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Mittwoch, 24. Juli 2013   Auf zur nächsten Etappe

Der Küste entlang verlassen wir die Stadt Tallinn. Bei der Fahrt durch die Vororte bekommen wir die Wohnbauten und die für uns etwas protzig wirkenden Denkmäler aus der Zeit der Sowjetherrschaft zu Gesicht.

Mehr als 20 km können wir auf dem zum Teil ganz neu angelegten Radweg pedalen. Erst als wir die Vororte von Tallinn hinter uns lassen und der Verkehr verschwindet, fahren wir wieder auf der normalen Strasse. Ausgedorrtes Brachland und Häuserruinen prägen die Gegend, die sich entvölkert hat. Die Leute sind in die Stadt gezogen, dorthin, wo es etwas zu verdienen gibt.

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Es ist für uns ein Ritual geworden. Am Vorabend oder am Morgen kaufen wir unsere Mittagsverpflegung ein: Je 1 Joghurt XXL = je 400 g. Nach unserer Berechnung haben wir seit Danzig zusammen total über 25 kg Joghurt gegessen!

Nun befinden wir uns im kleinen Fischerdörfchen Leesi in einem Holzhüttchen. Wir sitzen auf der Veranda und geniessen den Abend. Es ist die gepflegteste Unterkunft, die wir bisher hatten. Der Empfang wie immer herzlich, als würde ein Familienmitglied begrüsst, welches man lange nicht mehr gesehen hat.

Den ganzen Tag hat es stark gewindet, oft auch von vorne. Nun ist es windstill. Die Wolken hängen tief. Vielleicht gibt es, entgegen den Wetterprognosen, doch noch etwas Regen.

Donnerstag, 25. Juli 2013   Gegensätze

Der Start verzögert sich. Die Besitzerin hat uns beim Packen beobachtet und ist noch für einen kleinen „Schwatz“ zu uns gekommen. Sie spricht gut englisch und wir bekommen viele interessante Informationen über ihre Familie mit.

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Danach radeln wir stundenlang durch den Lahemaa Nationalpark. Obschon die Strecke der Küste entlang führt, sehen wir nur gelegentlich das Meer. Sonst nur Wald und nochmals Wald. Der Lahemaa Nationalpark war der erste Nationalpark, der in der Sowjetunion errichtet worden war. Beeindruckender als der Park sind für uns all die Industrieruinen, die langsam zerfallen und mit Gras und Sträuchern überwuchert werden. Um welche Art von Betrieben es sich handelte, finden wir nicht heraus.

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Barbara hat immer ein Sperberauge, von wo die entgegenkommenden Autos oder Camper stammen. Es hat sehr wenig Verkehr. Plötzlich erblickt Barbara ein BE-Nummernschild und winkt eifrig. Der Camper hält an. Es begrüssen uns Doris und Jean-Claude Jaquet aus Steffisburg, die jedes Jahr mehrere Monate mit ihrem Fiat Ducato durch die Gegend fahren. Wir alle Vier haben das Bedürfnis zum Plaudern. Es dauert einige Zeit, bis jedes Pärchen in entgegengesetzter Richtung wieder los zieht. Einmal mehr eine spontane herzliche Begegnung mitten auf der Landstrasse.

Am Nachmittag reisst die dicke Wolkendecke auf. Nur eine Stunde später ist der Himmel strahlend blau.

Auf diesen Streckenabschnitten ist es mit Übernachtungsmöglichkeiten schwierig. Als wir nach anstrengenden 85 km das Vihula Manor Resort erreichen, sind wir nicht wählerisch. Früher war dies der Sitz eines dänischen Barons, danach ein deutsch baltischer Gutsbetrieb. Mit EU-Geldern wurden die Gebäude und die Anlage restauriert und im Jahre 2012 als Holiday Village eröffnet. Neben den noblen Karossen auf dem Parkplatz sehen unsere Fahrräder schon etwas speziell aus, doch Barbara meint, wenn wir nach der Dusche unseren „Ausgänger“ aus den Saggochen nehmen, würden wir auch ganz adrett wirken.

Dezente Musik spielt im grossen Speisesaal. Die Embiance, der Service und unser Menu sind hervorragend. Wir geniessen es, für einmal etwas vornehmer dinieren zu können. Eine einfache Übernachtung in Bern mit einem normalen Abendmenu würde dennoch mehr kosten als diese noble Unterkunft.

