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Donnerstag, 6. Juni 2013   Nun geht's los!

Die Räder sind in den Velokisten verpackt. Unser Gepäck in 8 Saggochen, zwei Zeltsäcken und den Rucksäcken verstaut.

Es ist 16:33 h. Soeben haben wir von René Loosli erfahren, dass unser Russland-Visum zusammen mit unseren Pässen unterwegs seien und uns heute Abend ausgehändigt würden. Dies war eine knifflige Angelegenheit. Da wir zwei Mal in Russland einreisen und der Unterbruch länger als 30 Tage betragen wird, wurde uns das zweite Visa verweigert. Dank René Loosli sind wir nun im Besitze je eines Business-Visum. Nun geht es.

Wer sich nun fragt, was für ein Business wir denn machen würden, dem können wir ganz klar antworten: Wir unternehmen eine Rekognoszierungstour für das Reisebüro Loosli, Bern. Mit den Velos, nach dem Motto "langsam reisen" durch Polen, Kaliningrad, Litauen, Lettland, Estland und Russland. Wir sind von diesem Business-Modell überzeugt. Zumindest hoffen wir, dass es viele Buchungen beim Reisebüro Loosli www.loosli-reisen.ch auslösen wird. Damit die Provisionen auch uns gutgeschrieben werden, bei Buchungen immer auf unsere Empfehlung verweisen.

Nachdem alle Formalitäten erledigt sind, fahren wir morgen nach Kloten, legen dort einen Zwischenstopp ein, bevor wir am Samstag am frühen Morgen nach Danzig fliegen.

Samstag, 8. Juni 2013   Wir warten...

Bereits gestern Abend haben wir unser Gepäck und die Veloschachteln eingecheckt.
Planmässig hebt der Flieger um 06:25 Uhr Richtung Berlin ab. Das Wetter ist angenehm. Ausgezeichnet für unseren Start. Von oben sehen die farbigen Felder wie eine Patchworkdecke aus. Sicher sind wir vor einem Jahr hier unten irgendwo durchgeradelt.

Um 11:00 stehen wir in Danzig bereits am Förderband und warten auf unser Gepäck. Alles läuft wie am Schnürchen. Die Passagiere nehmen ihre Koffer und verschwinden. Wir warten und warten. Das Band dreht sich, ist jedoch leer. Die Befürchtung erhärtet sich: unsere Taschen und Veloschachteln haben es nicht bis Danzig geschafft.

Am Schalter für vermisstes Gepäck erklärt uns eine Dame, dass wir dieses frühestens am Sonntagabend erwarten dürften, es könne jedoch auch einige Tage dauern.

Diese Stadt scheint etwas gegen unsere Fahrräder zu haben. Letztes Jahr nach Beendigung unserer Tour wollte Air Berlin unsere Räder nicht mitnehmen und heute sind sie bis jetzt nicht angekommen.

Sonntag, 9. Juni 2013   Alle fahren in Danzig Velo nur wir nicht!

Da unser Gepäck und die Velos immer noch nicht den Weg zu uns gefunden haben, geniessen wir den sommerlichen Tag hier in Danzig. Zu Fuss marschieren wir zur Danziger Werft und zum Platz Solidarnosc. Anhand der Bildergalerie wird uns die Dramatik des durch Lech Walesa angeführten Aufstandes bewusst.

Den ganzen Tag begegnen uns viele Familien mit ihren Velos. Auf dem Rückweg von der Werft wird die 6-spurige Schnellstrasse Podwale Grodzkie nicht von Autos benutzt, sondern nur von Velos und Inline-Skater. Jung und Alt, alle scheinen bei diesem Slow up durch Danzig dabei sein zu wollen. Ein Volksfest, wie wir es von Murten kennen. Unsere Räder haben wir jedoch nicht entdeckt. Dies wäre wohl auch kaum möglich bei den Tausenden von Velofahrern, die an uns vorbei rollen.

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Am Nachmittag lassen wir uns mit einem Segelschiff zur „Westerplatte“ bringen. Auch dieser Platz verbindet mit dem 2. Weltkrieg eine eindrückliche Geschichte.

Der Statusbericht über unsere Räder lautet immer noch „Suche bisher erfolglos“.

NACHTRAG: Es ist 21:15 Uhr. Soeben erhalten wir die Meldung, dass unser Gepäck eingetroffen sei.

Montag, 10. Juni 2013   Polen und das Wetter versuchen, Barbara zu motivieren

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Bei sommerlichem Wetter verlassen wir Danzig.

Vor dem Frühstück in der Morgensonne setzen wir unsere Räder zusammen. Um 11:00 h geht’s los. Rasch kommt die alte Weisheit wieder zum Tragen: GPS ist gut, führt uns aber nicht immer zum Ziel. Oft landen wir auf sandigen Feldwegen oder müssen die Bahngeleise auf Passerellen überqueren. Rad mit Gepäck hochtragen und auf der anderen Seite wieder hinunter. Die Strassenkarte ist als Ergänzung wichtig, doch auch diese hilft uns nicht immer weiter. Es ist die Mischung, angereichert mit dem Bauchgefühl, welche uns aus Danzig Richtung Malbork führt. Man könnte natürlich auch auf der Hauptstrasse nach Malbork radeln.

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Brücke über die Wisla

In der Abendsonne erreichen wir Malbork. Über den Fluss Nogat sehen wir das mächtige Mittelschloss. Wir entscheiden uns, hier einen Tag für die Festungsbesichtigung einzuschalten.

