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Sonntag, 14. Mai 2017

Mit dem flugtauglichen Verpacken unserer Velos haben wir bereits einige Erfahrung. Dennoch ist es immer ein spannender Augenblick, wenn wir unsere zerlegten Velos aus den Velokisten nehmen und wieder zusammensetzen. Auch bei diesem Flug haben die Kisten einiges abbekommen. Eine Seite ist aufgerissen und bei Barbaras Velo ist die Nabe des Vorderrades durch den Karton gebrochen.

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Nach einer kritischen Begutachtung kann ich Entwarnung geben. In einer ruhigen Ecke der Empfangshalle können wir die Velos zusammensetzen, das Gepäck in die Saggochen umpacken und dann geht es bereits los. Zuerst etwas wackelig mit all dem Gepäck.

Kurz nach dem Verlassen des Flughafenareals entdecken wir einen Veloweg. So pedalen wir ruhig Richtung Edinburgh. Erst in der Stadt wird es hektisch. Doch immer schön auf der linken Seite fahren, dann geht’s prima.

Die letzte Hürde ist das Deponieren unserer Räder im Minigepäckraum des Hotels. Obschon uns zugesichert worden war, dass wir die Räder im Hotel eine Woche stehen lassen können, braucht es einige Überredungskünste, bis der Portier uns einen Platz für unsere Velos zuweist.

Die Räder bleiben nun eine Woche im Gepäckraum, da wir uns in den kommenden Tagen zusammen mit Doris und Xaver auf vier Rädern durch Schottland bewegen werden.

Rundreise durch die Highlands und entlang der schottischen Küste gehe zu:
"Mit dem Auto durch Schottland"

Dienstag, 23. Mai 2017

Heute befreien wir unsere Räder aus dem muffigen Minigepäckraum, schnallen unsere Saggochen und Rucksäcke auf und verlassen Edinburgh. Die Sonne begleitet uns. Nachdem wir die Küste erreichen schiebt uns der starke Wind südwärts. Genauso, wie es Velofahrer lieben.

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Die Strecke führt meistens direkt der Küste entlang, oft auf dem John Muir Fernwanderweg. Für Velofahrer zwischendurch etwas holperig, dafür weg von jeglichem Verkehr.

Locker erreichen wir das Fischerstädtchen North Berwick, im Wissen, dass nicht jeder Tag so ein „Easy-Day“ werden wird.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Frauen sind robuster und haben breitere Schultern. Diesen Spruch habe ich irgendwo einmal aufgeschnappt. Das mit dem robuster erhärtet sich heute nicht. Bei den starken Steigungen von der Bucht Ford auf die Anhöhe schwitzen wir beide.  Doch es gibt Streckenabschnitte, die über die Ebene führen und da schiebt der Wind uns kräftig südwärts. Nebeneinander lassen wir uns „treiben“, ohne die Pedale zu berühren. Und immer wieder ist Barbara schneller als ich. Dies, so bin ich überzeugt, muss an den breiteren Schultern von Barbara liegen. Meine liebe Frau dagegen behauptet, weil sie viel leichter sei als ich, werde sie vom Wind wie eine Feder über die Strasse getragen.

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wenn's steil bergauf geht, da hilft auch der Wind nicht viel ...

Wir wollen uns nicht beschweren. Viel Sonne, T-Shirt Velowetter und wie bereits erwähnt, viel Rückenwind. Dazu eine abwechslungsreiche Strecke entlang der Küste oder auf Nebensträsschen durch Dörfer und grosse Weiden mit Schafen und nochmals Schafen.

Wir steigen in einem B&B in Eyemouth ab und werden herzlich willkommen geheissen. Anne, die B&B-Besitzerin erkundigt sich, was wir morgen zum Frühstück essen möchten. Bereits morgen werden wir Schottland verlassen und ich habe immer noch kein „Haggis“ gegessen. Es ist die letzte Chance. So bestelle ich mir zum Frühstück die schottische Spezialität „Haggis“, bestehend aus Innereien eines Schafsmagen.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Heute steht nur eine Kurzetappe auf dem Programm.  Also haben wir Zeit. Das liebevoll zubereitete Frühstück in diesem B&B wird uns an den Tisch gebracht. Wer Blut- und Leberwurst gerne hat, dem schmeckt auch „Haggis“. Für mich ist es ein ausgezeichnetes Frühstück. Barbaras Kommentar lassen wir für einmal bei Seite.