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Freitag, 26. Juli 2013  Intensive Landwirtschaft

Um zum Hauptgebäude zu gelangen, wo das Frühstück serviert wird,  führt der Weg durch die grosse Parkanlage des Gutsbetriebes. Die wärmende Sonne scheint durch die Bäume. Das Morgenbuffet hätte auch dem dänischen Baron gemundet. Besser kann ein Tag nicht beginnen.

Nachdem wir den Nationalpark verlassen, verändert sich die Landschaft. Wir radeln entlang grosser Kornfelder. Erstmals sehen wir auch, wie hier in Estland intensive Landwirtschaft betrieben wird. Es gibt aber auch immer wieder grosse Sägewerke mit riesigen Stapeln von Baumstämmen. Estland verfügt über sehr viel Wald, welcher auch wirtschaftlich genutzt wird.

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Nun befinden wir uns wieder auf einem Gutsbetrieb. Saka Mois soll einer der wenigen Betriebe sein, welcher wieder in vollem Umfang aufgebaut worden ist. Es hat verschiedene Gebäude, die nun als Hotel, Bungalows, Konferenzsaal oder als Restaurant genutzt werden.

In der grossen Parkanlage des Gutsbetriebes kann man auch campen. Somit können wir nach der gestrigen feudalen Übernachtung für 8 Franken unser Budget ausgleichen. Wenn uns nicht einmal mehr die vielen Fliegen so belästigen würden, dann wäre dies ein Superplatz.

Das Nachtessen gibt es aber nicht aus den Saggochen. Man kann es ja auch übertreiben. In einem Keller befindet sich der gediegene Speisesaal, in dem wir ein feines Diner geniessen, bevor wir in das feuchte Zelt schlüpfen.

Samstag, 27. Juli 2013  Steilküste von Estland

Wir fahren entlang der Steilküste mit Blick auf den Finnischen Meerbusen. Die Klippen sind bis zu 50 m hoch. Bäume und Sträucher verdecken jedoch fast immer den Blick zu den schroffen Felswänden. Als wir endlich eine Aussichtsplattform erreichen und die Treppen hinunter steigen, stehen wir plötzlich vor einem verrosteten Eisentor. Der Rest der Treppe ist abgebrochen. Schade, dass diese Touristenattraktionen nicht besser instand gehalten werden.

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Der Veloweg ganz der Steilküste entlang wird immer schlechter. Grosse mit Regenwasser gefüllte Dellen wechseln sich mit groben, losen Schotterpartien ab. Es geht nicht anders, wir müssen die Räder immer wieder schieben. Heute haben wir eine kurze Etappe und so freuen wir uns ganz besonders an der rauen Natur.

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Nun befinden wir uns in der ehemals geschlossenen Stadt Sillamäe. Eine ganz spezielle Stadt, in der wir nun zwei Tage bleiben werden. Mehr jedoch später.

Sonntag, 28. Juli 2013  Sillamäe

Eine entscheidende Veränderung erfuhr die Stadt, als russische Geologen abbauwürdige Uranvorkommen entdeckten. Mehr als 18‘000 Soldaten und Gefangene wurden für den Abbau eingesetzt. Sillamäe wurde zur „verbotenen Stadt“ und durfte nur mit einer Sonderbewilligung betreten werden. Es wurde von der Landkarte entfernt und es gab auch keine Postanschrift mehr.

Der Uranabbau wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ganz eingestellt. Geblieben sind die enormen Umweltschäden. In der Nähe der Stadt befindet sich ein nuklear und chemisch verseuchter See. Dort sollen mehr als 6 Millionen Tonnen radioaktive und giftige Abfallprodukte lagern.

In der Stadt merkt man nichts von den enormen Umweltschäden. Die aus den 1940er und 1950er Jahren entstandenen Häuser für die Funktionäre, die renovierten Stadtbauten und die gepflegte Parkanlage prägen das Bild des Stadtzentrums. Die umliegenden Wohnblöcke sehen ärmlich aus. Zudem gibt es viele Bauten und Einrichtungen, die am Zerfallen sind.

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Während der stalinistischen Epoche wurden zahlreiche Alleen angelegt, die teilweise direkt zur Ostsee führen.

Die Gegend hier widerspiegelt nicht mehr das für uns gewohnte Estland. Der Norden des Landes, in dem wir uns nun befinden, bezeichnet man als das Armenhaus von Estland geprägt von einer sehr hohen Arbeitslosigkeit. Mehr als 85% der Bevölkerung in dieser Gegend sind Russen. Der Anteil der Estländer ist in einigen Bezirken gerade noch 5%. Demzufolge sind die Geschäfte und öffentlichen Einrichtungen zweisprachig angeschrieben, nebst Estnisch auch in kyrillischer Schrift.