Eigentlich wäre das Wetter ideal zum campieren. Da wir jedoch zwei Tage hier bleiben ist uns das Risiko zu gross, unser ganzes Hab und Gut im Zelt zu lassen. Wir wählen das Hotel „Dedal“. Das Gebäude stammt aus der Zeit des Sozialismus. Die Zimmer gleichen einer Kaserne oder einem alten Spital. Es ist nicht der günstige Preis, der uns hierher geführt hat, sondern die Suche nach den Gegensätzen. Dem Drang, etwas Spezielles zu sehen und zu erleben. Für das Nachtessen wählen wir das Restaurant, welches zum Hotel gehört. Am Eingang steht ein grosses Schild „Fotografieren verboten“. Wir betreten einen Speisesaal, und können uns nicht satt sehen. Er gleicht eher einem Museum resp. Trödlerladen vermischt mit moderner Kunst. Wir sind die einzigen Gäste, werden jedoch fürsorglich bedient. Als Menu wählen wir: „Biate poledwiczki drobiowe z czosnikiem i winem“ dazu „piekklé búlwë“. Als uns das Essen auf grossen antiken Platten serviert wird, sind wir sichtlich beeindruckt. Wäre fotografieren nicht verboten, dies wäre ein Bild Wert gewesen. Wir erleben einen eindrucksvollen Abend und dies für nur wenige Franken.

Es ist erst 21:30 h, doch die 70 km haben uns Beide geschafft. Entweder haben wir zu viel Gepäck auf unseren Rädern oder zu wenig Training in den Beinen.

Dienstag, 11. Juni 2013   Zurück in die Zeit der Kreuzritterzüge

Eigentlich wollten wir bereits letztes Jahr einen Abstecher nach Malbork (Marienburg) unternehmen, doch der Umweg war uns zu umständlich. Nun holen wir das Versäumte nach.

Die als grösste Backsteinanlage geltende Burg hat uns (genauer gesagt eher mich) immer schon fasziniert. Mit einem Audio-Guide versetzen wir uns in die Zeit der Kreuzritter und des Deutschen Ordens. Wir lassen die gewaltigen Mauern und Türme der Mittelburg und der Hochburg auf uns wirken. Der Audio-Guide ist eine geniale Einrichtung. Wir können an den Punkten verweilen, die uns ganz besonders interessieren, die Texte zweimal anhören oder einfach eine Station überspringen. Dabei erfahren wir viel über die Hintergründe, welche zur Blütezeit des Deutschen Ordens geführt haben. Es gab eine Epoche, da gehörte der Deutsche Orden politisch und wirtschaftlich zu den grössten Machtzentren Europas. Die Wehranlage durchlebte nicht immer angenehme Zeiten. Belagerung und die beiden Weltkriege setzten dem Backsteingebäude zu. Die Restaurierungen sind noch längst nicht abgeschlossen.

Am Abend stellen wir fest, dass die Burgbesichtigung, das Hochsteigen auf die Türme, die Umrundung der Wehrmauer genau so anstrengend ist, wie ein Tag auf dem Velo.

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Blick auf die Burganlage mit dem Fluss Nogat

Mittwoch, 12. Juni 2013   In Polen angekommen

Wir verlassen Malbork und suchen den Weg auf Nebenstrassen Richtung Elblag. Das Wetter ist herrlich, nicht zu heiss, nicht zu kalt, perfektes Radlerwetter.

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Was uns ganz besonders beeindruckt sind die Gegensätze, denen wir immer wieder begegnen. Schöne Häuser, Villen mit einem Säuleneingang. All diese Häuser und Häusergruppen sind jeweils mit einem massiven Zaun gesichert. Daneben stehen die ärmlichen Backsteinhäuschen. Wir rollen auf Strassen mit feinem Belag und wenig später auf einem Teerflickwerk, welches mindestens so löchrig ist wie unser Emmentaler Käse. In jedem kleinen Ort befindet sich ein „Tante Emma-Laden“ sogenannte „Sklep“. Oft sind diese nicht grösser als eine Garage. Dort kaufen wir unsere Zwischenverpflegung ein. Es ist jedes Mal ein Erlebnis. Einfach nicht mit einer Note bezahlen, deren Gegenwert grösser als Fr. 6.-- ist.

Nach etwas mehr als 40 km kreuzen wir auf einmal den Europaradweg. Wir beschliessen, wieder diesem zu folgen. Vor ca. 10 Monaten sind wir hier entlang geradelt. Ich staune, wie sich Barbara an noch so viele Details erinnern kann. So sagt sie, auf der Anhöhe, da befindet sich auf der linken Seite ein Sklep. Und genau so ist es.

In Kadyny, in einem alten Schlösschen, welches einmal Kaiser Karl Wilhelm II gehörte, wollen wir nun zwei Nächte bleiben. So liegen wir bereits am späteren Nachmittag auf Liegestühlen im Hotelgarten.

Donnerstag, 13. Juni 2013   Ein Leben wie Kaiser Karl Wilhelm II

Heute haben wir ein abwechslungsreiches und anstrengendes Tagesprogramm:

Am Vormittag im Schlossgarten auf den Liegestühlen. Über die Mittagszeit im Schlossgarten auf den Liegestühlen. Am Nachmittag im Schlossgarten auf den Liegestühlen.

Lesen, dösen und träumen!

Freitag, 14. Juni 2013  Zufälle

Auf längeren Abschnitten wird die Strasse Richtung Braniewo verbreitert und der Belag erneuert. Für uns eine staubige Angelegenheit. Die Lastwagen ziehen jeweils eine Staubwolke nach sich, so dass wir fast unsere „Nebelscheinwerfer“ einschalten sollten. Da die Strecke recht hügelig ist und wir etwas ins Schwitzen kommen, bleibt der feine Staub ganz schön kleben. Zwischendurch wird der Verkehr umgeleitet und wir radeln durch abgelegene Dörfer. Immer wieder erblicken wir auf Telefonmasten oder Häusergiebeln Storchennester.