Beim Frühstück erkundigen wir uns, ob Auffahrt hier in Schottland auch ein spezieller Feiertag sei. Anstelle eines Nein oder eines Ja bekommen wir eine Unterrichtsstunde über die Loslösung Englands von der katholischen Kirche und über die Besonderheiten des praktizierenden anglikanischen Glaubens hier in gewissen Teilen Schottlands. Wir wissen nun auch, dass Eyemouth fünf Kirchen hat, diese aber an den Sonntagen fast immer leer bleiben. Auch unsere Gastgeberin Anne und ihre Schwester haben Zeit. Wir sind die einzigen Gäste. So erzählen sie uns von einem kleinen Nachbardorf. Dort sei ein reicher Mann verstorben. In seinem Testament habe er sein Vermögen der Gemeinde vermacht. Das Vermächtnis sei jedoch mit der Verpflichtung verbunden, dass im Dorf entweder eine Kirche gebaut werde oder aber ein Pub. Bis heute hätten sich die Gemeindebehörden nicht einigen können und so hat das Dorf immer noch keine eigene Kirche und kein eigenes Pub. Anne fügt an, ein Pub würde sicher mehr Leute anziehen.

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über die Anhöhen

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Am Nachmittag erreichen wir die Grenze zu England. Falls sich Schottland doch von Grossbritannien loslösen wird, ein Schild „Welcome to Scottish Border“ steht bereits. Sonst merkt man nicht viel. Überreste der alten Hadrianswall, welche die Römer errichteten, um die wilden Schotten von Britannien fernzuhalten, können wir nirgends sehen.

Freitag, 26. Mai 2017

Ich wusste es. Bei starkem Gegenwind sind diejenigen mit breiten Schultern im Nachteil. Doch auch die anderen müssen etwas leiden. Die Strecke auf den Anhöhen der Klippen durch die Felder zwischen den Schafweiden mit der fantastischen Aussicht auf die Meeresbrandung ist trotz den vielen „Auf und Abs“ fantastisch.

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Nein, nein, das können nicht wir sein, denn wir sind mit den Velos unterwegs ...

Bevor die Flut kommt wollen wir auf die Insel Lindisfarne pedalen. Die Strasse ist nur bei Ebbe befahrbar. Bei Flut steht sie unter Wasser. Der Abstecher muss allerdings erlitten werden. Die Windböen peitschen den Sand ins Gesicht. Barbara meint, es fühlt sich wie ein Peeling an. Ich weiss nicht einmal was das ist, doch es tut weh.

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Die Belohnung auf der Insel ist ein ausgiebiges Znüni mit zwei grossen Cappuccinos. Die Rückfahrt auf das Festland dauert keine 20 Minuten. Wie an den Vortagen bläst uns der Wind wieder zurück ans Festland. Doch dann greift er uns wieder von vorne an. Es ist ein warmer Wind und so fühlen wir uns wie im Sommer. Schweissperlen gehören zum Velofahren.

Samstag, 27. Mai 2017

Einmal mehr führt der nationale Veloweg direkt der rauen Küste entlang. Holperig mit vielen kurzen aber starken Steigungen geht es südwärts, der Wind immer schön von vorne. Barbara würde lieber den etwas weniger anstrengenden Weg auf der geteerten Strasse nehmen. Die Strecke direkt der Küste entlang wird als „Not suitable for road bikes“ bezeichnet. Ich übersetze dies mit „nicht befahrbar mit Rennvelos“. Unsere Wege trennen sich aber nicht. Wir einigen uns für den Küstenradweg. Unterschiedlich bleiben die Themen, die uns im Moment beschäftigen.  Barbara geht in Gedanken den Inhalt ihrer vier Saggochen durch und zählt all die überflüssigen Kleider auf, die sie über die Hügel schleppt genauer gesagt, schleppen muss. Sie will in Newcastle die unnötigen Sachen nach Hause schicken. Anmerkung des lieben Ehemannes mit langjähriger Erfahrung mit optimierter Veloausrüstung: Was in den kommenden Wochen unnötig ist oder nicht, das wird sich erst noch weisen. Denn das Wetter wird laut Prognose umschlagen und damit vielleicht auch Barbaras Meinung. Ich vermisse auf der Strecke hier keine Poststelle. Lieber wäre mir ein Pub oder zumindest eine Cafébar mit Blick auf die schönen Klippen. 

