danzig nach Kriegsende 1945

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Langgasse mit dem rechtsstädtischen Rathaus

 

Ostseeküsten-Radweg

Im Hotel lernen wir Sabine und Tilo kennen. Die Beiden radelten von Ahlbeck auf dem R10 der Ostseeküste entlang nach Danzig. Wir hatten uns ja überlegt, welche Strecke wir nehmen sollten. Den R1 durchs Hinterland von Polen oder den R10 der Ostsee entlang. So ist es für uns Vier doppelt interessant, die Eindrücke gegenseitig auszutauschen. Beide Strecken haben ihre Reize und auch ihre Nachteile. Da wir nun wissen, wie der Ostseeküsten-Radweg ist, erklärt mir Barbara, diesen nicht mehr abradeln zu wollen. Einmal durch Polen sei wirklich genug.

Die lauwarmen Abende sind herrlich. Wir sitzen zusammen mit Sabine und Tilo in einem Restaurant an der Promenade mit Blick auf den Fluss Motlawa. Wir brechen jeweils erst auf, wenn das Servicepersonal die Kissen einsammelt und die Schirme zusammen klappt. Wieder einmal eine kurze und herzliche Radlerbekanntschaft, wobei sich die Diskussionen und das Philosophieren nicht nur um das Thema Radfahren drehen.

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Was hätten wir ohne René Loosli gemacht?

Den Rückflug ab Danzig via Berlin nach Zürich haben wir über das Internet gebucht und via eMail auch gleich die Räder angemeldet. Die Beförderung der Sportgeräte wurde uns provisorisch bestätigt. Die verbindliche Zusicherung hat via Servicecenter bei Air Berlin zu erfolgen. Der einfachste Weg sei, dies am Flughafen Danzig beim Büro der Air Berlin vorzunehmen. Also fahren wir mit dem Bus zum Flughafen, doch dort gibt es kein Büro. Erneut telefonieren wir mit dem Servicecenter. Da wird uns plötzlich erklärt, sie hätten für unsere Räder keinen Platz. Auch bei einem späteren Flug nicht, da die Flieger ab Danzig zu klein seien. Wir sollten die Räder mit Cargo Air Berlin in die Schweiz schicken lassen. Wieder telefonieren wir, doch es gibt in Danzig gar kein Cargobüro der Air Berlin. Das Spiel beginnt von Neuem. Es folgen Telefone um Telefone.

Dann geben wir einen Hilferuf an René Loosli. Er nimmt sich der Sache an und siehe da, plötzlich geht’s doch. Die Lehre daraus: Immer alles via Reisebüro Loosli, Effingerstrasse 88, 3008 Bern buchen. Der Service ist kompetent, rasch und zielführend. Wir hätten uns einige stressige Stunden der Unsicherheit ersparen können.

Die nächste Herausforderung ist das Beschaffen von Verpackungsmaterial. Auf dem Flughafen gibt es nichts, keine Schachteln, kein Plastik. In der Altstadt natürlich auch nicht. Also fahren wir mit dem Bus an den Stadtrand in ein Einkaufscenter mit einem „OBI“. Mit 10 Laufmetern Isoliermaterial, 20 m2 Plastik (kleinere Mengen gibt es nicht) und 3 Kleberollen kommen wir ins Hotel zurück.

Im Hotelzimmer zerlegen wir die Räder so, damit die Höhe von 1,20 m und die Länge von 1,50 m nicht überschritten wird. Nach drei Stunden haben wir zwei wunderschöne Velopäckli beisammen. Ich freue mich, diese morgen bereits wieder auspacken zu können.

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