Montag, 29. Juli 2013   Narben aus dem zweiten Weltkrieg

Der Weg führt uns heute nach Sinimäe über die blauen Berge. Es ist eine geschichtsträchtige Etappe. Entlang der Strecke gibt es verschiedene Kriegsmahnmale. Mehr als 35‘000 Soldaten verloren hier bei den Gefechten um die deutschen Tannenbergstellungen ihr Leben.

Kurz vor Narva besuchen wir den deutschen Soldatenfriedhof. Aus verschiedenen Orten der Umgebung werden die Gräber von deutschen Gefallenen nun zentral zu diesem Friedhof verlegt. Die Arbeiten sind längst noch nicht abgeschlossen, es befinden sich jedoch bereits Gräber von 10‘000 deutschen Soldaten auf diesem Gelände. Schlicht sehen die Steinkreuze aus. In Reih und Glied aufgestellt mit Namen, Geburtsdatum und dem Tag, an dem sie gefallen sind. Liest man die Namen, den Geburts- und den Todestag, dann geht es unter die Haut. Viele der gefallenen Soldaten waren nicht einmal 20 Jahre alt oder nur knapp darüber.

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Nun sind wir in Narva und stehen am gleichnamigen Fluss bei der Grenzbrücke. Wir bestaunen die langen Kolonnen von Autos und Fussgänger, die für den Grenzübertritt anstehen und geduldig warten. Hoffentlich geht es übermorgen bei uns etwas speditiver.

Dienstag, 30. Juli 2013   Narva

Vor etwas mehr als 2‘200 km besuchten wir in Polen in Malbork die durch den Deutschen Orden erbaute mächtige Marienburg. Hier in Narva an der Grenze zu Russland besichtigen wir nun die Hermannsfeste. Mitte des 14. Jahrhunderts haben die Dänen die Burg mitsamt der Stadt Narva dem Deutschen Orden verkauft. Dies veranschaulicht, wie mächtig zu jener Zeit der Deutsche Orden war.

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Auf der anderen Seite des Flusses Narva stehen die Überreste der Festung Iwangorod, erstellt als Bollwerk gegen die weitere Ausbreitung des Deutschen Ordens Richtung Osten.

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Barbara und ich bringen nicht die gleiche Begeisterung bei der Besichtigung des Turmes mit seinen Rittersälen und dem angegliederten Museum auf. Sie interessiert sich mehr für die alte Handwerkskunst, die durch Frauen in ihren traditionellen Kleidern von damals vorgeführt werden. Das Klöppeln verlangt ein grosses handwerkliches Geschick.

Nun sitzen wir im Gartenrestaurant hinter einem grossen Ölu, mit einem Teller Salat und Schaschlick-Spiessli mit Gemüse. Nebst der Burg und dem Museum gibt es in Narva nicht viel zu bestaunen, so dass wir heute auch Zeit haben, die Seele etwas baumeln zu lassen und einige Gedanken rückblickend auf Estland auf Papier zu bringen, genauer gesagt, in den Compi zu tippen.

Nachlese zu Estland

Nun sind wir rund 1‘200 km durch Estland geradelt. Estland ist wirklich der fortschrittlichste der drei baltischen Staaten und dies in verschiedener Hinsicht.

Die Velobeschilderung ist im Gegensatz zu Litauen und Lettland ausgezeichnet. Den grössten Teil der Strecke sind wir auf verkehrsarmen Strassen gefahren. Immer wieder auch auf Schotterstrassen und Sandpisten, welche Barbara je nach deren Beschaffenheit mehr oder weniger liebte. Die Veloinfrastruktur, sowohl für die einheimische Bevölkerung wie auch für den Tourismus, wird stark gefördert. Es besteht zudem ein landesweites beschildertes Velonetz.

Durch die meisten Städte und durch viele Dörfer gibt es einen von der Strasse getrennten Veloweg. Viele neue Velostrecken wurden erst kürzlich erstellt oder befinden sich gerade im Bau.

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Beeindruckend sind für uns jeweils die Velowege übers Land, die Kilometer weit mit Strassenlaternen versehen sind. Da wird uns bewusst, dass hier im hohen Norden im Winter die Tage sehr kurz sein müssen.

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Von Westestland haben wir in einem Touristenbüro ein laminiertes Velobuch mit vielen Reiseinformationen erhalten. Als wir dies bezahlen wollten, hiess es: Nein, das ist für sie als Tourist gratis.