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... oder eben nur eine Bank mi Blick aufs Meer, wo wir unser Standard-Mittagessen  "Activia-Joghurt" geniessen können.

Sonntag, 28. Mai 2017

Ein sonniger Sonntag, an welchem es die Leute ans Meer zieht. Den Strandpromenaden entlang wird es für uns Velofahrer eng. Auf der Strasse mit den Autos noch enger. So lassen wir uns treiben und geniessen die Betriebsamkeit. An einem der Strände tummeln sich die Kinder im Wasser, springen von der Hafenmauer ins Meer, kreischen und schreien. Uns fröstelt es nur schon vom Zuschauen. Ich erkundige mich bei einem „Life Guard“, wie warm das Wasser sei. So etwa 10 Grad Celsius, erklärt er uns. Das scheint all die Kids nicht zu stören. Die Erwachsenen, die schaffen es nur bis zu den Knien ins Meer.

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Heute bekommen wir nicht nur Strände mit Klippen und die breiten Sandbänke zu Gesicht. In der Nähe der Stadt Blyth führt der Veloweg durch Industriegebiete. Teils verfallene Fabriken und Strassen, die mehr Löcher als Teer aufweisen. Entlang der Strecke liegt viel Abfall herum. Die Arbeitersiedlungen sehen triste und schmutzig aus.

Die Tyne überqueren wir mit der Fähre (sogar an der Fähre ist die North Sea Cicle Route 1 angeschrieben) und erreichen nach 73 km unser Tagesziel in South Shields.

Die Etappenlängen mussten wir in den vergangenen Tagen nach den Unterkunftsmöglichkeiten richten. Der letzte Montag im Monat Mai ist jeweils „Spring Bank Holiday“. Viele Schule haben eine Woche davor und danach Schulferien. So nutzen nicht nur die Banker dieses verlängerte Wochenende für Urlaub. Doch ab nächster Woche soll es wieder ruhiger werden, so dass wir kurzfristig und spontan nach einer Unterkunft Ausschau halten können.

Montag, 29. Mai 2017

Heute nach 6 Velotagen gibt es nun einen Ruhetag. Es regnet und so können wir bei einem Cappuccino mit Blick aufs Meer die nächsten Tage planen. Zu Hause haben wir die Strecke mit den Übernachtungsmöglichkeiten vorbereitet. Doch dieser Plane bedarf bereits eine Überarbeitung.

 

Nun noch etwas in eigener Sache:

Lieber Ralph

Im Herbst 2015 sind wir hier in South Shields mit den Velos angekommen. An einige Abschnitte konnte ich mich noch genau erinnern, und zwar nicht nur an jene, wo es in einem Pub einen Boxenstopp gab.

Wir fuhren damals von hier mit dem Zug zurück nach Edinburgh. Barbara und ich radeln nun weiter südwärts.

Du kennst es, man ladet von einem Buch eine Probelesung herunter. Wenn es dann so richtig spannend wird, steht: „Lust auf mehr – jetzt kaufen“. Falls du lieber Ralph Lust auf mehr hast, du kannst dich jederzeit anschliessen. Es gäbe da noch eine andere Option. Die North Coast 500 in Schottland. Ich habe diese Strecke bereits kurz erwähnt. Eine 500 Meilen lange Küstenstrasse für Männer, die nicht immer im Wohlfühlbereich unterwegs sein möchten. Ich wäre mit dir dabei und würde mit dir leiden.

 

Pub

Eine der Lebensqualitäten, die Grossbritannien zu bieten hat, und die auch wir schätzen (Edi etwas mehr als Barbara), das sind die Pubs. In diesen Lokalitäten herrscht immer eine gute und ausgelassene Stimmung. Es sind Jung und Alt, die sich bei einem oder zwei Pints von den alltäglichen Sorgen lösen und die Geselligkeit bei lauter Musik geniessen. Für uns beginnt die erste Herausforderung jedoch mit der Wahl des Biers. Bis zu 10 verschiedene Biermarken, alle vom Fass versteht sich, stehen jeweils zur Auswahl. Nicht selten wird die Entscheidung durch ein „Versuecherli“ unterstützt. Es muss ja nicht immer Lager sein. Zwischendurch darf es auch ein obergäriges Bier sein.