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Das Städtchen Frombork haben wir vor einem Jahr besichtig. So können wir uns dieses Mal direkt ins Café begeben. Es gibt hier herrliche Cappuccinos. Eine Frau und ein Mann sprechen uns an. Sie wollen wissen, woher wir kämen und wohin unsere Reise gehe. Wir kommen ins Plaudern und erfahren, dass Giselle von Holland ist und Valdis von London. Beide sind wie wir auch auf Velotour und haben sich unterwegs zufällig kennen gelernt. Auch sie wollen morgen über die Grenze nach Kaliningrad. Und wäre dies nicht Zufall genug, haben sie dort im gleichen Hotel reserviert wie wir. Somit werden wir uns mit grosser Wahrscheinlichkeit morgen Abend wieder sehen. Wir werden also nicht die Einzigen sein, die mit dem Velo über die Grenze wollen.

Freitag, 15. Juni 2013   dobry djen

Bereits um 7.30 Uhr radeln wir Richtung Grenze. Das Wetter ist wunderbar und wir sind fast die Einzigen auf der Strasse.

Da für Fussgänger der Grenzübergang Gronovo nach Mamonovo gesperrt ist, darf man nicht vom Velo absteigen, sondern muss immer schön fahren. Zudem soll man rechts neben den Autos vorbeifahren. Doch es hat gar keine Autos. Auf unserer Seite sind wir allein an der Grenze. In der Gegenrichtung stauen sich allerdings die Autos in doppelter Reihe und warten auf die Einreise nach Polen. Drei russische Kontrollposten müssen wir passieren. Alles geht speditiv. Wir müssen nicht einmal ein Formular ausfüllen. Dem biometrischen Pass sei Dank. Bei der zweiten Kontrolle, wir haben Pass und Dokumente bereits wieder erhalten und werden aufgefordert weiter zu fahren, geht ein Alarm los. Eine Grenzwächterin kommt auf uns zugerannt und sagt, absteigen und stehen bleiben. Halb englisch halb russisch, doch wir haben verstanden. Fragende Gesichter, denn die vielen Grenzbeamten scheinen auch nicht zu wissen, was geschehen ist. Nach einigen Minuten werden wir auf Englisch gebeten, weiter zu fahren.

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Von hier nach Sankt Petersburg sind es auf direktem Weg nur noch 1001 km. Doch wir nehmen nicht den direkten Weg und auch keine Autobahn, somit werden es für uns noch etwas mehr als 2000 km sein.

Nun sind wir in Russland angekommen und pedalen Richtung Kaliningrad durch wunderschöne Alleen. Wir wurden von der forschen Fahrweise der Russen gewarnt. Doch wir empfinden dies gar nicht so schlimm. Die fahren hier nicht anders als die Franzosen oder die Polen.

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Die eigentliche Herausforderung besteht darin, unser gebuchtes Hotel zu finden. Wir haben Maps von Google Earth ausgedruckt und Stadtpläne kopiert. Dennoch ist es schwieriger als angenommen. Starker, stockender Verkehr auf den vier- bis sechsspurigen Strassen, Hunderte von Bussen, Schlaglöcher, grosse Abwasserschächte, die Rillen natürlich in der Fahrtrichtung, erleichtern das Vorankommen auf dem Velo nicht sonderlich. Dazu kommen die Strassennamen in der kyrillischen Schrift.

Plötzlich sehen wir zwei Radfahrer, die ebenfalls etwas verloren den Weg zu erkunden suchen. Ja es sind Giselle und Valdis, die wir gestern in Frombork getroffen haben. Zu viert finden wir unser Hotel Paraiso. Ein kleines Hotel neben dem botanischen Garten, ruhig gelegen mit einer ausgezeichneten Küche.

Sonntag, 16.06.13   Zeitreise durch 750 Jahre Königsberg/Kaliningrad

Für heute haben wir eine ganztägige deutsche Stadtführung gebucht. Um 09:00 holt uns Elena ab. Mit dem Auto und zu Fuss führt sie uns durch die verschiedenen Stadtbezirke von Kaliningrad. Die Stadt hat eine fast 700-jährige deutsche sowie eine kurze sowjetische Vergangenheit und nun eine russische Gegenwart. Wir erfahren dank Elena viel über die Geschichte und das heute eher triste Dasein der Stadt gegenüber den westlichen Hansestädten, die besonderen Herausforderungen vom Kaliningrader Gebiet mit seinen 950‘000 Einwohnern, welches weit ab vom Mutterland getrennt ist. Die vielen trostlosen Plattenbauten(Hochhäuser mit rostigen Balkonen), die in der Innenstadt das Bild genauso prägen, wie die halb restaurierten Herrschaftshäuser beeindrucken uns gleichermassen.

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An schönster Lage befindet sich die Bauruine des Hauses der Sowjets, in das in den 1960er Jahren die Stadtverwaltung einziehen sollte, das aber aus statischen Gründen bis heute unbenutzbar geblieben ist. Zur 750-Jahr Feier von Kaliningrad wurde die Aussenverkleidung fertig gestellt und die Fenster eingesetzt. Das Gebäude bleibt nach wie vor unbewohnbar mit Zutritt verboten.