Ferner haben wir eine Velokarte im Massstab 1:410‘000. In dieser sind die nationalen und regionalen Velostrecken eingezeichnet und mit Kilometerangaben ergänzt. Natürlich führen diese teils auch auf Haupt- bzw. autobahnähnlichen Strassen. Doch dies ist die Ausnahme. In der Karte sind alle Sehenswürdigkeiten, und es sind Hunderte, mit einer Telefon-Nummer versehen. Die ersten vier Ziffern sind fix. Eine Nummer für Estnisch und eine für englisch. Die vier letzten Ziffern sind für die entsprechende Sehenswürdigkeit. Ohne Vorwahl, d.h. ohne über die Schweiz kehren zu müssen, können wir bei Bedarf diese Informationen abrufen, sei es auf einer Klippe oder vor einem Kloster. Diese Dienstleistung finden wir einmalig, dennoch haben wir sie nur wenige Male benutzt, denn wir sind nicht sicher, was uns Ausländer diese Dienstleistung kosten wird.

Auch im Bereich des Umweltschutzes ist Estland fortschrittlich. Auf allen Plastikflaschen und Aludosen wird ein Depot erhoben. Dutzende von Elektrozapfsäulen haben wir entlang der Strasse gesehen. Und wer hat sie gebaut? Ja wir Schweizer, bzw. ABB. Also hat die Schweiz doch etwas von der Osterweiterung profitieren können. Auf der anderen Seite beobachteten wir mehrmals, dass Autofahrer den Motor nicht abstellten, wenn sie in einem Laden kurze Einkäufe tätigten. Bei uns unvorstellbar.

Der Vollständigkeit halber möchten wir nochmals betonen, dass die Leute hier sehr freundlich und hilfsbereit sind. Wir hatten immer das Gefühl, willkommen zu sein.

Wer Velotouren etwas anders erleben will und nicht alles organisiert und abgesichert haben möchte, für den ist Estland ideal, nein für den ist Estland ein Muss.

Mehr Informationen zum Streckenbeschrieb und Übernachtungsmöglichkeiten siehe Hintergrundinformationen

Der schwierige Umgang der Balten mit den Russen

Erstaunlich, wie unterschiedlich die drei Völker der baltischen Staaten in Kultur, Glauben und Sprache sind. Die Litauer und Letten sind katholisch; die Esten evangelisch-lutherisch. Estland ist in Sprache und Kultur viel näher bei den skandinavischen Ländern, als bei seinen zwei Nachbarstaaten.

Eines haben die drei Staaten jedoch gemeinsam: Die Vorbehalte bzw. den Hass gegen die Russen. Dies haben wir immer wieder bei den Vermietern von Unterkünften festgestellt. Es war auch nicht immer förderlich zu sagen, dass wir durch Russland bis nach St. Petersburg fahren würden. Deshalb wichen wir mit unseren Antworten oft aus und nannten als Endziel Tallinn und nun in der Schlussphase Narva.

Vor und während des 2. Weltkrieges litten die baltischen Völker ganz besonders. Die Zwangsrückführung der Deutschen, die Vertreibung von Teilen der schwedischen Bevölkerung und die Ermordung von fast 250‘000 Juden sind nur einige Beispiele.

Nach Beendigung des 2. Weltkrieges fand das Leid der Bevölkerung hier jedoch kein Ende. Mehr als 200‘000 Balten wurden nach Sibirien deportiert oder durch die Sowjets umgebracht. Um die Sprache und Kultur der Balten vollends zu brechen, wurden mehr als 900‘000 Russen, Weissrussen und Ukrainer in den drei baltischen Staaten angesiedelt. Aus heutiger Sicht schwer vorstellbar.

Und trotzdem ist es nicht gelungen, die Balten so zu dezimieren, dass sich die russische Kultur dominierend ausbreiten konnte.

Die Unabhängigkeitsbestrebung der Balten war nicht ganz einfach. Am 23. August 1989 bildeten mehr als eine Million Menschen eine lückenlose Menschenschlange von 600 km über die Hauptstädte von Vilnius, Riga nach Tallinn. Doch die Russen gaben sich nicht so rasch geschlagen. Es dauerte noch mehrere Monate, bis die Unabhängigkeit erreicht wurde.

Nun bekommen die hier lebenden Russen zu spüren, was es bedeutet, systematisch benachteiligt zu werden und nicht erwünscht zu sein. Während der Herrschaft der Sowjetunion war die Amtssprache russisch. Somit bemühte sich kein Russe, eine der baltischen Sprachen zu erlernen. Dies führt nun zu noch mehr Ausgrenzung.