Auch heute haben wir uns in eines der Pubs verirrt, dem Mechanics Arms Pub. Es herrscht ein Gedränge. Die Band „Troubelschooters“ spielt, alles Ohrwürmer, und das Bier fliesst in Strömen. Besonders sympathisch finden wir, dass ältere Frauen und Männer an der Bar oder in einer Ecke sitzen und den Trubel voll zu geniessen scheinen. Beruhigend, wir können mindestens in den nächsten 20 Jahren noch Pubs besuchen.

Dienstag, 30. Mai 2017

Barbara hat sich nicht entscheiden können, was sie nun nach Hause schicken soll. Ich konnte sie beruhigen. Es gibt Probleme, die lösen sich von selbst. Je länger wir diesen Entscheid aufschieben, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass das überflüssige Gepäck mit uns zusammen zu Hause ankommt. Zudem müssen wir uns nie ärgern, das falsche nach Hause spediert zu haben.

Heute ist eh nicht Barbaras Tag. Sie ärgert sich über den Schmutz, der überall entlang des Veloweges herumliegt. Es gibt Abschnitte, da bekommt man das Gefühl, der Radweg sei eine dezentrale Abfallentsorgung. Ein zerfetztes Sofa liegt neben viel anderem Müll einfach entlang des Radweges. Meine liebe Frau hat sich zur Aussage hinreissen lassen, dass es ihr hier vorkomme, wie im Hinterland von Polen. Für diese Aussage möchte ich mich bei England in aller Form entschuldigen.

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Hier führt der Veloweg auf dem Trassee einer stillgelegten Eisenbahnlinie.

Engländer lieben Hunde. Auf den Promenadenwegen und an den Stränden hat es oft mehr Hunde als Kleinkinder. Selten spaziert eine Person mit nur einem Hund. Meistens sind es zwei, es können auch bis zu einem halben Dutzend sein. In der einen Hand die Hundeleinen und in der anderen ein Smartphone. Verständlich, mit einem Hund kann man ja keine vernünftige Konversation betreiben. Die engen Radwege sind für Hundespaziergänger besonders gefragt. Lobend muss ich festhalten, dass uns bisher kein Hund nachgerannt ist oder uns angebellt hat. Diese Vierbeiner sind richtige „Gentlemens“. Einzig das mit ihren Häufchen ist so eine Sache. „Doggybags“ kennt man hier in England noch nicht so ausgeprägt. So liegen all die Häufchen meistens mitten auf dem schmalen Radweg. Auch über dies kann Barbara schimpfen wie ein Rohrspatz. Die verunreinigten Velowege sind jedoch nicht die Schuld der Hunde, sondern deren Halter. Dennoch würde ich gerne einmal einen Hund interviewen und ihn fragen, warum die Häufchen nicht am Rande des Veloweges oder etwas abseits im Gras deponiert werden könnten.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Herrliches Wetter mit viel Wind. Am Abend haben wir jeweils das Gefühl, wir kämen von einer längeren Bootsfahrt zurück. Der Boden ist zu Beginn etwas wackelig unter den Füssen und dies bevor wir den ersten Schluck von einem Pint genehmigen. Es ist der Wind, der uns auf den Velos jeweils den ganzen Tag durchschüttelt.

Der heutige Höhepunkt ist nach einem exquisiten Nachtessen (das Beste, das wir hier in England bisher hatten) ein ausgiebiger Spaziergang hinunter zum Strand von Saltburn. Trotz des kalten Windes, das Meer wird sicher auch nicht viel wärmer sein, messen sich viele Surfer mit den Wellen.

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 Wir haben einen ersten Ausblick für die morgige Etappe erkundet. Es wird eine „Bergetappe“ geben. Steigungen von 25% sind angekündigt. Ich beruhige Barbara. Wenn wir morgen 100% unseres Einsatzes geben, dann haben wir immer noch 75% Reserve.