Heute ist Sonntag, somit bilden Kirchen einen der Schwerpunkte unseres Programmes. Wir besuchen in der Christus Erlöser Kathedrale kurz eine orthodoxe Messe. Nach der Eroberung von Königsberg durch die Sowjetunion wurden die meisten Gotteshäuser als halbe Kriegsruinen stehen gelassen, geschlossen oder für andere Zwecke genutzt. So beherbergt eine Kirche ein Puppentheater und eine andere ein Orgelmuseum. Ganz besonders speziell ist der Umbau einer Kirche in ein Begegnungszentrum, genauer gesagt in einen Nachtklub. Dies sei der beste hier in Kaliningrad. Auch im renovierten Königsberger Dom finden keine Gottesdienste mehr statt. Dafür können wir bei einem entspannenden Orgelkonzert die vielen Eindrücke verarbeiten. Die Bänke in der Kirche stehen alle umgekehrt, so dass diese nun zur grossen Orgel mit ihren 7‘000 Pfeifen gerichtet sind.

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Christus-Erlöser-Kathedrale mit dem Siegesplatz

Der Abschluss unserer Tour bildet eine Flussfahrt auf dem Pregel.

Nun sind wir müde, jedoch gespickt mit vielen Eindrücken zurück im Hotel und stellen einmal mehr fest, nicht nur Velofahren ist anstrengend. 

Montag, 17. Juni 2013  Durchs Gebiet von Kaliningrad

Entweder hat es hier in der Stadt Kaliningrad zu viele Autos oder zu wenig Strassen. Der zähflüssige Verkehr bietet uns andererseits den Vorteil, dass wir fast die gleiche Geschwindigkeit haben, wie alle andern. Die meisten verfügen hier in dieser Stadt über eine grosse Portion Gelassenheit. Dies ist sehr angenehm für uns.

Am Stadtende verlassen wir die Hauptstrasse und radeln fast allein durch das Hinterland Richtung Ostsee. Ein kalter Wind weht uns um die Ohren. Die auf unserer Karte eingezeichneten Dörfer sind eigentlich nur kleine Ansammlungen von Häusern. Kein Dorfkern, keine Struktur, einfach nur ein paar zum Teil baufällige Gebäude.

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Fahrt durch alte Baumalleen

In Cherepanovo kaufen wir in einem kleinen Tante Emma Laden unser Mittagessen ein. Es ist ein kleiner Laden wie wir ihn aus Polen kennen, nur noch etwas einfacher. All unsere Einkäufe teilt die Verkäuferin ihrer Kollegin mit, die hinter einem grossen Buch sitzt. Jeder Artikel wird in diesem Buch eingetragen. Keine Kasse, nur eine Handbuchhaltung. Wir bezahlen mit einem 100 Rubelschein (Gegenwert ca. Fr. 3.--) und bekommen noch eine Handvoll Münzen zurück.

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Achtung: unterwegs nicht immer links und rechts gucken, sondern auch die Strasse im Auge behalten (ein Wasserabflussschacht mit Längsrillen)

Die Hilfsbereitschaft der Leute überrascht uns immer wieder positiv. Als ich am Strand ein Bier vom Fass bestellen will, folgt eine lange Erklärung. Der Mann hinter der Theke kann nicht begreifen, dass ich kein Wort russisch verstehe. Er holt Gläser und füllt in jedes einen Schluck von den vier verschie-

denen Biersorten. So können Barbara und ich eine russische Bierdegustation erleben und uns für das beste Hopfenperl entscheiden.

Gestern haben wir in Swetlogorsk ein Hotel reserviert, die Angaben jedoch nur in lateinischer Schrift festhalten können. Im Städtchen angekommen stellen wir fest, dass alles nur in kyrillischen Buchstaben beschriftet ist. Zudem haben die Hotels keine Hinweisschilder, sondern stehen diskret versteckt hinter einigen Bäumen. Barbara erkundigt sich nach dem Hotel bei einem Polizisten, der gerade Parkbussen verteilt. Er unterbricht seine Arbeit und erklärt uns in einer bemerkenswerten Präzision den Weg.

Dienstag, 18. Juni 2013   Meine „russisch sprechende Frau

NACHTRAG: Bei den gestern gekauften Joghurts war das Verfalldatum bereits um einige Tage abgelaufen. Nach einem kritischen Probieren haben wir diese gleichwohl gegessen. Sie schmeckten ausgezeichnet und heute haben wir keine „Nachwehen“ festgestellt.

Auf unserem GPS-Gerät haben wir den „City Navigator Europa“ installiert. Russland fehlt jedoch. So haben wir auf unserem Navi hier zur Zeit keine Strassen und auch keine Ortschaften aufgeführt. Wir haben nur die Linie der Tracks, die wir von zu Hause heruntergeladen haben und einen Pfeil mit unserer aktuellen Position. Doch dies genügt. Immer schön der Track-Linie folgen.

Heute führt der Weg auf Nebenstrassen und auf unbefestigten Flurwegen Richtung Selenogradsk. Ohne unsere Navi-Positionsführung hätten wir diesen Weg nie gewagt. Wir sind wieder allein unterwegs. Das Wetter ist traumhaft. Links und rechts der Strasse sind grosse Felder mit den violetten Lupinen und gelb leuchtenden Schwertlilien. Natur pur. Die Häuser sehen wieder sehr ärmlich aus. Die einzigen, welche uns Beachtung schenken, das sind die bellenden Hunde. Wir wissen nicht, was sie uns mit ihrem „Gekläff“ mitteilen wollen. Entweder: „Herzlich willkommen“ oder „Was sucht ihr hier, verpisst euch“.

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Barbara entwickelt ein Flair für die russische Verständigung. Aus den Krämerläden (natürlich keine Selbstbedienung) kommt sie mit der gewünschten Zwischenverpflegung hinaus. Auch im Restaurant, wenn die Speisekarte nur in Russisch, d.h. in der kyrillischen Schrift angegeben ist und es keine Bildchen dazu gibt, bestellt mein Frauchen ein feines Menu. Meine Fähigkeiten reichen gerade aus, um ein Bier zu bestellen, wobei ich bei der Grösse der Gläser bereits beide Hände dazu benötige.