Der Anteil der russischen Bevölkerung schwankt in Lettland und Estland, je nach Quellenangaben, zwischen 25% und 30%. Der Anteil ist jedoch je nach Regionen stark unterschiedlich, im Norden von Estland bis zu 90 %.

Mittwoch, 31. Juli 2013   Прибыл в Россию

Beim Grenzübertritt nach Kaliningrad mussten wir fahren und durften die Räder nicht schieben. Hier beim Grenzübertritt nach Ivangorod müssen wir die Fahrräder schieben und dürfen nicht fahren. Der Durchgang durch die Fussgängerschranken ist etwas eng, die Abwicklung der Formalitäten jedoch sehr speditiv.

Nun radeln wir auf der Fernstrasse Richtung St. Petersburg. Wieder mit dem Velo auf Russlands Strassen zu radeln, ist für uns ein spezielles Gefühl, einfach nicht alltäglich. Der Verkehr ist mässig. Auch wenn die Lastwagen und Autos in hohem Tempo an uns vorbeirattern, so ist es auf dem schmalen Seitenstreifen ganz angenehm zu fahren.

In Kingisepp angekommen suchen wir unser Hotel. Barbara hat über AllRussiahotels.com vor einigen Tagen eine Reservierung vorgenommen. Ein deutsches Radlerpärchen, welches vor einigen Tagen in diesem Hotel übernachtete, hat uns gesagt, dieses sei schwierig zu finden. Es fehlen die Hinweisschilder zum Hotel. Zudem sei dies in einem Einkaufszentrum versteckt. Doch wir haben einen vereinfachten Ortsplan und dort den angeblichen Standort des Hotels eingezeichnet. Nach der Brücke zweite Strasse rechts, beim Bahnhof vorbei, dann erste Kreuzung links. Doch dieser Weg führt uns ins Abseits. Wir landen in einer armen Gegend. Die Löcher in der Strasse sind so tief, dass die Autos diese im Schrittempo umfahren müssen. Von den Leuten am Strassenrand und vor ihren Häusern werden wir bemustert wie Menschen von einem anderen Planeten. Nun wissen wir, hier sind wir falsch.

Wir fahren auf die Hauptstrasse zurück. Beim Polizeiposten frage ich nach dem Weg. Den Hotelnamen haben wir in kyrillisch aufgeschrieben. Auf Russisch erklärt der Polizist mir den Weg. Nach zwei weiteren Anläufen stehen wir vor einem Einkaufszentrum. Daneben gut getarnt der Hoteleingang. Ich gehe zur Rezeption, um einzuchecken. Barbara bewacht die Velos mit Gepäck. Die Dame versteht mich nicht, spricht in Russisch auf mich ein. Ich zeige ihr auf meinem iPhone die Buchungsbestätigung, Buchungsnummer mit dem Übernachtungsdatum. Ich stelle fest, dass es hier WiFi gibt. Man benötigt dazu jedoch einen Code. Ich frage nach dem Kennwort und zeige das iPhone. Wenn ich Verbindung hätte, könnte ich mit dem Online Translator das Problem lösen. Sie schüttelt den Kopf, keine Internetverbindung und kein freies Zimmer mehr, so glaube ich zumindest aus ihrer Mimik zu verstehen. Resigniert verlasse ich die Rezeption. Barbara meint, lass es mich einmal versuchen. Nach einigen Minuten kommt meine liebe Frau die Treppe herunter und sagt schmunzelnd: Wir haben Zimmer Nr.2 und die Räder können wir in den 1. Stock hinten im Gang abstellen und den WiFi-Code habe ich auch. Nun verstehe ich die Welt nicht mehr. Doch ich muss ja nicht immer alles verstehen.

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Bei der Einfahrt in die Stadt über den Fluss Luga erblickt man die beeindruckende Katharinenkathedrale. Daneben wirken die desolaten Wohnsiedlungen der 50‘000 Einwohner zählenden Stadt bedrückend.

Donnerstag, 1. August 2013  Der letzte Tag auf dem Velo

Das Selbstbedienungsfrühstück im Hotel lassen wir aus. Es hat nebst einem Wasserkocher, einer Kaffeebüchse und einigen Teebeuteln nichts. Also gehen wir in den nahe gelegenen McDonald. So ärmlich das Quartier um den McDonald aussieht, so gediegen ist das Restaurant. Erstaunlicherweise herrscht hier bereits am Morgen grosser Andrang. Anhand einer bildlich illustrierten Menukarte können wir unser Frühstück bestellen.