Donnerstag, 1. Juni 2017

Die gestern errechneten 75% Reserven erweisen sich nicht als richtig. Irgendwo muss ein Überlegungsfehler stecken. Das Schild „25%“ steht heute mehrmals entlang des Weges. Der erste Anstieg auf die Anhöhen der Klippen ist auf einem schmalen Saumpfad auf losem Untergrund. Fahren keine Chance, schon beim Schieben kommen wir an unsere Grenzen. Der Weg ist auf beiden Seiten mit Gestrüpp und Dornen gesäumt. Wir sind fast auf der Anhöhe, da steht plötzlich ein Pferd vor uns. Die Reiterin kann auf dem schmalen Pfad nicht wenden. Wir unsere Velos auch nicht. Kreuzen ist zu eng. So gehen wir rückwärts wieder bergab bis zu einer Stelle, wo wir uns aneinander vorbeizwängen können.

Zwischen Staithes und Whitby ist die North Sea Cycle Route einfach unterbrochen. Wir müssen auf die A174 ausweichen. Es wird uns bewusst, wie schön es eigentlich ist, mit den Velos auf den verkehrsfreien oder verkehrsarmen Strassen radeln zu können.

Gegensätze könnten nicht grösser sein. Ab Whitby, wobei es noch eine Herausforderung ist, bis wir den Rampenaufgang auf das Bahntrassee finden, geht es locker weiter, und zwar auf der stillgelegten Eisenbahnstrecke Whitby – Scarborough. Wie toll, keine Steigungen von mehr als 2%.

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Dieser Viadukt der stillgelegten Cinder Track-Eisenbahnstrecke ist nun ein Bestandteil der North Sea Cycle Route und kann nur noch für Radfahrer, Reiter und Fussgänger benutzt werden.

 

Freitag, 2. Juni 2017

Heute geht es auf dem Cinder Track weiter. Wir sind fasziniert, wie die Bahn-Ingenieure durch das zerklüftete Gebiet mit den tiefen Klippeneinschnitten durchs Hinterland einen Weg gefunden haben, auf dem das Bahntrassee kontinuierlich um ca. 2% steigt. Bei Ravenscar erreicht die Bahn den höchsten Punkt. Wir stellen uns vor, wie es vor 100 Jahren gewesen sein muss. Die Dampflokomotive war sicher nicht viel schneller unterwegs als wir heute. Wir geniessen den Blick auf die Küste mit den teils schroffen Klippen, dann geht’s durch Wald mit grossen Farnen und durch Wiesen mit weidenden Schafen. Wir radeln genussvoll diese 25 km bis zur Endstation in Scarborough.

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Fernradfahrern sind uns seit Tagen keine mehr begegnet, dafür viele Wanderer. Diese Strecke ist eine sehr bekannte und beliebte Fernwanderroute. Vielleicht sind es all die Wanderer, welche in dieser Gegend die Zimmer belegen.

Ab Scarborough stellen wir wieder fest, dass die Strassen-Ingenieure die Streckenführung der Strassen anders angehen. Einfach direkt in den Hügel bauen. Maximale Steigung von 25% sind erlaubt, mehr aber nicht.

Samstag, 3. Juni 2017

Gestern benötigten wir drei Anläufe, bis wir das Hotel an der Promenade in Bridlington gefunden hatten. Es gibt keine Ausreden, wir waren einfach zu müde. Sogar zu müde, um das iPhone mit dem maps.me zu aktivieren. Barbara hatte ein Schnäppchen buchen können: Eine Suite mit Meersicht zu einem Preis eines günstigen B&B.

Heute, bevor wir in die Stadt Kingston-upon-Hull einfahren, aktivieren wir nun maps.me. Im hektischen Abendverkehr erreichen wir auf Anhieb unser Hotel. Am Eingang stehen zwei Männer in dunklen Anzügen. Der eine erkundigt sich, ob wir hier reserviert hätten. Nachdem wir dies bejahen, begrüsst er uns mit dem Hinweis, er sei der Manager dieses Hotels. Er ruft einen Pagen herbei, der unser Gepäck in Empfang nimmt. Die sichere Unterbringung unserer Räder ist ebenfalls Chefsache. Zugegeben, es ist eine der teuersten Unterkünfte, welche wir bisher auf unserer Reise gebucht haben. In der weiteren Umgebung ist alles ausgebucht. Nun wissen wir auch warum. Die Gründe sind ein Rugby-Finalspiel und ein zweiter Grossanlass. Nächste Woche würde unser Zimmer noch einen Viertel des heutigen Preises kosten. Nun ist die Bilanz wieder ausgeglichen: Gestern Schnäppchen heute Basarpreis.