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Was kostet ein Abendessen hier im Touristenort Selenogradsk? Menu: Spiessli mit Salatgarnitur und Pommes, dazu drei grosse Bier, total Fr. 23.50 für beide.

Die zur deutschen Zeit so berühmten Seebäder Rauschen (heute Swetlogorsk) und Cranz (heute Selenogradsk) werden in unserem Radreiseführer als typische Badeorte sehr gerühmt. Dies mag für russische Verhältnisse eine Faszination auslösen, doch gegenüber den Ostseebädern Deutschlands (inkl. der ex DDR) haben diese Bäder hier keine Chance. Hier im Kaliningrader Gebiet wird viel gebaut. Statt die alten Häuser abzureissen, sollten diese renoviert werden. Dies ist die einzige Chance, einen gewissen Charme wie früher zu erlangen.

Mittwoch, 19. Juni 2013  auf der Kurischen Nehrung

Wir radeln auf der schmalen Landzunge der Kurischen Nehrung. Links die Ostsee und rechts das Kurische Haff. Die ganze Strecke führt durch einen Wald. Um einen Blick aufs Meer werfen zu können müssen wir einen Abstecher unternehmen. Hinweisschilder erklären, dass hier Elche, Rehe, Wildschweine und Füchse zu Hause sind. Wir bekommen jedoch keines der Tiere zu Gesicht. Je mehr wir uns der Grenze zu Litauen nähern, desto weniger Verkehr hat es.

Wir erreichen die Grenze. Die zwei ersten Grenzposten können wir nach einer kurzen Kontrolle unserer Pässe passieren. Bei der dritten Kontrolle wird über Funk unsere Ankunft gemeldet. Wir werden vom Autoverkehr getrennt und einem Kontrollposten zugewiesen. Wir mussten uns jeweils im Hotel polizeilich anmelden und bekamen dafür Bescheinigungen. All diese Papiere werden geprüft. Nach genauer Bemusterung gibt’s den Ausreisestempel in unsere Pässe.

Nun haben wir Russland bereits wieder verlassen und dies mit sehr vielen positiven Eindrücken.

Wir befinden uns in Nida, einem Fischerdorf mit ca.1‘500 Einwohnern. Heute lebt das Dorf vom Tourismus. Die alten Holzfischerhäuser sind stilvoll renoviert. Alles ist so sauber und so ordentlich. Für uns ist es fast ein Kulturschock.

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Kurenwimpel, welche wir hier auf der Kurischen Nehrung oft antreffen. Diese wurden auf dem Topp der Kähne befestigt und dienten zur Identifizierung der Fischer und ihrer Herkunft..

Donnerstag, 20. Juni 2013  Die Toten Dünen

Den heutigen Tag nutzen wir für die Erkundung der Umgebung. In der Nähe von Nida befinden sich die höchsten Dünen Nordeuropas. Mit den Rädern ist es herrlich, auf den für den motorisierten Verkehr gesperrten Wegen durch die Dünenlandschaft zu fahren. Die Kieferwälder spenden angenehmen Schatten.

Wir besteigen die Toten Dünen (auch Graue Dünen genannt). Es ist die einzige Stelle im ganzen Nationalpark, wo es erlaubt ist, auf die Dünen hinauf zu krabbeln. Diese Sanddünen wanderten pro Jahr 5 bis 15 m und haben in den vergangenen Jahrhunderten mehrere Dörfer unter sich begraben. Auch wenn es anstrengend ist, wir geniessen es, barfuss durch den warmen Sand zu spazieren. Das Thermometer steigt bis auf 34 Grad.

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Auf dem Rückweg rennt ein grosser Elch Richtung Veloweg. Irgendetwas muss ihn aufgeschreckt haben. Wenige Meter vor uns bleibt er kurz stehen, wendet sich dann ab und rennt in den Wald zurück. Bis wir den Fotoapparat schussbereit haben, ist nur noch sein Hinterteil zu sehen. Nun haben wir nicht nur die vielen Plakate am Strassenrand mit Abbildungen von Elchen gesehen, sondern wissen auch, dass es diese hier wirklich noch gibt.

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Freitag, 21. Juni 2013   unterwegs auf dem „Filetstück“

Die Fahrradstrecke durch die Kurische Nehrung in Litauen zählt zu einem der Filetstücke auf dem gesamten Europaradweg (gemäss Radwegbuch von Detlef). Dieser Aussage können wir nur beipflichten.

Auf einer Strecke von ca. 60 km radeln wir auf Velowegen durch die Dünenlandschaft. Wir besuchen das alte Fischerdorf Juodkrante. Die Kiefernwälder spenden angenehmen Schatten und machen die Temperaturen von über 34 Grad erträglich.

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Mit der Fähre überqueren wir gegen Abend das Kurische Haff und erreichen Klaipeda. Memel, wie die Stadt früher hiess, war 1920 die nördlichste Stadt Deutschlands. Nach einem Bummel durch die Altstadt bestellen wir in einem der vielen Strassenrestaurants Pasta mit Shrimps. Das Filet haben wir ja bereits auf dem Velo genossen.

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Warum hat eigentlich Barbara das Bett mit den zwei Dachfenstern und einem Ventilator? Weil sie für die grosse Wäsche verantwortlich ist und den anschliessenden Trocknungsprozess.

Samstag, 22. Juni 2013     …wir haben sie gefunden

Wir verlassen Klaipeda, die drittgrösste Stadt von Litauen, die wie ausgestorben wirkt. Wo die Leute wohl geblieben sind?