Gestärkt fahren wir auf der Schnellstrasse St. Petersburg weiter. Der Verkehr ist mässig und der Seitenstreifen für uns Velofahrer schön breit.

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In Gurlewo verlassen wir die Schnellstrasse und radeln auf einer Nebenstrasse nordwärts. Nun hat es fast keinen Verkehr mehr. Auf beiden Seiten sehen wir unbewirtschaftete grosse Felder, gelegentlich verfallene Gebäude.

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Es regnet. Nicht immer, aber immer wieder. So ziehen wir unsere Regenmontur an, der Himmel hellt auf, wir schwitzen und ziehen die Regenkleider wieder aus. Eine Stunde später wiederholt sich das gleiche Prozedere.

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Die Ortschaften, durch die wir fahren, sehen arm aus. Sie verfügen über keinen Dorfkern, wie wir ihn kennen. Es gibt keine Strassencafés für eine Pause. In den grösseren Ortschaften sind es die Mehrfamilienhäuser, die noch bedrückender aussehen.

Über Land gibt es auch keine Möglichkeiten, sich etwas zu verweilen. So erreichen wir unser festgelegtes Tagesziel auf dem Feldflugplatz bereits um 14:30 Uhr. Es regnet wieder. Das Zelt aufstellen könnte man gleichwohl, doch was macht man in den nassen Kleidern im nassen Zelt den ganzen Nachmittag. Barbara hat die Idee, wir könnten bereits heute bis nach Peterhof fahren. Einfach etwas kräftiger in die Pedale treten, so dass wir vor der Dämmerung unser Endziel erreichen.

Eine gute Idee, denn am angenehmsten bei diesem feuchten regnerischen Tag ist eh, möglichst locker im Sattel zu sitzen, die Landschaft vom Velo aus zu bestaunen und vor sich hin zu träumen.

Wir nehmen uns aber dennoch die Zeit, die Festungsruine Koporje zu besichtigen. Die Burg wurde vom Deutschen Orden gegründet und galt als eine der stärksten Festungen der Gegend. Einmal mehr beeindruckt uns der im Mittelalter so mächtige Deutsche Orden mit seiner riesigen geographischen Ausdehnung.

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Nun steigen wir in unsere Sättel und nehmen die letzten 60 km in Angriff. Der Belag der Strasse ist gut bis sehr gut. Dennoch gibt es über wenige Kilometer immer wieder Abschnitte mit vielen Löchern, zum Teil ist die halbe Strasse wie aufgerissen. In Polen waren die Strassen aber insgesamt in wesentlich schlechterem Zustand. Mit zwei Rädern ist es aber viel einfacher, die Löcher zu umfahren als mit vier.

Wir befinden uns auf einer in der Strassenkarte gelb eingezeichneten Nebenstrasse. Doch der Verkehr nimmt immer mehr zu. Viele Lastwagen und Überlandbusse sind unterwegs, auch viele sportliche Autofahrer. Der Fahrstil wird ruppiger. Erschwerend kommt hinzu, dass auf der unebenen Strasse immer wieder grosse Wasserlachen liegen. Zeitweise werden wir mehr von den vorbeifahrenden Fahrzeugen geduscht als vom Regen. Die meisten Fahrer sind rücksichtsvoll, das heisst, sie nehmen beim Überholen genügend Abstand, gehen jedoch nicht vom Gaspedal. Dank unseren Rückspiegeln haben wir die Situation immer gut unter Kontrolle und weichen jeweils auf den unbefestigten Seitenstreifen aus, wenn auf unserer Höhe zwei Lastwagen kreuzen, denn dann wird der Platz für uns äusserst knapp.

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Im Abendverkehr erreichen wir unser Hotel in Peterhof. Die Tagesetappe von 123 km bei Regen, nassen Strassen und dem letzten Teilstück mit viel Verkehr, ist etwas lang geworden. Dafür gibt es anstelle einer nassen Zeltnacht nun eine herrliche Dusche und ein weiches Bett.

Am Abend gibt es bei uns kein Feuerwerk, sondern Verpflegung aus den Saggochen, denn diese müssen noch geleert werden. So endet bei uns der Geburtstag der Eidgenossenschaft.

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Freitag, 2. August 2013   Nachlese

Noch ist unsere diesjährige Reise nicht ganz zu Ende. Als Abschluss und sicher auch als einer der Höhepunkte stehen nun 5 Tage St. Petersburg auf unserem Programm.

Die Velotour ist jedoch Geschichte. Die Fahrräder sind bereits gereinigt, die Saggochen sauber und die schmutzigen Velokleider verstaut.