Heute Abend geht es noch in den „Ausgang“. Barbara freut sich nach den Tagen der Natur und der Ruhe wieder auf etwas Betriebsamkeit. Nicht nur Betriebsamkeit in einem Pub, versteht sich. Wir schlendern durch die Altstadt und suchen ein italienisches Restaurant, denn heute sind Spaghetti gefragt!

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Leuchtschiff Spurn: Der Fluss Humber ist einer der schwierigsten Flüsse der Welt zum Navigieren. Das Leuchtschiff Spurn war ein Teil der Leuchttürme, die den sicheren Schiffsverkehr bis 1983 unterstützten.

Sonntag, 4. Juni 2017

Gestern Abend herrschte in der Stadt eine ausgelassene Stimmung. Bis in die Morgenstunden hörten wir nicht nur das bunte Treiben, sondern auch immer wieder die Sirenen der Polizei und Ambulanz.

Heute Morgen verlassen wir eine schlafende Stadt. Wenige Kilometer später müssen wir den Humber Fluss überqueren. Wir können zwischen der Fähre und der Humber-Bridge wählen. Wir entscheiden uns für die Brücke. Dies ist immer etwas Besonderes, wenn es sich um ein so imposantes Bauwerke handelt.

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Die Humber-Brücke war für mehrere Jahre mit einer Gesamtlänge von 2,2 km die längste Hängebrücke der Welt. Die Länge der für die Brücke benötigten Stahlseile würden fast zwei Mal um den Äquator reichen. Die Pfeiler stehen wegen der Erdkrümmung oben mehr als 3 cm weiter voneinander entfernt als unten. Es gäbe noch viele weitere beeindruckende Kennzahlen zu erwähnen.

Auf verkehrsarmen, hügeligen Nebenstrassen erreichen wir die Ortschaft Market Rasen. Nach über 700 km schliessen wir hier den ersten Teil unserer Strecke Edinburgh – London mit einigen Gedanken zum Velonetz in Schottland und England ab.

Das nationale Veloverbundnetz in Grossbritannien

Das nationale Velonetz von Grossbritannien mit mehr als 20’000 km ist beeindruckend. Die Beschilderung mit wenigen Ausnahmen hervorragend. Die Streckenführung, wenn nicht auf eigenen Velowegen, dann auf verkehrsarmen Nebenstrassen.

So macht uns das Velofahren Spass. Wir können unbeschwert durch die Velowegweiser geleitet durch die schönen Küstenwege, durch Wälder und Landwirtschaftsgebiet radeln. Selbst durch die Städte führen die nationalen Velowege durch fahrradfreundliche Nebensträsschen.

Doch es gibt Streckenabschnitte, da fehlt die Beschilderung oder ist zumindest sehr mangelhaft. Auch das haben wir erlebt. Dafür haben wir unser iPhone-Navi. Das offline maps.me ist fantastisch. Viel besser als das Garmin GPS mit der entsprechenden Europakarte. So schalteten wir durch eine der Städte das maps.me ein. Wir wurden sicher durch die Stadt auf den Fernradweg geführt. Irgendwann war der Akku von meinem iPhone leer. Wir befanden uns auf dem richtigen Radweg, deshalb sahen wir uns nicht genötigt, das iPhone von Barbara zu aktivieren. Doch danach hatten wir irgendwann die nicht beschilderte Abzweigung verpasst. Dies fiel uns erst nach einigen Kilometern auf, als die Fernradwegbezeichnung nicht mehr stimmte. Zuerst ärgerte ich mich über die Ungenauigkeit der englischen Velokarte, bis ich zur Erkenntnis kam, es liegt nicht an der Velokarte, sondern an mir.

Wir sind lernfähig und nun viel aufmerksamer geworden.

Ich werde am Schluss unsere Erfahrungen und die Besonderheiten des Nationalen Velonetzes von Grossbritannien für Interessierte in einem separaten Beitrag noch ausführlicher behandeln.

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Das ist einer der Tausend speziellen Wegweiser des National Cycle Networks, welche die Royal Bank of Scotland anlässlich des Millenium Projektes gesponsert hat. Dies war noch vor der Finanzkrise, das heisst, bevor die stolze Royal Bank of Scotland durch den Staat vor der drohenden Insolvenz gestützt werden musste.