Die heutige Halbtagesetappe führt uns entlang der Küste durch Naturparks und Feuchtgebiete. Kurz nach Mittag erreichen wir Palanga. Dieser Ort sei der beliebteste Badeort von Litauen. Nach den vergangenen zwei Tagen mit viel Natur (und auch Mücken) geniessen wir eine Abwechslung wie die Flaniermeile von Palanga. Was wir hier in der Fussgängerzone mit den Dutzenden von Restaurants, Souvenierläden, Animationsbuden und Strassenkünstlern antreffen, versetzt uns ins Staunen. Tausende von Leuten, jung, alt, viele Familien mit Kindern spazieren hier. Doch nicht alle sind am Flanieren. Am Strand herrscht ein Gedränge wie im Hochsommer in Rimini. Alle scheinen diesen herrlichen Sommertag in vollen Zügen zu geniessen. Nun wissen wir auch, wo die Leute von Klaipeda hingegangen sind.

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Wir ruhen uns im Garten der kleinen Pension aus. Es ist eine der günstigsten Unterkünfte in diesem Touristenort. Als wir mit dem Velo zur Rezeption hinter dem Haus fuhren, sahen wir einen überfüllten Parkplatz mit grossen schweren Geländewagen von BMW, Audi und VW mit weissrussischen und russischen Kontrollschildern. Auch andere scheinen somit ein preisbewusstes Verhalten zu haben. Parkplatz benötigen wir keinen. Unsere Räder stehen vor der Eingangstüre zu unserem Zimmer. Optimal für den morgigen Start.

Sonntag, 23. Juni 2013  Über die Grenze von Litauen nach Lettland

Gestern Abend hörten wir vor unserer Tür merkwürdige Geräusche. Kurz darauf klopfte es und die Pensionsbesitzerin stand vor uns. In gebrochenem Deutsch erklärte sie: „Ich kann kein Auge zu tun, wenn eure Fahrräder so frei vor eurer Tür stehen. Wir sind hier in Litauen“. Sie hatte mit ihrem Mann eine schwere Eisenbank vor die Räder geschoben, so dass diese zwischen Wand und Sitzbank eingeklemmt sind. Danach wurden die Räder in Wolldecken eingewickelt. Eine perfekte Tarnung. Einmal mehr sind wir über die Freundlichkeit sowie die Besorgtheit um unsere Räder beeindruckt.

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In Litauen ist der Europaradweg als EuroVelo 10 sehr gut ausgeschildert. Mehr als 90% der Strecke führt auf naturnahen, separaten Velowegen. Genau so, wie Barbara es liebt!

Gegen Mittag überqueren wir die Grenze von Litauen zu Lettland. Die Grenzstation mit ihren Einrichtungen, um früher die Fahrzeuge auch von unten einer genauen Kontrolle unterziehen zu können, verfallen langsam. Dennoch ist der Grenzübertritt augenfällig. Die Strasse weist nun viele notdürftig ausgebesserte Schlaglöcher auf. Wir pedalen auf der wenig befahrenen Hauptstrasse A11 weiter.

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Um etwas Abwechslung zu bekommen, verlassen wir zwischendurch die A11 und radeln durch kleine Dörfer. Diese sehen jedoch wenig einladend aus.

Nach 85 km erreichen wir die Stadt Liepaja. Die Vororte sehen fast so aus wie im Kaliningrader Gebiet. Auch in der Stadt treffen wir nur wenige renovierte Gebäude. Viel bedrückender ist jedoch die Geschichte dieser Stadt. Einmal mehr beschäftigt uns der 2. Weltkrieg. Zuerst widerfuhr dieser Stadt die grosse Judendeportation. Dann die Massaker der Roten Armee. Aus heutiger Sicht kaum zu verstehen und zu begreifen.

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Die Baufälligkeit der Häuser ist am augenfälligsten bei den Balkonen. Abbröckelnde Betonteile werden zum Teil mit einem Netz unter dem Balkon gesichert (siehe rechtes Bild). Doch es ist sicher besser, diese Balkone überhaupt nicht zu betreten.

Montag, 24. Juni 2013 Mittsommernachtsfest

Erstmals radeln wir in der Regenmontur. Die Wohnblöcke sehen noch trister aus. Angrenzend an Liepaja ist der Stadtteil Karosta. Dieser Teil diente schon zur Zarenzeit als Kriegshafen. Während der Sowjetzeit waren hier 20‘000 Marinesoldaten und Dutzende Atom U-Boote und Kriegsschiffe stationiert. Nun ist alles weg und ein trister, verwahrloster Stadtteil darbt dahin. Wir fahren zur St. Nikolaus Marinekathedrale. Dies ist die grösste orthodoxe Kirche Lettlands. Die goldenen Kuppeln glänzen sogar im Nieselregen. Doch um die Kathedrale stehen die verwahrlosten Wohnsilos. Die Leute, die hier wohnen, tun uns wirklich leid. So begeistert wir nach dem Grenzübertritt nach Litauen waren, so gross ist nun die Ernüchterung, dass es in vielen Teilen, wo der Tourismus nicht Fuss gefasst hat, genauso ärmlich aussieht wie im Kaliningrader Gebiet.

Kurze Zeit später beschäftigen wir uns mit anderen Herausforderungen. Gestern hat uns ein Radfahrer, der von Russland her unterwegs ist gesagt, wir sollen die Schotterstrasse nach Saraiki unbedingt meiden. In unserem Radlerbuch steht geschrieben, dass man auf dieser Schotterpiste flott vorankomme. Wir hätten besser auf den Radfahrer hören sollen.

Nun sind wir auf einem Zeltplatz in Pavilosta. Da schlechtes Wetter gemeldet worden ist, haben wir uns für einen Bungalow entschieden. Doch nun scheint die Sonne.