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Die Aufhellung über die Mittagszeit nutzen wir, nebst der Fahrradreinigung, um einige Fotos von der Kathedrale St. Peter und St. Paul und von der Zarenresidenz zu schiessen.

Die letzten Kilometer von Peterhof ins Stadtzentrum von St. Petersburg schenken wir uns. Da lassen wir die Velos und uns transportieren.

Es ist nicht selbstverständlich, dass auf den genau 2‘479 km alles unfall- und pannenfrei verlaufen ist. Dafür sind wir dankbar. Ein ganz grosses Merci an meine liebe Frau, die all dies einmal mehr mitgemacht und auch noch Freude an dieser Art des langsamen Reisens hat. Ich weiss dies zu schätzen.

In unserem Veloreisebuch „Baltikum per Rad“ hat Michael Moll in der Einleitung geschrieben: „Wer sich von Unkenrufen abschrecken lässt, weil es ja so furchtbar gefährlich sei durch die ehemaligen Sowjetrepubliken zu radeln, der hat es nicht anders verdient, als die drei Perlen am östlichen Ostseerand zu verpassen“. Auch wir hatten gewisse Vorurteile und viel Respekt. Insbesondere, da wir noch zweimal durch Russland radeln. In Internetforen haben wir viele positive wie auch negative Berichte gelesen.

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Um eine eigene Meinung bilden zu können, muss man es selber machen. Wir haben es gemacht und sind positiv überrascht, ja in einigen Teilen wie zum Beispiel Estland, sogar begeistert. Auch Barbara empfand diese Tour wesentlich angenehmer als erwartet. Es hatte viele Nebenstrassen und wie in Estland Velowege. Dass es auch andere Streckenabschnitte gibt, wie der letzte Teil der gestrigen Etappe, muss man bei jeder Tour in Kauf nehmen.

Ein ganz besonderes Dankeschön an René Loosli vom Reisebüro Loosli www.loosli-reisen.ch für die Speziallösung bei den russischen Visa, dem Transport Peterhof – St. Petersburg und den organisierten persönlichen Stadtführungen in Kaliningrad und St. Petersburg.

Last but not least, ebenfalls einen herzlichen Dank für die Gästebucheintragungen und die vielen E-Mails, die wir unterwegs bekommen haben. Wir schätzen diese Art der Kommunikation immer sehr. Zudem haben kurze Begegnungen auf der Strasse oder in einem Café dazu geführt, dass wir den Gedankenaustausch via E-Mail weiter pflegen werden. Erwähnenswert ist natürlich Valdis aus England, der nicht Deutsch versteht, jedoch via automatischen Translator unsere Homepage liest und uns nette Rückmeldungen zukommen lässt.

Mittwoch, 7. August 2013   St. Petersburg

Über St. Petersburg sagt man, es sei ein architektonisches Gesamtkunstwerk, geschaffen um zu präsentieren. Genau so empfinden wir diese Stadt, die einfach anders ist, als andere Städte. Es gibt keinen Altstadtteil mit verwinkelten Gässchen. Es wirkt, als wäre alles wie aus einem Guss entstanden.

Zwei Tage genossen wir eine Privatstadtführung und etwas mehr als zwei Tage haben wir die Stadt auf eigene Faust entdeckt.

Wir haben viele Paläste, Museen und Kathedralen bewundern können.Wir wären überfordert, all die gesehenen Eindrücke mit eigenen Worten nieder zu schreiben. Und aus Wikipedia oder aus einem Reiseführer wollen wir nicht abschreiben. So beschränken wir uns auf zwei Erlebnisse, die uns nebst den architektonischen und geschichtlichen Höhenpunkten ganz besonders beeindruckten.

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Dinieren in St. Petersburg

Vor drei Tagen hat uns die Reiseführerin in das Podvorye Restaurant in Pavlovsk, einem Vorort von St. Petersburg, eingeladen. Es sei ein Ort, in welchem Präsident Putin immer wieder diniere, wenn er hier in St. Petersburg sei.

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Essen und Trinken waren schon vorausbestellt. Das 4-Gang-Menu bestand aus klassischen russischen Gerichten, unter anderem aus Kohlsuppe mit roter Rübe und Sauerrahm, einem Pilzgericht, Kohlrouladen mit Hackfleisch gefüllt, etc. Beeindruckt hat uns die Getränkepalette, die aufgestellt wurde. Eine Flasche Rotwein Cabernet vom schwarzen Meer, eine Flasche Weisswein aus der gleichen Gegend. Eine Flasche Wodka (klein) und eine grosse Flasche Mineralwasser. Alles sei bezahlt, wir sollen einfach so viel trinken wie wir Lust hätten. Etwas viel für ein Mittagessen zu Dritt. Da können wir mit den Russen nicht ganz mithalten. Das Mineralwasser haben wir auf alle Fälle nicht geschafft, da die Reiseleiterin uns erklärte, solange es Wein gebe, da trinke sie kein Wasser.

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Am Folgetag wagten wir uns in ein typisch russisches Selbstbedienungsrestaurant. Es heisst „1 Kopeke“. Dies sei, so hat man uns erklärt, der frühere Einheitspreis für ein Essen gewesen. (heutiger Umrechnungskurs: 100 Kopeken ergeben 1 Rubel und 1 Rubel kostet 3 Rappen). Natürlich kosten die einfachen Speisen hier nicht mehr eine Kopeke, sondern

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zwischen 100 und 200 Rubel. Die Bestellung war nicht einfach, doch Barbara liebt Herausforderungen betreffend Menubestellungen auf Russisch.So haben wir im teuren St. Petersburg, mitten in der Stadt, für wenige Franken ein Mittagsessen bekommen.

Gestern Abend gönnten wir uns zum Abschluss im Stroganoff Steak House ein feines Chateaubriand. So haben wir die kulinarische Exkursion in St. Petersburg abgerundet.

U-Bahn von St. Petersburg

Mehrere Stunden sind wir auch mit der U-Bahn gefahren. Besonders auf der roten Linie 1. Es reizte uns nicht, das Fahren mit einer Untergrundbahn, nein. Es war die Ausstattung der Rolltreppen mit den teils alten verschnörkelten Lampen, die Marmorböden, die Säulen aus Granit und Marmor, teils mit Glaskristallen überzogen. Auch die grossen Mosaikbilder und die Statuen faszinierten uns. In einigen Haltestellen glaubte man, in einem Museum zu sein. Beeindruckt waren wir zudem von der Sauberkeit. Keine Zigarettenkippen, kein Papierchen, nichts liegt am Boden oder auf den Schienen, dabei haben wir nicht einen einzigen Kehrichtkübel in den U-Bahnstationen gesehen. Auf der roten Linie verkehren die Züge im 2 bis 3 Minutentakt. Eindeutig zu wenig Zeit, um eine Haltestelle zu besichtigen und auf den nächsten Zug zu springen.

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Kathedralen und Kirchen in St. Petersburg

Nach der Revolution von 1917 wurden die Kirchen mit den dazugehörenden Immobilien verstaatlicht. Die Gotteshäuser wurden, wie bereits in Kaliningrad be-schrieben, umgenutzt. Eine ganz beson-dere Zweckentfremdung erfuhr die grösste lutherische Kirche Russlands, die St. Petri Kirche. Im Jahre 1963 wurde das Kirchen-schiff zu einem Schwimmbad umgebaut. Eine Fotoausstellung in der Kirche doku-mentiert diese Zeitepoche 

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Heute würde man Wochen benötigen, um all die prächtig renovierten kirchlichen Bauten genauer zu besichtigen und sich mit der Geschichte vertiefter auseinander zu setzen.

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Auferstehungskirche

Noch etwas für die Wetterstatistiker

Wir haben Buch geführt und können deshalb genau Auskunft geben:

Unsere Reise dauerte genau 62 Tage.
An 7 Tagen hatten wir etwas Regen, zum Teil nur einige Minuten. An 6 Tagen war es längere Zeit bewölkt mit nur wenig Sonne. Die übrigen Tage, d.h. mehr als 80% hatten wir Sonne pur oder nur ganz kurze Abschnitte mit Bewölkung. Anders gesagt, wir genossen Superwetter.

Preise

St. Petersburg sei sehr teuer geworden. Deshalb nutzen viele St. Petersburger die erleichterten Ausreisemöglichkeiten nach Helsinki. Dort sei es viel günstiger einzukaufen.

Vor einigen Wochen hat man uns erzählt, dass die Bewohner von Helsinki mit der Fähre nach Tallinn fahren würden, da es dort viel günstiger zum Einkaufen sei. So schliesst sich der Kreis.

Zum Abflug bereit

Unsere Räder und das Gepäck sind verpackt. Heute Abend geniessen wir den letzten herrlichen Sommerabend. Morgen fliegen wir nach Hause.

 

Mehr Informationen zum gesamten Streckenbeschrieb und Übernachtungsmöglichkeiten gehe zu:
Hintergrundinfo. zu Strecke und Übernachtungen etc.