Wir sitzen am Strand und warten bis die Sonne langsam im Meer versinkt. Es ist genau 22.34 Uhr und der längste Tag von 2013 ist bereits vorbei.

Dienstag, 25. Juni 2013   aufsässige Begleiter

Ein herrlicher Sonnenuntergang und eine darauf folgende mühsame Nacht. Unser Bungalow hat Hunderte von grossen und kleinen Fliegen und Mücken. Wir haben alles versucht, um diese Biester zu vertreiben. Antibrumm nützt nur gegen die

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Mücken, die Fliegen interessiert dies nicht. Sie suchen den Körperkontakt und machen weder Halt bei den Ohren noch bei der Nase.
Um drei Uhr bei Morgendämmerung geben wir uns geschlagen. Wir stülpen unsere Kopfmoskitonetze über und verkriechen uns trotz der Hitze ganz unter die Bettdecke.

Die heutige Strecke führt uns durch viel Wald. Und wer sind unsere Begleiter? Fliegen und nochmals Fliegen. Trotz einer sportlichen Fahrt landen diese Biester überall, sogar zwischen die Lüftungsschlitze durch den Helm ins Haar. Zwischendurch sind es nicht nur Fliegen, sondern auch Bremsen. Der Unterschied ist sofort spürbar. Heute haben wir auf gewissen Abschnitten starken Gegenwind. Da sind die Viecher chancenlos. Für einmal ist der Gegenwind unser Freund und Helfer.

Nun erkundigen wir die Altstadt von Kuldiga, eine ehemalige Hansestadt. Trotz vielen baufälligen Gebäuden weist diese Stadt einen gewissen Charme auf. Wir bestaunen eine der längsten Backsteinbrücken Europas. Daneben ist ein Wasserfall, der mit über 400 m der breiteste von Europa sein soll. Mit seiner Höhe von ca. 2 bis 3 m fragen wir uns allerdings, ob man dies überhaupt als Wasserfall bezeichnen kann.

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Damit der Insektentag nicht so rasch in Vergessenheit gerät, hat mich noch ein Bienchen in den Zehen gestochen. Da ich auf Bienenstiche allergisch reagiere, habe ich vorsichtshalber die Tabletten des Notfallsets eingenommen und mit Bier runtergespült.

Mittwoch, 26. Juni 2013   …durch die Kurländische Schweiz

Seit gestern fahren wir durch das Gebiet Kurzieme. Dies wird als Kurländische Schweiz bezeichnet Es ist hügelig, wie bei uns im Emmental. Die Dörfer und Bauernbetriebe weisen jedoch wenig Ähnlichkeit mit unseren in der Schweiz auf.

Mitten in Sabile befindet sich der nördlichste Weinberg der Welt. Damit wir einige Schritte durch die am steilen Hang angelegenen Rebstöcke machen dürfen, müssen wir Eintritt entrichten. Ist ja auch im Guiness Buch der Rekorde erwähnt. Zudem ist der Ertrag der Rebstöcke nicht so ergiebig, da kommt ein „Zustupf“ aus den Eintritten gelegen.

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In Kandava beschliessen wir zu übernachten. Ein Städtchen, das bereits 1231 erwähnt wurde, aber die Blütezeit schon längst überschritten hat. Letztes Jahr wurde der Stadtpark mit EU-Fördergeldern saniert, genauer gesagt erstellt. Ein Bach schlängelt sich durch den Park, der mit 7 stilvollen Brücken verziert ist. Ein toller Kinderspielplatz, dazu viele Sitzbänke. Architektonisch schön angelegt und von hoher Qualität. Doch rund um den Park stehen die alten Häuser, die so dringend saniert werden müssten. Einmal mehr finden wir, dass nicht alle Fördergelder der EU optimal eingesetzt werden. Nur ein halb so feudaler Park, dafür eine sanfte Sanierung der umliegenden Häuser wäre die bessere Lösung gewesen.

Heute habe ich die Bestellung übernommen. Einen „Klasiskie grieku ar valriekstiem“ zum teilen als Vorspeise, dann je ein „Cepta cükgola ar sieru un tomatiem“. Der griechische Salat kommt wie bestellt, danach jedoch nur ein Teller mit Schweinsplätzchen überbacken mit Tomaten und Käse, Salat und Kartoffeln. Doch es bleibt bei einer Portion. Gottlob, denn dies war mehr als genug. Nicht immer sind Verständigungsprobleme ein Nachteil.

Auch die Preise sind hier in der Kurländischen Schweiz nicht mit denen bei uns zu Hause zu vergleichen. Das Abendessen mit Apéro und Nachspeise kostet rund Fr. 20.--.

Donnerstag, 27. Juni 2013  Zelten am Strand von Jürmala

Der Europaradweg in Lettland ist noch nicht ausgeschildert und auf gewissen Abschnitten auch noch nicht verbindlich festgelegt.

Wir wählen für heute den Weg auf Naturstrassen und durch den Kemeri Nationalpark. Bis wir am Schluss die Hauptstrasse P128 erreichen, begegnen uns nur selten Autos. So können wir einmal mehr die ganze Strasse für uns beanspruchen und nebeneinander fahren.

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In Jürmala beschliessen wir, unser Zelt und unsere Schlafsäcke einmal richtig durchzulüften. Dies geht am einfachsten, wenn man am Meer das Zelt aufstellt. Wir stellen fest, dass wir noch nicht aus der Übung gekommen sind und dass wir zu Hause nichts vergessen haben.

Nun sitzen wir vor unserem Zelt. Der Himmel hat sich verdunkelt, es ist kalt geworden. Es könnte heute Nacht Regen geben. Somit hätten wir unser Zelt nicht nur durchlüftet, sondern auch noch „gewaschen“.

Freitag, 28. Juni 2013   Riga in Sicht

Gestern Abend haben wir festgestellt, dass der Sand am Strand so stark festgepresst ist, dass wir mit unseren beladenen Velos darauf fahren können. So starten wir heute den letzten Abschnitt nach Riga direkt am Strand. Ein herrliches Gefühl, dem Wasser entlang zu pedalen, die Meeresluft einatmen zu können und zwischendurch den Leuten zuzusehen, die sich trotz des kühlen Wetters am Strand langsam einzurichten beginnen.

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Fast 2 Stunden radeln wir auf der "Strandpiste"

Die Fahrt durch die Vororte der 800‘000 Einwohner zählenden Metropole Riga ist trist. Plattenbauten, halb zerfallende Häuser. Umso überraschter sind wir, als wir den Fluss Daugava überqueren und die Altstadt erreichen.

In einem Hotel inmitten der Altstadt werden wir nun 4 Nächte bleiben. Unsere diesjährige Reise steht auch unter dem Motto „Städtebesichtigung“. Unsere Velos sind in einem Gepäckraum abgestellt und werden erst am 2. Juli wieder hervorgeholt.

Samstag, 29. Juni 2013  Nachlese zur Etappe Danzig - Riga

Wir haben uns gut vorbereitet, viel gelesen und sind somit mit klaren Vorstellungen gestartet. Nun sind wir nach der Etappe von Danzig nach Riga rundum positiv überrascht.

Zugegeben, das Wetter hat seinen Beitrag dazu geleistet. Nur einen Tag mit leichtem Regen, sonst begleitete uns bis auf gestern Sonnenschein. Hier in Riga hat sich die Sonne bis jetzt auch noch nicht blicken lassen.

Velowege gibt es, abgesehen durch die Kurische Nehrung, nur wenige. Doch es hat auf den Strassen, mit Ausnahme in und um die Städte, sehr wenig Verkehr. Von den Autofahrern geniessen wir Respekt. Natürlich haben sie eine sportliche Fahrweise. Beim Überholen weichen sie meistens ganz auf die andere Strassenseite aus, geben uns den Vortritt beim Überqueren der Strasse und auf grossen Kreuzungen. Sie fahren bei engen Nebenstrassen geduldig hinter uns her, bis sich eine Gelegenheit zum Überholen bietet. Wir hoffen, dass es so weiter geht.

Die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen überrascht uns immer wieder. Wir sind willkommen.

Besonders beeindruckend sind die Gegensätze. Die Uhren ticken sowohl in Litauen wie in Lettland sehr unterschiedlich. Auf dem Lande, weg vom Touristenstrom, fühlt man sich in eine andere Zeit zurück versetzt. Man könnte glauben, dass die Wende noch nicht in allen ländlichen Teilen angekommen ist. Als Gegensatz die Orte, die vom Tourismus profitieren. Man spricht englisch. Die Speisekarten sind auch in englisch und die Preise haben sich natürlich dem westlichen Niveau fast angepasst.

In den Dörfern gibt es oft an der Hauptstrasse verschiedene „Tante Emma Läden“, zum Teil nicht grösser als eine Garage oder Doppelgarage. Geöffnet sind diese bis spät in die Nacht hinein. Was hätten wir in der Schweiz gemacht: Fusioniert mit der Begründung „zu kleine Betriebsgrösse“.

Samstag, 29. Juni bis Montag, 1. Juli 2013  Stadtbesichtigung von Riga

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Mindestens so beeindruckend wie die eigentlichen Gebäude der Altstadt ist die wechselhafte Geschichte dieser Stadt. Im Jahre 1282 trat die stolze Stadt Riga der Hanse bei und wurde von deutschen Kaufleuten regiert. Danach folgte die polnische Herrschaft. Nach der Eroberung durch Schweden wurde Riga zur grössten Stadt des Königreiches Schweden und zugleich zur zweiten Hauptstadt Schwedens. Dann kamen die Russen. In der langen Zeitgeschichte war es Riga jeweils nur wenige Jahre vergönnt, eine freie Stadt zu sein. Die Pracht der vergangenen Jahrhunderte kann an den verschie-

denen Gebäuden der Altstadt bestaunt werden. Die Restaurierung der durch den 2. Weltkrieg stark beschädigten Stadt wurde leider nicht immer mit der notwendigen Sorgfalt angegangen. Dennoch gibt es viele Bauwerke, enge Gässchen und feudale Plätze zu bestaunen.

Die drei Tage nutzen wir, die Stadt genauer kennen zu lernen. Riga gehört zu den Städten Europas mit den prächtigsten Jugendstilvierteln. Dank der Sonne, die sich wieder vermehrt blicken lässt, erscheinen die Verzierungen der Fassaden noch verspielter.

Einen halben Tag verbringen wir auf dem Zentralmarkt. Es soll sich um einen der ältesten und grössten Europas handeln. In früheren Zeppelinhallen und auf den Vorplätzen kann wirklich alles, was man zum Leben benötigt, gekauft werden. Güezi und Teigwaren werden zum Teil noch offen angeboten. Eine besondere Augenweide ist natürlich einmal mehr der Fischmarkt.

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Vom 17. Stockwerk der lettischen Akademie der Wissenschaften haben wir einen wunderschönen Ausblick über die gesamte Stadt Riga mit dem prägenden Fluss Daugava.

Mit dieser eindrücklichen Rundumsicht verabschieden wir uns von Riga. Morgen früh geht es weiter nordwärts.

zum Reisebericht:   8. Etappe von Riga nach Tallinn